Schweigen und Hören – Gebet, das den Alltag durchdringt

Fastenpredigt in Waldsassen am 31. März 2011

Folien zum Einkehrtag  Beten, wie geht das? herunterladen (hier)

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www.einfach-beten.de heißt eine Internetadresse. Wer sie anklickt, findet ein Fülle von Ideen und Anregungen, Belehrungen und Erfahrungen rund um das Beten.

Wussten sie z.B., dass es ein „Ruhegebet“ gibt, ein „kosmisches Gebet“, ein „innerliches Gebet“, ein „mystisches Gebet“? Auch spezifische Frauengebete findet man da und Gebete für jeden Tag.

Ich habe die Internetseite bald wieder geschlossen und mich wehmütig an meine Kindheit erinnert. Wie einfach war das damals noch mit dem Beten – es waren ja nur drei Gebete täglich zu verrichten: Morgengebet – Mittagsgebet – Abendgebet. Aber diese Praxis war immer auch etwas unangenehm, weil ich fast bei jeder Beichte bekennen musste: „Ich habe die täglichen Gebete unterlassen. Ich habe unandächtig gebetet, ich habe zu wenig gebetet, usw.“ Unsere religiöse Erziehung lenkte den Blick meist nur auf unsere Fehler, Unterlassungen und Sünden, nicht auf die auch vorhandenen guten Seiten. Zu Beginn der hl. Messe räumen wir im allgemeinen Sündenbekenntnis ein, dass wir „Gutes unterlassen und Böses getan“ haben. Das mag ja stimmen. Aber, was wir nie zu bekennen gelernt haben: dass wir auch „Böses unterlassen und Gutes getan“ haben. Und das stimmt doch wohl auch: wir haben doch auch Gutes getan und manche Gelegenheit, Böses zu tun, gemieden.

Wir werden also unseren Kinderglauben durch einen Erwachsenenglauben ablösen, um zu einer neuen Freude am Gebet zu kommen.

Nun hören Sie heute Abend schon die dritte Fastenpredigt zum Thema Beten. Aber ich kann Sie beruhigen. Es wird keine Moralpredigt werden, die ihnen wieder ein schlechtes Gewissen macht. Vielmehr möchte ich versuchen, Sie auf eine wichtige Lebensäußerung unseres Glaubens aufmerksam zu machen, auf ein Beten, das den Alltag durchdringt, die Seelenlähmung wegnimmt und den Hunger nach einem gelingenden Leben stillt.

Um es gleich vorweg zu sagen. Einfach ist das Beten nicht. Der Jesuit und Konzilstheologe Karl Rahner hat schon vor Jahren in einer kleinen Schrift darauf hingewiesen, als er von der Not und vom Segen des Gebetes gesprochen hat.

Beten ist nicht einfach. Wer damit anfängt, muss auch mit Enttäuschungen rechnen. Er wird aber auch erfahren, dass an der oft zitierter Metapher etwas dran ist: Beten sei das Atmen der Seele. Und wir wissen ja: Wer nicht mehr atmet, ist tot. Wir aber wollen leben – und zwar gut und richtig!

Aus der Lesung und aus dem Evangelium – wir haben beide Texte schon am letzten 3. Fastensonntag gehört – wähle ich einige Passagen aus, die uns auf die Sprünge helfen werden bei unserem Versuch, etwas Hilfreiches über das Beten im Alltag zu erfahren.

Das Buch Exodus schildert eine Krisensituation. Auf ihrem Zug durch die Wüste geraten die Israeliten in eine dürre Gegend. Es gibt kein Wasser mehr zum trinken. Der Schuldige wird gleich gefunden: Mose. Er hätte als erfahrener Hirt wissen müssen, wo man Oasen findet. Mose war ja lange Jahre als Hirt bei seinem Schwiegervater Jitro in der Wüste unterwegs, bevor er nach Ägypten gerufen wurde, um seine Leute aus der Sklaverei herauszuholen. Jetzt zweifelt das Volk an dem Unternehmen „Wüstenzug“ – und Mose ist ratlos. In seiner Not schiebt er die Verantwortung von sich weg und nimmt Gott in die Pflicht. „Was soll ich denn mit diesem Volk anfangen“. Wenn das so weitergeht, werden sie mich noch steinigen! Jetzt bist Du dran, Gott! Ich kann nicht mehr.

