Sind etwa auch wir blind?

Predigt zum 4. Fastensonntag – Lesejahr A

Lesungen: 1 Sam 16,1b.6-7.10-13b / Eph 5,8-14 / Joh 9,1-41

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Ein biblisches Canson „Der Blindgeborne“ von Cocagnac O.P.hier  anhören

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Der Text des heutigen Evangeliums war ungewöhnlich lang. Wir haben bereits am letzten Sonntag einen ähnlich langen Text gehört. Das war das Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Und am kommenden Sonntag werden wir wieder ein längeres Evangelium hören. Da geht es um die Auferweckung des Lazarus.

In allen drei Texten begegnet Jesus Menschen helfend und heilend: der Samariterin, dem Blindgeborenen und dem Lazarus. Und diese Begegnungen bleiben bei allen drei Betroffenen nicht ohne Wirkung – ihr ganzes Leben änderte sich danach. Sie sind aber auch Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Juden.

– Am Jakobsbrunnen korrigiert Jesus das gängige Gottesbild. Dass man zum Beten in den Tempel gehen müsse, setzt er zwar nicht außer Kraft. Aber er redet von den wahren Betern, die Gott „im Geist und in der Wahrheit“ anbeten werden. Gottesverehrung, die nicht an Orte und Zeiten gebunden ist, das war für viele Ohren ungewöhnlich und neu. Wozu haben wir denn heilige Orte: Tempel, Kirchen und Gotteshäuser!

– In der Totenerweckung des Lazarus erweist sich Jesus als Herr über Leben und Tod. Seine Macht ist göttlicher Herkunft und nicht an menschliche Heilkunst gebunden. Kann der Mensch Jesus wirklich der Messias sein, Gott, der Sohn?

– Und in der Heilung des Blindgeborenen zeigt sich, dass es neben der körperlichen Blindheit noch eine ganz andere Blindheit geben kann, eine Blindheit des Herzens.

Ich möchte auf einige Besonderheiten in dieser Erzählung aufmerksam machen, die wir leicht überhören, die aber beim Evangelisten Johannes wegen ihres Symbolgehalts wichtig sind.

Schon der erste Satz ist wichtig. Da heißt es: „Jesus sah einen Mann, der seit seiner Geburt blind war“

Blinde fallen einem in unseren Straßen auf. Sie tragen manchmal eine Binde, eine schwarze Brille oder einen weißen Blindenstock, oder sie lassen sich von einem Blindenhund führen. Im Orient sind die Straßen und Gassen von einem Gewimmel von Menschen ausgefüllt, sodass man einen Blinden leicht übersehen kann. Jesus geht sehr achtsam durch den Tag. Er ist ein Mensch mit großer Wahrnehmungsfähigkeit. Er „sieht“ wirklich, „übersieht“ nichts – auch nicht im Vorübergehen.

Jesus ist der Mann mit dem offenen Blick, der aufmerksame, dem die Not der Vorübergehenden nicht entgeht. Hier ist es ein Blinder. Wer merkt das schon? Nur ein wacher Mensch. Als die Jünger dann auch aufmerksam werden, läuft in ihnen das übliche Erklärungsmuster für Krankheiten ab:

Demnach ist ein Blinder ein von Gott verlassener, ja von Gott gestrafter Mensch, der entweder selbst gesündigt hat oder durch die Sünde seiner Eltern in diese unglückliche Lage kam. Damals war der Zusammenhang zwischen Sündigen und Unglück unbestritten. Gesund und erfolgreich sein war gleichbedeutend mit „in der Huld und Gnade Gottes stehen“, krank und behindert sein war gleichbedeutend mit: aus der Huld Gottes heraus gefallen sein infolge der Sünde.

Jesus denkt anders. Diese Blindheit hier lässt sich so einfach nicht erklären. Sie steht in einem größeren Zusammenhang: Gottes Macht und Größe soll offenbar werden. An allen Orten, zu allen Zeiten, bei allen Gelegenheiten. Solange es Tag ist, soll der Gesandte Gottes die Werke Gottes wirken können, damit die Menschen „sehen“ und glauben: Gott ist da, helfend und heilend mitten unter den Menschen.

