Was alle angeht, soll von allen entschieden werden

Meditation zu einem wichtigen Text in der Apostelgeschichte

Apg 15,22-31; Joh 15,12-17
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Orientierung an der Urkunde

arbeitskreisVom Apostelkonzil ist immer dann die Rede, wenn Streitfragen in der Kirche aufkommen. Die Bibelstelle Apg 15,22-31 liest sich wie ein Abschlussdokument dieser wichtigen ersten Kirchenversammlung. Nach eingehender Beratung wurden Entscheidungen für die Zukunft der jungen Christengemeinden getroffen. Drei ausgewählte Sätze könnten auch heute noch zur Orientierung dienen, wenn es um die Lösung schwieriger Fragen geht.

Aus Vers 22 geht hervor, dass die Apostel und die Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde beschlossen haben, Männer aus ihrer Mitte auszuwählen und sie mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden. Es war also kein einsamer Beschluss der Vorsteher allein, sozusagen über die Köpfe der Gemeinde hinweg. Das alte Rechtsprinzip „Was alle angeht, soll von allenentschiedenwerden“ wurde hier erstmals praktiziert. In Vers 25 wird dieses Verfahren noch einmal erwähnt. Wie könnte das heute aussehen? Welche Formen der Mitbestimmung der Laien wären möglich?

Viel wurde über den Satz Vers 28 diskutiert: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen…“. In Fragen der Lehre und Disziplin sind Entscheidungen ohne die Anrufung des Hl. Geistes undenkbar. In einer modernen Übersetzung des Pfingsthymnus heißt es: „Ohne dein Wirken ist es nichts mit den Menschen, ist nichts ungefährlich!“

Dass schließlich den Neubekehrten „keine weiteren Lasten“ (Vers 28-29) auferlegt werden sollen, dass sie nicht vor der Taufe auch noch zum Judentum übertreten mussten, ist geradezu revolutionär und gilt als Beginn der langsamen Loslösung der christlichen Gemeinde von ihren jüdischen Wurzeln. Auf welche Fragen der Lebensordnung sollte dieses Wort heute angewendet werden? Die Ökonomie Gottes jedenfalls sieht vor, dass kein Mensch über seine Möglichkeiten und Fähigkeiten hinaus in Pflicht genommen werden darf. Gott überfordert den Menschen nicht.

Vom Gesetzesdenken zur Liebe – vom Knecht zum Freund

Jesus bekräftigt im Johannesevangelium (Joh 15,12-17), dass das Verhältnis Gottes zu den Menschen und umgekehrt das Verhältnis des Menschen zu Gott nicht einseitig in rechtlichen Kategorien gestaltet werden kann. Gesetze sind hilfreiche Geländer und Wegweiser, um vom Weg des Lebens nicht abzuirren (vgl. Deut 30,15-20). Aber gehen muss der Mensch den Weg der Liebe. „Mein Gebot“ nennt Jesus seine Einladung, den Weg der Liebe zu gehen. Und dieser Impuls kommt direkt von Gott her durch Jesus Christus auf uns zu.

Knechte stehen in einem gesetzlich geregelten Arbeitsverhältnis zu ihrem Herrn. Freunde vertrauen dem Wort. Ihr Verhältnis zueinander gründet auf Liebe und Zuneigung und gleicht einem Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern. Vorrang vor der gesetzlichen Verhältnisbestimmung hat die persönliche Nähe und Freundschaft.

Wenn Gott nach dem Wort Jesu beabsichtigt, uns Menschen alles zu schenken, was wir zum Leben brauchen, wenn wir „Kinder Gottes heißen und es auch sind“ (Einleitung zum Vater unser), dann kann sich kein Christ mehr vor der Aufgabe drücken, selber ein Liebender zu werden. Das wird seinen Umgang mit Seinesgleichen entscheidend prägen. Geduld und Verzeihen, Respekt und Ehrfurcht voreinander werden die Kennzeichen seines Verhaltens sein, wie wir es im Blick auf das Leben Jesu als Beispiel vor Augen haben.

Schließlich ist es die Liebe, die so etwas wie die Mitwirkung an Entscheidungen überhaupt erst möglich macht. Denn Liebe ist nach dem Zeugnis des Evangeliums nicht nur die Fürsorge für Anvertraute, sondern auch die Freisetzung ihrer Würde und Autonomie. Sie ist Einladung und Ermutigung zum Mitwirken am gemeinsamen Werk der Heilung und Rettung aller Menschen.

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