Hirtenromantik oder die Sehnsucht nach dem wahren Leben

Predigt am 4. Sonntag der Osterzeit, 15. Mai 2011

Lesungen: Apg 2,14a,36-41 / 1 Petr 2,20b-25 / Joh 10,1-10

Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören.

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„ Sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte“, schreibt der Evangelist Johannes über die Jünger, nachdem ihnen Jesus das Gleichnis vom Guten Hirten erzählt hatte.

Verstehen wir denn, was Jesus gesagt hat? – Ich bezweifle es. Denn es fehlt uns die Erfahrung des Hirtenlebens. Schafherden sind in unserer Gegend selten. Wenn wir dann doch zufällig eine entdecken, bleiben wir gern eine Weile stehen. Von der alten Hirtenromantik sind wir irgendwie angerührt. Da stimmt einfach alles. Ruhe ist da, Friede, kein aufgeregtes Hin und Her. Der Hirte steht – die Schafe genießen ihren Weideplatz. Sie fühlen sich sicher und geborgen.

Und sollte ein Weiterziehen zum nächsten Weideplatz dran sein, geht das alles ohne Hektik vor sich. Eine kleine Bewegung des Hirten, ein paar unverständliche Worte. Die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten. Sie folgen ihm spielerisch – alles hat seine innere Ordnung. Da ist kein Zwang oder Aufruhr. Da ist einfach Stille und Frieden.

Bei so einem Anblick steht aber die Frage auf: ist das noch ein gültiges Bild für das Leben der Menschen heute? Ist das nicht eher ein Bild für ein verlorenes Paradies, dem wir nur noch nostalgisch nachtrauern?

Ein Bild dafür, wie es unter uns sein könnte, ist es allemal. Und die Sehnsucht nach einem friedvollen Leben drückt sich in diesem Bild gewiss aus. Woran liegt es also, dass die Tatsachen doch ganz anders sind, unsere Welt voll Hass und Neid, voll Mord und Totschlag, voll Unfrieden und Gefährdung ist? Haben wir vielleicht keine guten Hirten mehr?

Oder haben wir im Stimmengewirr unserer Tage die Worte der guten Hirten überhört? Laufen wir nur noch marktschreierischen Versprechen irgendwelcher Führer nach!? Wie war es z.B. möglich, dass die Menschen scharenweise einen Politstar verehrten, von dem man jetzt weiß, dass er in seiner wissenschaftliche Arbeit betrogen hat?

Auf diese Fragen können wir hier keine Antwort geben. Sie gehören in die persönliche Besinnung des Einzelnen. Man kann nur hoffen, dass es jedem von uns gelingt, auch einmal über so wichtige Fragen nachzudenken.

Die Lesungen des heutigen Sonntags enthalten dazu den einen oder anderen Hinweise.

1) Da fällt zuerst auf, dass Petrus die Zuhörer mit seiner Rede am Pfingsttag  ganz schön verstört hat: „es traf sie mitten ins Herz“. Das griechische Wort an dieser Stelle lässt noch weitere Beschreibungen zu. Es ist jenes seltsame Erschaudern, das einen erfasst, wenn man etwas von den Geheimnissen des Überweltlichen zu spüren glaubt; es ist eine Mischung aus Faszination und Schrecken. Wenn wir mit den vertrauten Deutungen unseres Daseins nicht mehr zurechtkommen, können uns solche Gefühle überfallen. In jüngster Zeit häufen sich Ereigniss, die uns so eigenartig anrühren: die Reaktorkatastrophe in Japan, verheerende Wirbelstürme, Erdbeben und Überschwemmungen, oder auch die spektakuläre Militäraktion gegen Bin Laden. Es gibt sie schon, die kleinen Erschütterung unseres Weltbildes – und vielleicht auch unseres Gottesbildes.

Ich vermute, dass die Rede des Petrus eine ähnliche Wirkung hatte. Denn er hat seine Zuhörer mit ihrer eigenen Lebenseinstellung konfrontiert. Da mussten sie einsehen, dass sie mit Gott gar nicht mehr gerechnet hatten. Und: dass dieser Gott nicht einfach irgendwie im Himmel thront, sondern in Jesus von Nazareth mitten unter ihnen war. Und sie hatten ihn nicht erkannt und nicht auf seine Stimme gehört. Ja, sie haben ihn sogar wie einen Verbrecher kreuzigen lassen. Diese Einsicht stach ihnen ins Herz.

Deshalb fragten sie betroffen, was sie jetzt tun sollten. Sie waren auf einmal bereit, ihr Leben zu ändern, wieder mehr nach innen zu hören und sich nicht von Schreihälsen verführen zu lassen. Die Botschaft dieser Stelle aus der Apostelgeschichte lautet also: Hör genauer hin – lass dich nicht durch wohlklingende Worte betören. Gott redet eher leise – und nicht selten in rätselhaften geschichtlichen Ereignissen.

2) Der Autor des ersten Petrusbriefes  ist der gleichen Auffassung: Jesus Christus war kein lärmender Volksverführer, sondern ein Freund der Herztöne, der sogar die Lasten der Menschen auf sich nahm. Er beschreibt ihn als einen Dulder, einen Leidenden.

In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, an zwei große Psychologen zu erinnern, Sigmund Freud und Viktor Emil Frankl. Sie beschrieben den Zustand der seelischen Gesundheit mit den Worten: Arbeiten können und Lieben können. Frankl fügte noch ein Drittes hinzu: Leiden können! Ein anspruchsvolles Wort. Aber ist es nicht so, dass wir vieles im Leben einfach nur dadurch bewältigen, dass wir es klaglos auf uns nehmen, dass wir es schlicht und einfach erdulden und aushalten?

Die Botschaft dieser Stelle aus dem Petrusbrief lautet also: Rettung und Heil ist nicht auf Kuschelwegen zu erreichen, sondern verlangt Geduld und Ausdauer. Jesus Christus ist uns da vorausgegangen und ermutigt uns, ihm auf diesem Weg zu folgen.

Und jetzt verstehen wir vielleicht auch das Gleichnis vom guten Hirten besser. Jesus identifiziert sich mit einem Hirten. Er ist kein tyrannischer Herrscher, sondern ein einladend Liebender. Seine ganze Sorge gilt den Seinen, wie die Sorge des Hirten seinen Schafen gilt. Er will nicht manipulieren, sondern zum vollen Leben verhelfen. Wer nicht durch die Tür hineingeht, ist ein Dieb und ein Räuber, sagt er. Der wahre Hirt wird nicht einbrechen, er kommt nicht durch die Hintertür. Man kann ihn angstfrei erwarten.

Jesus Christus ist für uns wie ein guter Hirte. Er wirbt mit seiner Botschaft der Liebe dafür, dass wir auf seine Stimme hören und ihm folgen. Denn er allein kann das wahre Leben schenken, Freiheit und Frieden unter uns schaffen.

Gebet
Herr Jesus Christus,
du bist der gute Hirte.
So steht es in der Bibel.
Ich kenne aber keine Schafsherden und
keinen Hirten mehr.
Aber ich kenne eine Mutter,
die sich Sorgen macht um ihr Kind.
Ich habe schon Väter gesehen,
die um ihre Kinder weinen.
Herr, so ähnlich stelle ich mir vor, bist du!
Du machst Dir Sorgen um uns, um mich.
Du passt auf mich auf.
Herr, ich darf auch so ein Hirte werden,
eine Mutter, ein Vater für andere Menschen!
Herr, du brauchst solche Hirten!
Hilf mir, dass ich heute ein offenes Herz habe,
dass ich mich sorgen lerne um andere!

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