Das Tun unterbrechen – auf Sinnsuche gehen

Meditation zum Beginn der Karwoche, Palmsonntag 2011

(Lesungen: Jes 50,4-7 / Phil 2,6-11  / Mt 26,14-27,66)

Alle liturgischen Texte (hier)

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Vom öffentlichen Jubel beim Einzug Jesu in Jerusalem zur einsamen Verlassenheit am Ölberg, vom «Hosianna» zum «Kreuzige ihn»! Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das aus den biblischen Texten zu Beginn der Heiligen Woche spricht.  Die frohe Gewissheit der Pilger in Jerusalem, dass der Messias nun doch gekommen ist, wird durch den Umschwung der Ereignisse verdunkelt: Verrat und Verhaftung Jesu auf dem Ölberg, die Flucht seiner engsten Freunde, die Ohnmacht gegenüber der weltlichen Macht im Prozess und Urteil zum Tod am Kreuz – wie bei einem Verbrecher. Nach drei Tagen dann: ein ganz anderer Jubel, weil das Leben den Tod besiegt hat.  Ein Wechselbad der Gefühle, wie es sich auch in unserem Leben ereignen kann.

Auch wir sind manchmal hin und her gerissen zwischen allen möglichen Stimmungen: Freude bei der Geburt eines Kindes,  Trauer beim Sterben eines lieben Menschen. Festliche Tage und Trauerzeiten. Wo ist der rote Faden, wo der Sinn von allem?

Die Ereignisse bringen uns dann aus dem Gleichgewicht, wenn wir keinen festen Stand haben, wenn wir uns selbst nicht treu bleiben können, weil wir nicht wissen, wer wir sind.

Jesus konnte durch alle Höhen und Tiefen gehen, weil er wusste, wer er war: Nicht der König, der allen Prunk und Reichtum dieser Welt versammelt, nicht der selbstherrliche Richter, der Judas vernichten muss, bevor dieser ihn verraten konnte, nicht der verurteilte Verbrecher, der ans Kreuz gehängt werden musste – und auch nicht der vernichtete Tote, der im Grab des Vergessen liegen bleibt. – All dies war er so nicht.  Er war in allem Geschehen immer der Gleiche: der geliebte Sohn des himmlischen Vaters. Wenn auch in unserem Leben die Mächte des Bösen wüten: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen. Wir sind und bleiben die geliebten Kinder des Vaters.

Im Buch Nehemia steht der bedenkenswerte Satz: “Seid nicht traurig und weint nicht! Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10).

Und beim Propheten Micha lesen wir – leider sehr selten – die wichtige Passage: „Wer ist ein Gott wie du, der du Schuld verzeihst und dem Rest deines Erbvolkes das Unrecht vergibst? Gott hält nicht für immer fest an seinem Zorn; denn er liebt es, gnädig zu sein.“(Micha 7,18)

In der Stille der kommenden Tage lassen sich solche lebensträchtigen Worte vernehmen und im Herzen bewahren – und sie werden ihre heilende und stärkende Wirkung nicht verfehlen. Mit dem vorübergehenden Ausstieg aus den Beschäftigungen und einer Zeit der Besinnung sollten wir also durch die Karwoche gehen. Das tut uns und der Welt gut. Unser Heil und das Heil der Welt steht auf dem Spiel.

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