Der Tod ist chancenlos

Predigt am 5. Fastensonntag –  Lesejahr A
Der Einflussbereich Gottes übersteigt menschliches Erkennen
und reicht über den Tod hinaus!

(Lesungen: Ez 37,12b-14 / Röm 8,8-11 /Joh 11,1-45)

Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören!

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Zwei Wochen sind es noch bis Ostern. Das Evangelium heute ist wie ein Vorspiel zu diesem Fest, an dem wir das größte und folgenschwerste Ereignis der Menschheitsgeschichte feiern: die Auferweckung Jesu von den Toten.

Wir brauchen uns nichts vorzumachen. Diese Glaubenswahrheit ist vom ersten Tag ihrer Verkündigung an bis heute angenommen und abgelehnt worden – und so wird es auch bleiben. Ein Denken, das sich nur im innerweltlichen Raum bewegt und jede Wirklichkeit darüber hinaus grundsätzlich ablehnt, findet für Glaubenswahrheiten kein Verständnis. Paulus nennt solches Denken etwas mißverständlich „vom Fleisch bestimmt“ (Röm 8,8). Es ist das Denken von Menschen, die Gefangene ihrer selbstsüchtigen Natur sind, blind für Wahrheiten, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann.  „Wir glauben, was wir sehen! Was wir nicht sehen – nicht zu glauben!“ (Ludwig Somagne).

Die Auferstehung Jesu ist keine Tatsache im naturwissenschaftlichen Sinn – wie wenn ein Leichnam plötzlich wieder lebendig würde, sondern ein „Ereignis“. Ereignis kommt von „Er-äugen“. Es ist also das Erlebnis einer Schau, die mehr sieht als was sich mit einem Fotoapparat festhalten lässt.

Wie stehen wir Christen nun da – mit unserem Bekenntnis zur Auferstehung der Toten? Wie können wir unseren Glauben an die Macht Gottes über den Tod bewahren, ohne vor unseren eigenen Zweifeln einzuknicken?

Der Tübinger Theologe Klaus Berger hat in seinem Jesus-Buch versucht, seine Leser an dieses Geheimnis des Glaubens heranzuführen. Das 700 Seiten umfassende Werk schließt mit der Auslegung der Ostererzählung nach dem Johannesevangelium. Berger zeigt auf, dass es neben den wissenschaftlich beweisbaren Tatsachen auch sog. mystische Tatsachen gibt, Geschehnisse und Ereignisse also, die in einer Erzählung, einem Mythos vorkommen und vom Verstand allein nicht erfasst werden können, aber im Herzen wie ein Licht aufgehen. Sind sie deshalb nicht wahr, fragt Berger?

Ähnlich fragt auch Papst Benedikt in seinem neuen Jesus-Buch: „Wenn es Gott gibt, kann er dann nicht auch eine neue Dimension des Menschseins, der Wirklichkeit überhaupt schaffen?“

Das Wort von der Auferstehung Jesu ist eine Zu-mutung und eine An-mutung von Wahrheit. Sie lautet: Jesus Christus lebt im göttlichen Bereich, der den begrenzten weltlichen Bereich übersteigt und gleichzeitig mit einschließt, also auch den Tod umfängt. Wie sagte Martin Luther zu dem Lied: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. Dreh es um und sage: „Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen“. Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus soll uns die Augen des Herzens öffnen: bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Als ich bei einer Pilgerfahrt ins Hl. Land in Bethanien vor dem Höhlengrab stand, das die fromme Tradition als Grab des Lazarus verehrt, musste ich an die Menschen denken, die im Evangelium erwähnt werden: die Geschwister, Maria, Martha und Lazarus; und auch an die Freunde Jesu, mit denen er unterwegs war. Ich konnte mir den Kummer der beiden Schwestern Martha und Maria gut vorstellen. Ihr Bruder lag am Sterben. Jesus war mit den Geschwistern befreundet und oft bei ihnen zu Gast. Im Krankheitsfall und in Todesnähe sind gute Freunde wichtig. Deshalb bedauern die Geschwister, dass Jesus gerade jetzt nicht da ist. Sie schicken einen Boten, um ihm die traurige Nachricht zu überbringen.

