Seit Ostern ist alles anders – auch für Zweifler

Predigt am 2. Sonntag der Osterzeit, 01. Mai 2011

Lesungen: Apg 2,42-47 / 1 Petr 1,3-9 / Joh 20,19-31

Alle liturgischen Texte (hier)

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Vor einigen Tagen kam ich von einer ökumenischen Studienreise mit evangelischen Pastoren aus Istanbul zurück. In dieser Metropole mit 20 Millionen Einwohnern stehen neben vielen Moscheen auch noch Kirchen der verschiedenen christlichen Minderheiten. Die größte und älteste Kirche Hagia Sophia wurde nach der Eroberung der Stadt durch die Osmanen eine Moschee. Jetzt ist sie ein Museum. Ein Marienbild in der Apsis und andere Mosaiken und Fresken erinnern noch an die christliche Zeit. Die Osmanen waren tolerant und haben diese christlichen Bilder nicht zerstört.

In den ersten Jahrzehnten nach Christus lebten in der heutigen Türkei auch viele Juden. Einige von ihnen hatten den Glauben an Jesus Christus angenommen und deshalb von ihren jüdischen Glaubensbrüdern Schwierigkeiten bekommen. Den größten Teil der Bevölkerung aber stellten Griechen und Römer. Aus jüdischer Sicht waren sie gottlose Heiden. Die Gottsucher unter ihnen aber interessierten sich für die neue Religion. Nur allmählich wuchsen diese Neubekehrten mit den gläubig gewordenen Diasporajuden zu einer Gemeinschaft zusammen.

Paulus hatte sich ja durchgesetzt mit seiner Auffassung, dass ein Heide, der sich zu Jesus Christus bekennt, nicht erst noch durch Beschneidung jüdisch werden muss, sondern durch Glaube und Taufe in die neue Lebensgemeinschaft mit Christus aufgenommen wird. Beide Bevölkerungsgruppen, die Judenchristen und die Heidenchristen mussten mit mancherlei Zweifeln und Missverständnissen kämpfen.

Denn für die Mehrzahl der jüdischen Gemeinden galt immer noch das Urteil der Jerusalemer Priesterschaft: Jesus war nicht der Messias, sondern ein Schwärmer und Gotteslästerer. Deshalb hatte man ihn ja zum Tod verurteilen und hinrichten lassen.

Und den Heidenchristen fiel es schwer, die fremdartige Botschaft von einem Mensch gewordenen und scheinbar ohnmächtigen Gott zu akzeptieren. Die griechischen Götter waren unbesiegbare Helden. Und nun kam aus Jerusalem die Nachricht von einem Gescheiterten, der – das war unerhört neu – von den Toten auferstanden war, weil Gott auf seiner Seite stand und ihn ins Leben auferweckt hatte.

Im Petrusbrief wird den neu Bekehrten gezeigt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was Jesus Christus durchgemacht hat und was sie in ihrem Leben erleiden würden. Es ist immer ein Weg …

  • aus der Angst in die Freude
  • aus der Gefangenschaft in die Freiheit
  • aus Bedrängnissen, den selbst verschuldeten und den schicksalhaft zugemuteten, in die Entlastung
  • aus Schuld und Sünde in die Lossprechung

Das war die Frohbotschaft, das Evangelium, für das die Apostel keine Mühe scheuten. In alle Welt hinaus haben sie diese Kunde getragen.

Und sie kam ja auch bis zu uns – in einem langen geschichtlichen Prozess voller Umbrüche und Gefährdungen, voller Missverständnisse und Zweifel. Aber sie ist immer noch da und auch heuer wurde sie wieder am Osterfest in allen christlichen Kirchen der Welt verkündet.

Irgendwie gleichen wir den Adressaten des Petrusbriefes. Denn auch wir spüren oft wenig von der befreienden Wirkung der Auferstehungsbotschaft. Auch wir befinden uns in vielen Bedrängnissen und Nöten, in Zweifeln und Sorgen. Auch wir sind kleingläubig und dem Apostel Thomas seelisch verwandt, der seine Zweifel offen ausgesprochen hatte.

Die Jünger hatten sich auch ängstlich eingeschlossen. Wie Gefangene und Ratlose waren sie nach dem Kreuzestod ihres Lehrers und Meisters Jesus von Nazareth.

Doch bei verschlossenen Türen trat er nach seiner Auferstehung in ihre Mitte. Und sie erfuhren den gleichen Umschwung in ihren Herzen:

  • aus der Angst in die Freude und in einen nie gekannten Frieden,
  • aus der Gefangenschaft in die Freiheit
  • und aus den Bedrängnissen in die Entlastung und in einen ganz neuen Lebensmut.

Und wie zum Trost für uns Kleingläubige gibt es den Thomas. Er konnte es nicht glauben und wurde deshalb von Jesus auf ungewöhnliche Weise zum Bekenntnis bewegt. Und für alle, die später zum Glauben kommen, gilt die Verheißung Jesu doppelt: „Selig, wer in Zukunft glauben wird, ohne mich gesehen zu haben“.

Der Evangelist Johannes hat vorher noch eine andere wichtige Erfahrung berichtet. Der Auferstandene sprach seinen Jüngern den Frieden zu und ermächtigte sie gleichzeitig, sein Werk in die Welt hinein zu tragen. „Empfangt den Heiligen Geist!“ Das ist die Gut-Geh-Kraft Gottes, der Lebensatem, ohne den alles tot ist oder im Tod bleiben würde.

Schon der Psalmbeter war sicher, dass nur von Gott allein die Macht des Lebens ausgeht. Ohne Gott gibt es kein Leben und keine Auferstehung von den Toten.

Im Blick auf die Vielfalt aller lebendigen Wesen der Schöpfung bekennt der Beter: „Nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde… „ (Psalm 104,29). Wen aber Gottes Atem trifft, der steht auf aus dem Staub und wird lebendig. Den kann kein Tod festhalten.

Diese Lebensmacht im Hl. Geist hat der Auferstandene seinen Jüngern geschenkt. Die damit verbundene Macht, Sünden zu vergeben ist nichts anderes als die Macht, aus den Fesseln und Abgründen des Todes befreit zu werden.

Die Osterfreude, liebe Mitchristen, ist die Freude darüber, dass Sünde und Tod keine Macht mehr über uns haben. Wir sind erlöst und befreit. – Die Antwort, die wir schuldig bleiben, ist die gläubige Zustimmung zu dieser unbegreiflichen Tat Gottes.

Lassen wir uns wie Thomas überwinden und legen wir unsere Zweifel ab. Jesus Christus lebt und mit ihm leben auch wir. Mit ihm haben wir Zukunft und Hoffnung. Wir sind auf dem Weg – auf dem Durchgang durch leidvolle Passagen hin zur Freiheit und Freude der Kinder Gottes.

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