Ist Gott mitten unter uns oder nicht?!

Predigt zum 3. Fastensonntag – Lesejahr A

Lesungen: Ex 17,3-7 / Röm 5,1-2.5-8 / Joh 4,5-15.19b-26.39a.40-42

Alle liturgischen Texte (hier)

Die Predigt hier anhören

[print_link]

Sychar in Samarien liegt im Westjordanland, einem von Israel besetzten Palästinenergebiet. Wegen der politisch unsicheren Lage können Pilger nur mit Sondergenehmigung dorthin reisen, um den Jakobsbrunnen zu sehen.

An diesem Brunnen zu stehen und das heutige Evangelium zu lesen, ist ein besonderes Erlebnis. Aus vielen Gründen. Wir können kaum noch ermessen, was ein Brunnen in diesem kargen Land bedeutet. Wir haben die zentrale Wasserversorgung. Brunnen sind heute selten.

Wer damals einen Brunnen bauen konnte, hatte für sich und die Seinen gesorgt. Ohne Wasser gibt es kein Leben. Wenn es lange nicht regnet, trocknen die Böden aus, die Vegetation verwelkt. Es fehlt die Nahrung für Mensch und Tier. Hungersnöte sind die Folge. Wasser bedeutet Leben – und deshalb ist ein Brunnen ein „Ort des Lebens“ – auch im übertragenen Sinn.

Am Brunnen trifft man sich. Im alten Orient gilt eine Regel: wenn du jemand treffen willst, geh an einen Brunnen. Dein Freund wird sicher vorbeikommen – beim Wasserholen oder beim Tränken der Tiere. Der Brunnen ist ein Begegnungsort. Viele Hoffnungs- und Liebesgeschichten nehmen ihren Anfang an einem Brunnen. So lernt z.B. Jakob seine Frau Rahel an einem Brunnen kennen. Hagar, die zweite Frau des Abraham,  schöpft an einem Brunnen in der Wüste neue Hoffnung, nachdem sie mit ihrem Kind von Abraham auf Drängen von Sarah entlassen wurde.

Für das Verständnis der Hl. Schriften sind solche Erinnerungen wichtig. In Symbolen kommen die Kernaussagen zum Vorschein: Sie lauten: Gott ist wie ein Brunnen – er ist ein Gott des Lebens. Er  will lebensförderlich mitten unter den Menschen sein.

Das Buch Exodus erzählt von einem Aufruhr der Israeliten während des Wüstenzuges. Das Volk dürstet. Oasen sind selten. Jetzt werfen sie Mose vor, mit seinem Auszug aus Ägypten ein riskantes Unternehmen gestartet zu haben. Wenn nicht bald Wasser gefunden wird, gehen alle zugrunde. Noch schlimmer aber ist der Verlust der Gewissheit, Gott selbst habe sein Volk aus Ägypten herausgeführt. Zweifler stellen schon laut die Frage: „Ist der Herr in unserer Mitte? Ja oder nein!?“. Vielleicht war alles umsonst. Und Mose ist nur einem bösen Traum von der neuen Freiheit aufgesessen. Wäre es nicht doch besser gewesen, bei den Fleischtöpfen Ägyptens zu bleiben?

Diese Begebenheit, liebe Mitchristen, lässt sich in so manche Situation unserer Tage übertragen. Gerade erleben wir in nordafrikanischen Staaten, wie sich das Volk erhebt, um endlich in neuer Freiheit leben zu können. Sie entmachten ihre Machthaber und ziehen aus, um ein neues und besseres Lebensland zu finden. Die Frommen unter ihnen – Muslime und Christen – versprechen sich auch, dass Gott mit ihnen geht.  Allah ist groß, rufen sie! Gott ist immer auf der Seite der Freiheitsliebenden.