Jesus reagiert unerwartet. Er hat es gar nicht eilig. Obwohl er nun wußte, dass Lazarus sterbenskrank war, wartete er noch zwei Tage (vgl. Joh 11,6). Wir sind ein anderes Verhalten gewohnt. Bei lebensbedrohlichen Erkrankungen gibt es die schnellen Rettungsdienste. Der Notarzt eilt mit Blaulicht herbei, um ja nicht zu spät zu kommen.

Ein seltsamer Freund ist dieser Jesus. Bevor er sich langsam nach Bethanien aufmacht, redet er noch über den Sinn dieser tödlichen Krankheit: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes“ (Joh 11,4), sagt er zu den Boten. Das ist fast wörtlich die gleiche Antwort, die er seinen Jüngern gab, als sie ihn fragten, wer denn schuld sei am Schicksal des Blindgeborenen.

Kann Gott tatsächlich ein Übel verwandeln? Kann er den Menschen wirklich herausführen aus Finsternis und Todesschatten, wohin er immer wieder gerät – zuletzt beim eigenen Sterben? Die Leser erhalten eine Antwort. Im Namen Gottes hat Jesus es mit einem mächtigen Ruf bewiesen: „Lazarus komm heraus!“ (Joh 11,43)

Die Erzählung ist ein Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Glauben und Unglauben. Und alle Beteiligten verkörpern etwas von unseren Empfindungen. Wir finden uns wieder in Maria und Martha, in den Juden, die – das Wunder der Blindenheilung noch in Erinnerung – skeptisch bemerken:  Einen Blinden hat er sehend gemacht. Hätte er nicht verhindern können, dass Lazarus starb! (vgl. Joh 11,37)

Kennen Sie nicht auch ähnliche Klagen? Da wird ein schwerkranker Nachbar unverhofft wieder gesund – und ihr eigener Angehöriger muss sterben. Warum ist das so? Ist Gott wählerisch? Hilft er nur dem einen und dem anderen nicht? Fragen über Fragen tun sich auf und man ist in schwerer Krankheit und Todesnähe geneigt, auch von Gott nichts mehr zu erwarten.

Wenn wir trotz allem in der Nähe Jesu bleiben, lernen wir langsam verstehen, worum es eigentlich geht. Jesus lebt in einer besonderen Nähe und Vertrautheit zu Gott, den er seinen Vater nennt. Wenn Jesus betet, wird dieses Verhältnis vernehmbar: „Vater, ich danke Dir, dass du mich erhört hast.“ Gott als Urheber und Erhalter des Lebens redet und handelt direkt im Handeln und Reden Jesu. Und dieses Wort ist ein lebensträchtiges Wort. Der Tod ist in den Augen Gottes chancenlos. Auch wenn ihn die Kreatur erleiden muss, hat er keine endgültige Macht über das Leben von Gott her.

Wenn der Urheber des Lebens ruft, wird alles lebendig und neu geschaffen. Wir können es nur geschehen lassen. Unser Beitrag besteht darin, dass wir den Stein wegnehmen, der das Grab unserer enttäuschten Hoffnungen verschließt. Wenn wir sagen: ich habe da alle meine Hoffnungen begraben, dann hat Gott wirklich keine Chance mehr. Der aufgeklärte Verstand ist wie ein Grabstein, der die Verhältnisse endgültig besiegelt und dem Tod seine scheinbare Macht glaubt. Es sind unsere intellektuellen Vor-wände, die den Zugang für Gottes Leben schaffendes Wort erschweren.

Auf orthodoxen Ikonen sieht man den Auferstandenen vor einem offenen Höhlengrab und verstreut im Bild liegen aufgebrochene Schlösser und zerbrochene Türpfosten. Die Pforten des Todes sind aufgebrochen. Das Leben Gottes ist mächtiger als der Tod. Das ist die Botschaft, die wir uns am kommenden Osterfest wieder zu Herzen nehmen sollten. Die Auferweckung des Lazarus ist wie ein Präludium, das uns einstimmen soll in die Freude am Leben.

Bei den Geschwistern Maria und Martha in Gedanken zu verweilen und mit ihnen mitzufühlen, das könnte die gleiche Wirkung haben wie bei den jüdischen Freunden der Geschwister in Bethanien. Von ihnen erzählt der Evangelist am Ende der Geschichte: Viele, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesu getan hatte, kamen zum Glauben an ihn. (Joh 11,45).

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