Glaubensgewißheit im Zwielicht

Predigt am 3. Sonntag der Osterzeit, 08. Mai 2011

Lesungen: Apg 2,14.22-44 / 1 Petr 1,17-21 / Jo 21,1-14

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Seit Ostern reden wir in der Kirche häufiger als sonst von der Auferstehung Jesu. Wir zünden die Osterkerze an, singen Osterlieder und hören verschiedene Texte der Hl. Schriften über die Erscheinungen Jesu.

So ist etwa das heutige Evangelium besonders wichtig für uns. Denn christliches Leben und Handeln ist nur möglich, wenn wir die Glaubensgewissheit des Petrus in unser Leben einweben können – wie einen Goldfaden in ein Webstück. Petrus zitiert in seiner ersten großen Rede in Jerusalem einen Psalmvers des David: „Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten. Ich wanke nicht!“.

Für den erfolgreichen König David war es klar: Leben kann nur gelingen, wenn es in ständiger Verbindung mit dem lebendigen Gott, den Herrn aller Mächte und Gewalten, gelebt wird – sozusagen im Blickkontakt mit Gott. Das gibt Sicherheit – auch in unsicheren Zeiten und schwierigen Lebenslagen. Was nämlich einer vor Augen hat, das bestimmt sein Denken, Reden und Tun. Jeder Mensch wird von seinen Sichtweisen gelenkt und geprägt.

Der Gott Israels ist kein lebloser Götze. Götzen haben zwar Ohren, können aber nicht hören, sie haben Augen, sehen aber nicht. So heißt es im Buch der Psalmen. Gott hingegen ist der lebendige Ansprechpartner des Menschen. Er ist dem Menschen in Treue zugewandt.

Wie man zu solcher Glaubensgewissheit kommt, erfahren wir im Johannesevangelium.

Die Apostel sind nach den turbulenten Ereignissen in Jerusalem wieder in ihre alte Heimat nach Galiläa zurückgegangen. Am See von Tiberias gehen sie ihrer vertrauten Arbeit nach. Dort war ihnen Jesus von Nazareth ja zum ersten Mal begegnet. Dort hatte er sie angesprochen und so von seiner Reich-Gottes-Vision überzeugt, dass sie alles liegen und stehen ließen, um ihm nachzufolgen. Mitten am Tag war das – mitten in ihrem täglichen Geschäft – beim Fischen.

An diese erste Begegnung knüpft die von Johannes aufbewahrte Geschichte von der dritten Erscheinung des Auferstandenen an. Man kann vier Punkte herausschälen, die zum Wiedererkennen Jesu geführt haben und auch uns helfen könnten, die Glaubenszweifel zu überwinden:

Wie erkennen die Apostel den Auferstandenen?

  1. Bei ihrer täglichen Arbeit – beim Fischen
  2. Im Zwielicht der Morgendämmerung
  3. Sie erkennen ihn unterschiedlich schnell – der eine sofort, die anderen später
  4. Und dadurch, dass sie sich an frühere vergleichbare Begegnungen mit ihm erinnern.

1) Petrus sagt: „Ich gehe fischen“. Damit beginnt für ihn wieder der graue Alltag – für ihn und für seine Freunde. Sie besteigen ihr Boote – wie immer. Sie fahren nachts hinaus –  wie immer. Am See von Tiberias ist es üblich, nachts zu fischen.

Mir sagt diese beiläufige Notiz „ich gehe fischen“: wir sollen nicht meinen, eine Glaubensgewissheit entstünde nur durch außergewöhnliche Erfahrungen, etwa bei religiösen Großveranstaltungen oder an besonderen Wallfahrtsorten, sondern oft mitten am Tag, mitten in den gewöhnlichen Verrichtungen des Lebens: da kann uns auf einmal gewiss werden, dass Jesus lebt. Da kann uns Jesus unvermittelt vor das geistige Augen kommen. Er kann uns sozusagen „einfallen“. Oft genügt ein kleiner Anstoß: der kurze Besuch in einer Kirche, ein Bild, der Klang einer Kirchenglocke, ein vertrautes geistliches Lied, das Lächeln eines Menschen und seine liebende Zuwendung.

