Sprachlos vor dem unbegreiflichen Gott

Predigt zum 2. Fastensonntag – Lesejahr A

Lesungen: Gen 12,1-4a / 2 Tim 1,8b-10 / Mt 17,1-9

Alle liturgischen Texte (hier)

Die Predigt hier anhören

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Ganz unterschiedliche Lesungen haben wir heute gehört. In einer Predigt ist es nicht möglich, jeden Text so zu erschließen, dass man ihn versteht und einen guten Gedanken mitnehmen kann als  Hoffnung und Trost für den Alltag.  Wir stehen ja zur Zeit sprachlos vor der Natur- und Technikkatastrophe in Japan. Alle Versuche, diese schrecklichen Ereignisse zu begreifen und dabei auch noch an einen guten Gott zu glauben, müssen scheitern.

Bei der Auswahl der Lesungen für diesen Gottesdienst haben sich die Theologen schon etwas gedacht, auch wenn sie nicht ahnen konnten, in welche geschichtliche Situation sie hineingesprochen werden. Es war ja auch der Wunsch des 2. Vatikanischen Konzils, den Gläubigen den „Tisch des Wortes Gottes“ reichlicher zu decken. Aus der großen Sammlung der Bücher der Hl. Schrift sollten möglichst viele wichtige Texte zu Gehör gebracht werden.

Ein Grundgedanke findet sich bei allen drei Lesungen: etwas Neues ist im Kommen. Der Blick wird nach vorne, in die Zukunft gerichtet.

So hört Abraham den Ruf, seine Heimat zu verlassen und in ein noch unbekanntes Land aufzubrechen. Wegzuziehen aus seiner Wohnwelt, seine Freude und Verwandte zurückzulassen, das ist nicht einfach. Wer verlässt schon gern die vertraute Umgebung? Wer geht ohne Angst in eine ungewisse Zukunft!  Die Einladung Gottes bleibt im Blick auf das Ziel sehr vage: „Geh in das Land, das ich dir zeigen werde“ – Ja, welches Land? „… das ich dir zeigen werde“. Geh nur zu und Du wirst es unterwegs schon noch erfahren. Für die Japaner ist dies ganz aktuell: wohin sollen sie gehen, wo eine neue Existenz gründen?

Da braucht es schon einen großen Glauben, um in eine so unsichere Zukunft aufzubrechen.  Man muss sich darauf verlassen können, dass da wirklich ein Neuland, eine neue Heimat auf einen wartet. Abraham glaubte Gott. Und er brach auf. Weil er dem Ruf Gottes folgte, seiner Verheißung und Führung vertraute, begann für ihn ein neues Leben.

Neu ist auch, was Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus schreibt – neu im Blick auf die alte Menschheitsfrage, wie man für die Mitmenschen zum angenehmen Zeitgenossen werden kann. Ob wir in den Augen anderer angenehm – annehmbar – sind, das ist eine wichtige Frage. Es gibt nicht Schlimmeres, als zu denken, man sei unerwünscht und nicht anerkannt. Deshalb strengen wir uns ja an, vor unseren Mitmenschen gut und gerecht zu erscheinen. Manchmal wird diese Anstrengung zum bitteren Zwang und zu einer Last, die uns jede Lebensfreude raubt. Die zahlreichen Castingveranstaltungen, die Miss-Wahlen und Preisverleihungen sind nur die maßlose Übertreibung eines alllgemeinen Wunsches: jeder Mensch möchte gern gesehen werden.

Ähnlich geht es uns im Blick auf Gott. Auch vor ihm, vor der letzten Instanz, möchten wir gut dastehen. Deshalb, so haben wir es ja gelernt, bemühen wir uns um „gute Werke“, damit wir wenigstens etwas vorweisen können. Paulus kennt diese allzumenschliche Neigung. Er hat aber eine andere Erfahrung gemacht, die sein Leben von Grund auf veränderte. Immer mehr verstand er, dass Gott ihn nicht aufgrund guter Werke, die er hätte zu seinen Gunsten vorweisen können, sondern aus freier Wahl – aus Gnade – angenommen hat, ohne Verdienst.

