Der Tod Jesu

Ausschnitt aus dem Buch „Jesus von Nazareth“ von Joseph Ratzinger, 2. Teil

Die liturgischen Texte der Karfreitagsliturgie (hier)

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Wenden wir uns nun dem eigentlichen Bekenntnis zu, das eine eingehendere Besinnung verlangt. Es beginnt mit dem Satz: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, „gemäß der Schrift“. Das Faktum des Todes wird durch zwei Zusätze gedeutet: „für unsere Sünden“, „gemäß der Schrift“.

Beginn wir mit der zweiten Aussage. Sie ist wichtig für die ganze Art, wie die werdende Kirche mit den Fakten des Lebens Jesu umging. Was der Auferstandene die Jünger von Emmaus gelehrt hatte, wird nun zur grundsätzlichen Methode für das Verstehen der Gestalt Jesu: Alles, was an ihm geschehen ist, ist Erfüllung der „Schrift“. Nur von der „Schrift“, dem Alten Testament her kann man ihn überhaupt verstehen. Auf den Tod Jesu am Kreuz bezogen, heißt das: Dieser Tod ist kein Zufall. Er gehört in den Zusammenhang der Geschichte Gottes mit seinem Volk hinein, er empfängt aus ihr heraus seine Logik und seine Bedeutung. Er ist ein Ereignis, in dem sich Worte der Schrift erfüllen – ein Geschehen, das Logos, Logik in sich trägt, das aus dem Wort hervorkommt und in das Wort eingeht, es deckt und erfüllt.

Wie diese Worthaftigkeit näher zu verstehen ist, deutet die andere Zufügung an: Es war Sterben „für unsere „Sünden“. Weil dieser Tod mit dem Wort Gottes zu tun hat, hat er mit uns zu tun, ist er ein Sterben „für“. In dem Kapitel über Jesu Tod am Kreuz haben wir gesehen, welch gewaltiger Überlieferungsstrom von Schriftzeugnissen hier im Hintergrund einfließt, darunter als gewichtigstes das Vierte Gottesknechtslied (Jes 53 – siehe Hinweis auf die liturgischen Texte). Indem Jesu Tod in diesem Zusammenhang von Wort und Liebe Gottes hineingestellt, ist, wird er herausgenommen aus der Linie jenes Todes, der sich von der Ursünde des Menschen her ergeben hatte als Folge der Anmaßung, selbst wie Gott sein zu wollen, was mit dem Absturz in die eigene Armseligkeit, mit dem Todesschicksal enden musste.

Jesu Tod ist anderer Art: Er kommt nicht aus der Anmaßung des Menschen, sondern aus der Demut Gottes. Er ist nicht die notwendige Folge einer wahrheitswidrigen Hybris, sondern Vollzug einer Liebe, in der Gott selber zum Menschen hinuntersteigt, um ihn wieder zu sich hinaufzuziehen. Der Tod Jesu ist nicht angesiedelt im Richtspruch am Ausgang des Paradieses, sondern in den Gottesknechtsliedern. So ist er Tod im Zusammenhang des Sühnedienstes – Tod, der Versöhnung schafft und Licht wird für die Völker. Damit öffnet die doppelte Auslegung, die dieses von Paulus übermittelte Credo dem Wort „Er ist gestorben“ beifügt, das Kreuz auf die Auferstehung hin (Seite 277-278).

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