Dann aber kommen Schwierigkeiten, Probleme, ordnende Strukturen sind noch nicht vorhanden, weder in Ägypten noch in Tunesien – und in Lybien herrst ein brutaler Bürgerkrieg. Da gehen die Vorräte für den Alltag gehen zu Ende. Den Menschen dort geht die Luft aus. Sie haben – symbolisch gesprochen – kein Wasser mehr, um ihren Lebensdurst zu stillen. Dann beginnen die Zweifel: hat uns Gott vielleicht doch verlassen? Ist er noch unter uns oder nicht?

Wir wissen, wie die Geschichte damals ausging. Mose konnte Wasser aus dem Felsen finden. So etwas gibt es. Auf einer Wanderung in der Wüste Sinai wurde unsere Gruppe an eine solche Wasserstelle geführt. Mitten im trockenen felsigen Land sahen wir Wasser aus dem Felsen sprudeln. Damals verstummte das Murren des Volkes. Als wieder Leben einkehrte, war man sich wieder sicher, dass Gott sein Volk nicht verlassen hatte.

So kann es auch uns ergehen. Unerwartet tritt eine Wende ein. Das Leben wird wieder flüssig, der Durst kann gestillt werden, die Zuversicht, dass Gott doch alles zum Guten wendet, erwacht neu.

In der Erzählung vom Jakobsbrunnen sind ähnliche Erfahrungen enthalten. Die Samariterin geht zum Wasserschöpfen. Aber sie hat noch einen ganz anderen Durst. Im Inneren ihrer Seele ist sie ausgetrocknet und sucht nach Wasser für ihr seelisch-geistliches Leben. Da kommt Jesus gerade im richtigen Moment vorbei.

Das Gespräch, das so weltlich begonnen hatte, führt er auf eine religiöse Fährte. Jetzt kommen die wirklich wichtigen Dinge zur Sprache. Es geht – auch hier – um die Frage: ist Gott da – mitten unter uns – und wenn ja: wo kann man ihm begegnen, wo zu ihm rufen und ihm die Ehre erweisen? Die Juden sagen, nur im Tempel von Jerusalem. Die Samariter, eine andere jüdische Konfession, feiern Gottesdienste aber auf dem nahe gelegenen Berg Garizim. Wer hat recht?

Jesu Antwort überrascht: im Geist und in der Wahrheit werden die wahren Beter Gott anbeten. Denn Gott ist immer und überall da. Er bindet seine Gegenwart nicht an heilige Orte und Zeichen. Vielmehr ist er den Menschen dort nahe, wo sie mitmenschlich einander zugewandt sind, wo sie einander helfend begegnen, einander dienend zuvorkommen.

Gott ist wie ein Brunnen – er ist ein Gott des Lebens – ein Ort der Begegnung. Er lebensförderlich mitten unter den Menschen sein.

Wie sieht unser Lebensdurst aus? Wo zweifeln wir – wie Israel – an der wirksamen Gegenwart und gegenwärtigen Wirksamkeit Gottes – mitten unter uns? Wohl immer dann, wenn es schwierig wird im Leben, wenn wir in Krisen geraten – privat und öffentlich.

Sich dann zu erinnern, dass Gott (noch immer) verborgen da ist und ihn suchen – auch einmal außerhalb religiöser Orte, ihn anbeten im Geist und in der Wahrheit, wie Jesus sagt. Das kann unsere niedergeschlagene Stimmung aufhellen und neue Zuversicht schenken.

Lebendiges Wasser aus dem Felsen, der, wie die Kirchenväter es ausgedrückt haben, Christus selber ist, steht für jeden Menschen bereit, auch wenn er eine noch so verworrene Vergangenheit vorzuweisen hätte. Wenn schon die Samariterin mit ihrem Vorleben für Jesus eine wichtige Gesprächspartnerin war, wie viel mehr sind wir alle eingeladen, das Gespräch über unser Leben mit Christus zu suchen und darin neue Hoffnung für unser Leben zu schöpfen.

Print Friendly, PDF & Email