Eine zweite Nebensache: Jesus heilt den Blindgeborenen auf eine umständliche Art und Weise. Schon da hätten seine Gegner mit ihrer Kritik einsetzen und ihm vorwerfen können, dass er ein Scharla­tan ist. Denn: wäre er wirklich der Messias, dann bräuchte er keine so umständlichen Rituale: auf die Erde spucken, einen Teig machen und eine Waschung anordnen … alles Handlungen übrigens, die noch dazu am Sabbat verboten waren. Außerdem ist der Weg zum Teich Schiloach länger als ein am Sabbat erlaubter Weg. Nein, der wirkliche Messias hätte den Blinden sicher nicht an einem Sabbat geheilt und wenn, dann mit einem einzigen Machtwort: Ich will, sei sehend! – und das Wunder wäre eingetreten!

Johannes erzählt aber absichtlich von dieser umständlichen Zeremonie, um seine Leser an die Unzulänglichkeit rabbinischer Gesetze zu erinnern, Gesetze, die dem Leben nicht mehr dienen, sondern es eher behindern. Gesetzliche Rituale können das Leben ersticken, wenn sie keinen Bezug mehr zum wirklichen Leben haben.

Eine dritte Nebensache: Dass es ausgerechnet der Teich Schiloach – und nicht irgendeine andere Wasserstelle in Jerusalem – war, hat auch einen symbolischen Sinn. Der Name Schiloach bezeichnet nämlich die Quelle, die den Teich mit Wasser versorgt und heißt übersetzt die Herleitung oder die Zuleitung. Also nicht der Teich an sich, sondern das in den Teich fließende Wasser ist gemeint: nicht stehendes Wasser, sondern fließendes Wasser ist das Symbol. Im Jahr 2004 erst hat man bei Ausgrabungen in Jerusalem diesen Teich entdeckt und konnte ihn als jüdische Mikwe identifizieren – als Bad für die bei den Juden übliche rituelle Reinigung mit fließendem Wasser. Der Leser des Evangeliums aber soll verstehen: nicht ein Tauchbad, nicht die Zeremonie mit dem Speichel und dem Teig, sondern Jesus selbst, der Gesandte, der von „Gott hergeleitete“ ist die eigentliche Quelle der Heilung.

Diese ganz andere Heilungspraxis, die das Ritual nicht als magische Ursache für die Heilung versteht, können die Umstehenden nicht begreifen. Sie zweifeln und bestreiten das Wunder. Sie misstrauen Jesus und am Ende auch dem Geheilten. Man hält ihn für einen Betrüger, der vielleicht gar nicht blind war, sondern nur so getan und in Komplizenschaft mit Jesus allen etwas vorgetäuscht hat. Also wird der Geheilte aus der Synagoge ausgestoßen.

Auch das nachfolgende Gespräch mit den Eltern des Blindgeborenen bringt den verblendeten Pharisäern keine Einsicht. Nur einigen dämmert es, als sie von der erneuten Begegnung des Ge­heilten mit Jesus erfahren. „Sind etwa auch wir blind?“, fragen sie besorgt. Mit dieser Frage hat die Erzählung ihren Höhepunkt erreicht.

Heute sind wir gemeint. Wir können uns jetzt fragen: Sind etwa auch wir blind?

Können wir noch sehen, was dieser blindgeborene Zeitgenosse Jesu zu sehen bekam, als ihm die Augen aufgingen und er in Jesus den Messias erkannte? Oder bleibt uns das trotz gesunden Augen verborgen, weil wir uns mit unseren Vorstellungen von Gott den Blick verstellt haben?

Wir brauchen Jesus, der uns geistig Blinden die Augen öffnet. Wir müssen uns lösen von altvertrauten Gottesbildern und Gott einen Raum für sein Heilswirken in unserer Welt geben, auch wenn das vielleicht in einer Weise geschieht, die uns gar nicht passt, uns ganz fremdartig vorkommt.

Gott ist ein Gott der Überraschungen. Nur diejenigen, die für Überraschungen offen sind, können seine Lichtspur in ihrem Leben sehen.

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