2) Es ist Morgendämmerung, also Zwielicht zwischen Tag und Nacht. Die Apostel sehen einen Mann am Ufer und wissen nicht, dass es Jesus ist. Er spricht sie an, bittet um etwas zu essen; sie müssen eingestehen, dass sie nichts gefangen haben – und dieser Mann rät ihnen nun, das Netz zur rechten Seite auszuwerfen. Spätestens da hätte den Aposteln dämmern müssen, wer dieser Fremde ist. Denn eine ähnliche Szene hatten sie gleich nach ihrer Berufung schon einmal erlebt – beim reichen Fischfang damals. Jesus hatte ihnen geraten, nochmals auf den See hinauszufahren, obwohl sie die ganze Nacht nichts gefangen hatten. Lukas hat diese Geschichte überliefert (Lk 5,1-11). Der Lieblingsjünger erkennt als erster, dass dieser fremde Mann kein Fremder ist, sondern der auferstandene Herr. Im Zwielicht kann eben nur ein Liebender sehen und erkennen.

Und so geht es auch uns. Was die Glaubensgewißheit betrifft, so befinden wir uns immer irgendwie im Zwielicht. Wir haben oft nur eine Ahnung, keine unangefochtene Sicherheit. Unser Glaube bleibt im Schwebezustand zwischen Gewissheit und Zweifel. Nur ein liebendes Herz kann diesen Zustand aufheben.

3) Deshalb ist es ja der Lieblingsjünger, der Jesus zuerst erkennt. Er macht Petrus aufmerksam und dieser ist so überrascht und begeistert, dass er aus dem Boot springt, um schwimmend das Ufer zu erreichen. Wir erinnern uns: Petrus war schon einmal aus dem Boot gestiegen und im Blick auf den Herrn sogar eine Zeitlang über das Wasser gegangen – bis zu dem Moment, als er den Herrn aus den Augen verlor. Dann begann er zu sinken und konnte sich nur retten, indem er schrie: „Herr, rette mich“. Jesus hatte ihm die Hand entgegengestreckt und ihn vor dem Ertrinken bewahrt. Wer diese Geschichte im Mt-Evangelium (Mt 14,22-33) genauer liest, wird eine erstaunliche Entdeckung machen. Da heißt es nämlich: „Als Petrus den Wind sah, begann er zu sinken“. Es heißt nicht, wie wir meinen möchten: als Petrus den Wind spürte. „Kann man den Wind sehen?“. Nein. Den Wind selbst nicht, nur seine Wirkungen.  Und diese können den Blick ganz schön in den Bann ziehen. Denken Sie nur an die Tornados in den USA. Da stehen die Menschen wie gebannt vor diesem Naturschauspiel – sie sehen nichts anderes mehr. Vielleicht will der Evangelist mit dieser seltsamen Formulierung sagen: Petrus wäre deshalb beinahe untergegangen, weil er nur noch auf die Naturgewalten starrte und vor Angst und Kleinglauben den Herrn aus dem Blick verloren hatte.

Daraus folgern wir: wer unverwandt auf Jesus Christus schaut und seinen Blick nicht ablenken lässt durch noch so viele bedrohliche Ereignisse, der wird – wie Petrus – nicht untergehen.

4) Schließlich: die Apostel erkennen den Auferstandenen nicht zur gleichen Zeit. Erst beim gemeinsamen Essen wächst ihre Überzeugung: Es ist der Herr.

Dieses Evangelium ist ein Lehrstück, wie wir zur Glaubensgewissheit gelangen können:

  • wir müssen genau hinschauen – auch im Zwielicht
  • wir sollen uns erinnern an frühere Gotteserfahrungen
  • und darüber mit anderen sprechen
  • und wir brauchen Geduld mit denen, die noch nicht glauben können

Das ist eigentlich die ganze Veranstaltung Kirche. Wenn wir uns zum Gebet versammeln, schauen wir alle in die gleiche Richtung – zum Altar als dem symbolischen Ort des geheimnisvoll gegenwärtigen Herrn. Wir erinnern uns im Hören des Evangeliums an alles, was Gott unter uns schon getan hat – und wir machen uns gegenseitig aufmerksam im Gespräch über Glaubensdinge, im Singen und Beten der gleichen Wahrheit.

Was David im Psalm bekannt und Petrus als Beweis für die Auferstehung der Toten zitiert hat, könnte auch uns in den Glaubensnöten helfen: „Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten. Ich wanke nicht!“. Richten wir also unseren Blick auf Jesus Christus, den auferstandenen Herrn. Das ordnet unsere Gedanken und Gefühle. Das bewahrt unser Tun vor Leichtsinn und Unsinn. Wir leben doch als Christen unter den liebenden Augen Gottes – wie das die Kinder tun. Sie leben in selbstverständlicher Gewissheit, dass ihre Eltern für sie da sind und sie nicht aus den Augen verlieren.

Aus der Pfarrei St. Bonifaz – geistliche Impulse mit Bildern

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