Dem Anderen nicht den Kopf waschen, sondern die Füße!

Predigt am Gründonnerstag in St. Bonifaz, 21. April 2011

Lesungen: Ex 12,1-8.11-14 / 2. / 1 Kor 11,23-26 / Evangelium: Joh 13,1-15

Alle liturgischen Texte (hier)

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Fußwaschung ist im Orient eine Geste der Gastfreundschaft. Auf den staubigen Sandwegen und dem damals üblichen offenen Schuhwerk werden die Füße schmutzig. Deshalb bietet man dem Gast beim Betreten eines Hauses ein Fußbad an – wie wir heute unsere Schuhe reinigen, bevor wir eine Wohnung betreten.

Von Abraham wissen wir, dass er den drei vorüber ziehenden Fremden vor seinem Zelt das Fußbad anbot. Abigail, die spätere Frau Davids, verneigt sich vor den Abgesandten des Königs und wäscht ihnen auf dem Berg Karmel die Füße. Schließlich berichtet Lukas von Maria Magdalena, die Jesus im Haus der Pharisäers Simon die Füße wäscht. Jesus billigt dieses Verhalten, obwohl es den Juden nicht gestattet war, eine Frau in der Öffentlichkeit zu berühren. Weil unter den Gästen wegen des Verhaltens der Frau ein Getuschel entsteht, spricht Jesus seinen Gastgeber an und erinnert ihn daran, dass er ihm diese Geste der Gastfreundschaft nicht gewährt hat. Wahrscheinlich wollte Simon den Besuch nicht zu hoch hängen, um nicht in den Ruf zu kommen, er sei ein heimlicher Anhänger Jesu.

Was der Evangelist Johannes aber vom Geschehen im Abendmahlssaal erzählt, ist mehr als die ortsübliche Gewohnheit. Es ist ja nicht irgendwer, der diesen Dienst verrichtet – und es sind nicht irgendwelche Leute, denen die Füße gewaschen werden. Was normalerweise der Haussklave tut, dazu hat sich Jesus entschlossen.

Ohne großes Aufsehen erhebt er sich und bringt die ganze Tischordnung durcheinander. Reihum geht er zu seinen Jüngern – wie der Haussklave. Man kann sich die staunenden und betroffenen Gesichter der Jünger ganz gut vorstellen. Was soll denn das nun bedeuten, werden sie sich gedacht haben.

Petrus, mit Worten immer schon schnell, spricht aus, was alle empfinden und denken: das ist nicht in Ordnung! So nicht! Da wird ja die Welt auf den Kopf gestellt, Sitte und Brauchtum werden außer Kraft gesetzt. Füße waschen ja, aber nicht durch den Hausherrn, sondern, wie es sich gehört, durch den dafür abgestellten Haussklaven.

Jesus aber lässt sich nicht beirren. Herunter beugt er sich. Er, der Sohn Gottes! Nicht irgendein Mensch, nicht irgendwer. Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, beugt sich in Jesus vor dem Menschen, seinem Geschöpf, und erweist ihm den Dienst der Liebe und Gastfreundschaft!

Wenn uns diese Ungeheuerlichkeit einmal richtig bewusst geworden ist, dann kann es uns schon so ergehen, wie dem Petrus. Alles sträubt sich in uns gegen diese Zumutung! Niemals darf doch Gott so in den Staub gehen, niemals darf sich Gott so vor seinem Geschöpf erniedrigen! Niemals darf Gott uns dienen! So denken wir! Wenn schon Dienst, dann umgekehrt: das Geschöpf muss dem Schöpfer dienen, der Mensch muss Gott seinen schuldigen Dienst erweisen. Das ist doch die richtige Ordnung, oder?

Wir tun uns – wie Petrus – schwer mit diesem Zeichen der Umwertung. Unsere Betroffenheit ist verständlich. Aber vielleicht müssen wir so verstört werden von dieser beispiellosen Szene, um ihren Sinn zu begreifen.