Das ist das Neue, das ist eine Offenbarung, die das bisherige religiöse Wissen sprengt. Paulus verknüpft diese Erfahrung mit Jesus von Nazareth. Jesus ist für ihn der Retter, der Gesandte und Gesalbte Gottes. In seiner Gestalt wurde für Paulus das menschenfreundliche Antlitz Gottes offenbar, in seinem Wort wurde der einladende Ruf Gottes vernehmbar: lass Dich versöhnen, glaube nur, dass Du angenommen bist – und hab keine Angst. Für Gott und vor Gott sind Defizite und Mängel, Sünden und Schwächen kein Hindernis. Seine Gnade schenkt er – gratis – (dieses Wort stammt ja vom lat. gratia = Gnade) allen, die sie anzunehmen bereit sind.

Und die dritte Neuheit leuchtet auf dem Berg der Verklärung auf. In der verhüllenden Wolke wird das neue, das ganz andere Gottesbild belichtet: dass nämlich Gott ein menschliches Antlitz trägt, war den Menschen vor dem Erscheinen Christi, nicht geläufig. Dass Gott in Jesus von Nazareth wirklich unter uns wohnt, konnte niemand zur Lebenszeit Jesu für möglich halten. Selbst die damalige religiöse Elite, die Schriftgelehrten und Pharisäer, trauten dem nicht! – Wie kann Gott ein Mensch sein, so fragten sie verstört? Und noch mehr: wie kann einer, der am Kreuz einen Verbrechertod stirbt, Gott sein.

Die drei Jünger haben auf dem Berg Tabor sozusagen über die Schwelle des Todes schauen dürfen. Die Verklärung Jesu ist die Vorausschau der Auferstehung. Es ging ihnen ein Licht auf. Freilich nur für eine Weile. Die tröstliche Gewissheit: Gott ist wirklich unter uns – sogar in Katastrophen und Untergängen – hat sich in ihr Herz eingeschrieben zu einer bleibenden Erinnerung. Als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus – also nur noch die Menschengestalt. Aber sie wußten jetzt – Gottes Sohn war unter ihnen.

Niemand würde ihnen diese einmalige Offenbarung ausreden können. Was sie geschaut haben, haben sie später bezeugt: nach der Auferstehung Jesu traten sie mit dieser neuesten Neuigkeit mutig unter die Menschen.  Sie verkündigten die frohe Botschaft, dass Gott  in Jesus Christus Mensch geworden ist und uns Menschen dadurch in seine Nähe und sorgende Liebe gerückt hat. Von jetzt an sind wir Menschen frei, frei auch von unnötigem Leistungsdruck, von verzweifelten Selbsterlösungsversuchen. Nicht unsere Werke werden uns erlösen, sondern unser Glaube an die All-Macht und Barmherzigkeit Gottes.

Das NT nennt Abraham den „Vater des Glaubens“, weil er den Zusagen Gottes Vertrauen schenkte. Wir sind „Söhne Abrahams“, wenn wir den Schritt ins Neuland des Glaubens wagen, wenn wir aufhören, uns ständig selbst zu vergewissern und uns der Führung Gottes radikal anvertrauen.

Die österliche Bußzeit bietet einen Rahmen, sich solchen Fragen nach einer neuen Lebensausrichtung zu stellen. Es wäre schön, wenn Sie, liebe Mitchristen, heute von diesem Gottesdienst mit einer neuen Zuversicht heimgehen könnten: Ihre Angelegenheiten sind in guten Händen, in guten Vaterhänden, in Gottes Händen. Sehr schön sagt es ein Morgenlied, das wir vom evangelischen Gesangbuch in unser Gotteslob übernommen haben. Es wird kaum gesungen, weil es zu wenig bekannt ist. Ich möchte Ihnen zum Schluss die erste Strophe vorlesen: „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und seine Treu. Sie hat kein End den langen Tag. Drauf jeder sich verlassen mag“.

Wort des Bischofs von Regensburg zu Tabor und Caritas (hier)

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