Wir haben hier eine klassische Szene: Not lehrt beten. Damals wendete sich das Geschick. Was historisch genau geschah, gibt der Text nicht her. Wasser aus dem Felsen ist keine Seltenheit. Auch in den Bergen kann man das erleben. Aber in der Wüste? Auch das gibt es. Als ich mit einer Gruppe in der Wüste Sinai unterwegs war, fanden wir eine Wasserquelle, die direkt aus dem Felsen kam. Der Reiseführer kannte sie. Nur, wie Mose damals die Quelle gefunden hat, schreibt die Bibel nicht.

Worauf es aber in dieser Begebenheit eigentlich ankommt, ist der Umgang des Volkes mit dem Wassermangel – das Murren und Streiten der Israeliten. Viele meinen nämlich jetzt, Gott habe sie vergessen. Sie fragen verzweifelt: „Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“ – das hat die Leute beschäftigt.

Wir verstehen heute sehr wohl, welche Botschaft in dieser Geschichte enthalten ist. Weil wir genauso denken und handeln wie Israel. Solange es uns gut geht, sehen wir keinen Grund, die Arbeit zu unterbrechen und uns Zeit zum Beten zu nehmen. Nur wenn wir in Not sind, wenn es uns die Sprache verschlägt, erinnern wir uns an die Notsprache des Gebetes. Was wir derzeit in Japan mit Sorge beobachten oder in Lybien, lässt ja sogar Kirchenferne und Zweifler verschämt bekennen: „Da hilft nur noch beten“.

Was aber, wenn die erhoffte Wende zum Guten ausbleibt? Dann scheinen die Zweifler doch Recht zu behalten. Dann hören wir mit dem Beten auf und sagen: Beten hilft auch nicht. Lass es und folge dem alten Spruch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“.

Wir müssen einräumen, dass es auf die Frage: warum wird ein Gebet nicht erhört, gibt es keine befriedigende Antwort, sondern nur eine demütigende Zumutung: „Gott erhört nicht alle und Gebete, aber er erfüllt alle seine Verheißungen“. Wir werden uns mit dem Spruch Gottes aus dem Mund des Propheten Jesaja aussöhnen müssen. „Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. Spruch des Herrn!“

Im Falle der Israeliten ist uns überliefert, dass ihnen geholfen wurde. Gottes Verheißung, er werde das Volk aus der Sklaverei herausführen in ein Land des Lebens, hat sich erfüllt. Israel konnte in das Land Kanaan einziehen und dort sesshaft werden.

Wenn ein Gebet nicht erhört wird, werden wir Geduld mit Gott brauchen, wir werden lange warten müssen, bis wir verstehen, wozu ein leidvolles Erlebnis trotzdem gut war. Es braucht oft lange, bis wir erkennnen, das doch alles gut hinausgeht, bis wir gewahr werden, dass Gott nicht nur die Hand im Spiel, sondern auch das Spiel in der Hand hat – zu unseren Gunsten!

Fragen wir noch einmal: wie kann Beten gelingen, wenn uns der Gedanke anficht, Gott würde sowieso handeln, wie es ihm beliebt. Wir hätten gar keinen Einfluss mit unserm Bitten und Flehen. Da steht die Frage auf, wie wir unser Verhältnis zu Gott begreifen. Manche meinen, es sei so eine Art Kaufmannsverhältnis? Wenn wir Gott etwas anbieten, müsse er uns entsprechend belohnen.

Mit dieser Beschreibung aber liegen wir nun wirklich daneben. Das ist nicht unser Glaube. Denn nicht wir bestimmen unser Verhältnis zu Gott, sondern Er hat es längst schon vorher bestimmt. Nicht wird müssen uns dauernd abrackern und plagen, um vor seinem Angesicht angenehm zu sein, damit er uns erhören könnte, sondern er ist schon längst auf der Suche nach uns. Er wartet in großer Geduld auf uns, er kennt den richtigen Zeitpunkt, in dem wir offen sind für eine heilende Begegnung mit ihm. Gebet ist Beziehungspflege, Pflege einer Beziehung, die Gott von sich aus zu uns aufgenommen hat.

Das lernen wir in der Geschichte am Jakobsbrunnen. Anscheinend zufällig begegnen sich eine Hausfrau und Jesus am Brunnen. Für die Samariterin war das eine ungewöhnliche Begegnung. Erstens war es nicht üblich, dass ein Mann eine Frau in aller Öffentlichkeit anspricht – die später hinzugekommenen Jünger äußern auch ihre Verwunderung – und ganz unmöglich war es, dass ein Jude eine Andersgläubige überhaupt anschaut oder anspricht.