Was sollen wir also dazu sagen? Jesus wollte, wie er hernach einfühlsam erklärt, ein Beispiel geben für ein ganz anderes, ein neues Miteinander seiner Jünger, für ein neues Sozialverhalten der Menschen. Das alte Miteinander, das in festen Regeln und Ordnungen abläuft, wo jeder seinen Platz hat und immer einer über einem anderen – und umgekehrt ein anderer unter einem anderen steht – dieses Gefüge einer falsch verstandenen Hierarchie taugt nicht mehr für das neue Leben im Reich Gottes. In der neuen Wirklichkeit, die von Gott her kommt, gelten andere Gesetze. Da wird es zwar auch Überordnung und Unterordnung geben – alles andere wäre soziale Schwärmerei ohne Realitätsbezug. Aber es wird eine menschenwürdige Hierarchie, eben eine „Heilige Ordnung“ sein. Heilig meint in diesem Zusammenhang, dass sie von Gott, dem Heiligen, her, bestimmt ist und dass weltlicher Rang und Name zweitrangig bleiben.

Ausschließlich der liebende Dienst aneinander hat Priorität. Welche Rolle gerade einer im sozialen Gefüge hat, das darf nicht zum Maßstab für Bevorzugung oder Benachteiligung werden, nicht Zuwendung oder Abwendung bestimmen.

Jesus wollte keine soziale Revolution, kein Chaos der Beziehungen. Er hat während seines ganzen Lebens die bestehenden gesellschaftlichen und religiösen Ordnungen anerkannt, aber er hat die Machthaber und Herrschenden immer wieder daran erinnert, dass ihre Aufgabe ein Dienst ist. „Der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Dienende“ (Lk 22,26). Das sagt Jesus nicht nur, sondern er lebt es selber so vor.

Liebe Mitchristen!

In unseren Tagen sind wir Zeugen einer tiefen Erschütterung von Autoritäten in Staat und Kirche. Kaum eine Persönlichkeit in einer Führungsposition, die nicht – vor allem durch die Medien – in würdeloser Weise angegriffen wird. Den Betroffenen muss das weh tun. Wenn aber die Kritik der Sache nach gerecht ist, müssen sie sich schon fragen lassen, wie sie ihr Amt führen und ihre Pflichten den Menschen gegenüber wahrnehmen.

Aber auch für uns ist diese schonungslose Kritik Anruf und Aufruf, unsere wechselseitigen Beziehungen genauer unter die Lupe zu nehmen. – Nicht nur die oberen Zehntausend müssen sich fragen lassen, ob sie ihr Amt als Dienst verstehen, sondern auch wir – die weniger wichtigen sog. Alltagsmenschen – stehen vor dieser Frage. Es gilt, das Beispiel Jesu zuerst selber nachzumachen, bevor man sich über andere Menschen und die schlechte Welt entrüstet.

Die Fußwaschung ist ein beredtes Zeichen dafür, dass die Liebe – und zwar die ganz einfache Tat der Liebe – in allem den Vorrang hat. Am Tun der Liebe ist alles gelegen. Als Getaufte stehen wir unter diesem Anspruch. Diesen Umgang miteinander schulden wir der Welt von heute als Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums.

In wenigen Tagen feiern wir Ostern. Um die Auferstehung Christi zu beweisen, gibt sich Athanasius von Alexandrien nicht damit ab, die Wahrheit der biblischen Berichte darzulegen. Auf den Einwand, dass dieser Jesus, von dem man sagt, er sei auferstanden, ja gar nicht sichtbar sei, erwidert er ohne Zögern: „man möge nur die Seinen betrachten“.

Dass Jesus den Tod besiegt hat, können also die Seinen – und das sind wir – durch einen neuen Umgang miteinander, bezeugen. Also verzichten wir darauf, einander den Kopf zu waschen, sondern handeln wir wie Jesus Christus – und waschen wir einander die Füße.

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