Weil Beten immer auch eine Spur von Bitten hat, ist es schon seltsam, wer da wen am Jakobsbrunnen um etwas bittet: es ist nicht die Samariterin, die um einen Schluck Wasser bittet, sondern Jesus: „Gib mir zu trinken“, sagt der Sohn Gottes zum Menschen. Gott bittet den Menschen um Hilfe, weil er eine Beziehung mit ihm aufnehmen will. Verkehrte Welt! Das ist doch das Gegenteil von dem, was wir zu glauben wissen. Wir haben doch gelernt, dass wir uns beim Beten an Gott wenden sollen. Jetzt hören wir, dass Gott sich an uns Menschen wendet.

An dieser Stelle, liebe Mitchristen, müssen wir auf eine wesentliche Bedingung für das Beten aufmerksam machen. Beten beginnt nämlich nicht damit, dass man Worte macht – an die Adresse Gottes. Beten beginnt – mit dem Hinhören, Beten beginnt mit dem Schweigen.

Ich glaube, dass die Not des Betens im Alltag darin besteht, dass wir genau diese Voraussetzung nicht beachten. Deshalb fasse ich noch einmal zusammen, was für ein Gelingen des beglückenden Abenteuers Betens wichtig ist.

Vier Voraussetzungen müssen wir erfüllen:

ü   Als erstes gilt es, das Tempo zu verlangsamen
„Entschleunigung“ ist angesagt in einer Zeit der Hektik und allgemeinen Raserei – nicht nur auf den Straßen.

ü   Das zweite ist, den Lärm abzustellen. In der Fastenzeit habe ich mir angewöhnt, das Autoradio nicht anzuschalten – diese Gewohnheit zu unterbrechen, ist gar nicht so einfach, aber segensreich.
Warum nicht einmal das permanente Geschwätz in Radio und Fernsehen abstellen und warten, was dann mit mir geschieht?

ü   Das dritte ist eine Übung: sich der Fähigkeit des Hörens und Schauens erneut bewusst werden. Wann haben Sie zuletzt bewusst einen Vogel singen hören?

Die Grundhaltung für eine Erneuerung der Gebetskultur hat der hl. Ignatius beschrieben. Man solle Gott suchen und finden in allen Dingen. Dabei empfiehlt er folgendes:

„Vertraue auf Gott, so, als ob der Ausgang der Sachen allein von Gott und nicht von Dir abhinge. Jedoch wende zugleich solchen Fleiß an, als würde Gott dabei gar nichts tun, sondern nur du alles allein“ (Ignatius von Loyola)

Ein Gebet, das den Alltag durchdringt, lebt von diesen Voraussetzungen. Dann kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie viele und wie richtige und gescheite Worte ich an Gott richte, sondern ob ich mir mein hörendes Herz bewahre.

Vielleicht ist es auch ein ganz Anderer, ein Fremder, ein Nächster, der mich unverhofft anspricht und dem ich meine Aufmerksamkeit schenke. Oder vielleicht ist es nur das tägliche Tun – wie das Wasserholen der Frau am Brunnen in Sychar. Ihr stand unverhofft der Himmel offen und den Israeliten in der Wüste verging das Murren. Beschämt und demütig konnte sie alle sagen: Ja, der Herr ist wahrlich mitten unter uns – und die einzig sinnvolle Gebetsrede war dann ein dankbares Lob. In einfachen Worten wäre das für uns vielleicht nur ein Vaterunser mit den beiden Sätzen: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe“.

Solche Erfahrungen nähren die Seele und ermutigen uns, einer wichtigen Glaubensäußerung, dem Gebet, wieder einen Platz im Alltag zu geben.

Theresia von Avila notiert in Ihrem Tagebuch:

Im Gebet müssen wir uns daran gewöhnen, mit dem in uns wohnenden Gott im Schweigen zu reden.

Und Beten ist nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.

Wer die Beziehung zu Gott nicht gefährden will, wer sie pflegen will, wird einfach mit dem Beten beginnen. Er braucht nicht viele Worte machen. Er muss sich nur ab und zu aus seinen vielen Beschäftigungen zurückziehen, still werden und hören, ob nicht Gott für ihn ein Wort des Lebens hat, auf das er antworten kann.

Kennen Sie das kürzeste bayerische Gebet? Es hat nur zwei Worte. Erschrecken Sie nicht. Es heißt: „Ach – ja!“ Im Ach ist die Klage enthalten über so manche allgemeine und private Not – und im Ja das Einverstandensein mit dem Unvermeidbaren, die Bereitschaft sich radikal auf Gott zu verlassen. Denn das sagt uns der Glaube: Gott enttäuscht keinen, der ihn sucht und sich ihm anvertraut.

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