Standpauke oder Einladung zum Leben

Predigt beim Gottesdienst anlässlich der Mitgliederversammlung des SkF
am 10.05.2011 in der Schlosskirche in Prüfening

Lesung: Apg 7,51-8,1a / Evangelium: Joh 6,30-35

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Standpauken und Moralpredigten sind selten geworden. Heute werden Meinungsverschiedenheiten zum richtigen Lebensstil über die Medien ausgetragen. Die kann man später beschuldigen, falls ein kritisches Wort missverstanden wurde oderÄrger ausgelöst hat. Die Konsequenzen für den Wortführer halten sich dabei in Grenzen.

Ganz anders zurzeit Jesu. Der Diakon Stefanus nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Dem Volk, den Ältesten und Schriftgelehrten sagt er deutlich die Meinung: „Ihr Halsstarrigen! Ihr habt das Gesetz (des Lebens) empfangen, es aber nicht gehalten!“ (Apg 7,51.53). Und Stefanus bezahlt dafür mit seinem Leben.

Dass die Strafe der Steinigung auch noch in unserer Zeit – z.B. bei den Taliban – üblich ist, mag uns erschrecken. In westlichen Zivilisationen hat man andere, viel raffiniertere Methoden der Unterdrückung und Auslöschung der Meinungsfreiheit erfunden. Brutales Vorgehen erleben wir gerade in letzter Zeit in Lybien und Syrien.

Warum diese seltsame Einleitung für eine kurze Predigt beim Gottesdienst zur Mitgliederversammlung des SkF in Regensburg?

Weil Sie, liebe Damen, mit ihrem Werk, mit ihrem Reden und Tun öffentlich auf gesellschaftliche Mängel aufmerksam machen. Und das wird nicht nur gut geheißen, sondern ist manchen Verantwortlichen in Politik und Kirche auch peinlich. Sie setzen ein Zeichen, dass etwas in unserem Leben nicht stimmt!

Gäbe es z.B. das Frauenhaus nicht, würde die Not der Bewohnerinnen gar nicht öffentlich bekannt. Gäbe es Ihr Engagement für junge Familien und ihre Kinder nicht, würden die Beschwernisse im Leben der Betroffenen gar nicht wahrgenommen. Wir alle neigen doch dazu, die unangenehmen und belastenden Dinge des Lebens möglichst aus dem Alltagsbewusstsein zu verdrängen. – Jede gute Tat ist indirekt ein Hinweis auf einen Mangel.

Was war denn der Mangel, auf den Stefanus hinweisen wollte? Was fehlte den Menschen damals – und vermutlich auch heute, wenn Jesus auf die Stillung des Hungers durch das Manna in der Wüste hinweist und von einem Lebensbrot redet, das den ganz anderen Hunger nach wahrem Leben stillen kann?

Unser Tun kann man von zwei Seiten betrachten. Eine vordergründige und eine hintergründige. Das Vordergründige ist sichtbar, wägbar, lässt sich in Bilanzen der Ökonomie oder auch in körperlich-seelischen Erträgnissen mitteilen. Wenn ich sage: mir geht es gut, dann denkt sich der Zuhörer: ich bin körperlich und seelisch gut drauf und gesund. Dass ich auch ein Sinnvakuum kenne – wie es Viktor E. Frankl genannt hat – oder einen existentiellen Hunger nach einem Leben, das mehr ist als bloß eine bio-psycho-soziale Ausgewogenheit, das lässt sich so einfach gar nicht ausdrücken. Das ist der Hintergrund bei meinem Tun. Und der bleibt oft verborgen, bleibt mein innerstes Geheimnis.

Aber es ist da. Denn jedes Geschehen in meinem Leben hat nicht nur ein Vorhandensein (beschreibbar als Mangel oder Sättigung), sondern auch ein Bedeutungs-Sein (Heinrich Fries)

Wenn wir uns sozial engagieren, lindern wir nicht nur die allgemeinen Nöte, sondern setzen durch diesen Dienst ein Zeichen dafür, dass die Bedürftigen mehr erhoffen als nur Nahrung, Kleidung, ein Obdach und Zuwendung. Wir erinnern die Menschen indirekt an ihre wahren Bedürfnisse. Antoine de Saint-Exupery gesagt:

„Man kann doch auf Dauer nicht leben von Kühlschränken, Politik, Finanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es einfach nicht. Man kann doch nicht leben ohne Dichtung, ohne Farben, ohne Liebe“.

Wir werden uns also auch fragen müssen, wovon wir wirklich leben? Wer diese Frage radikal stellt, muss über den Rand der Welt hinaus denken. Er muss die Gottesfrage stellen – immer wieder und vor allen Fragen der Bewältigung des Daseins.

Die Antwort, die Stefanus offenbar gefunden hatte, führte zu einer Umwertung der Werte. Wichtiger war ihm das Leben in lebendiger Beziehung zu seinem Gott als das irdische Überleben. Wichtiger war es für Jesus, den Menschen zu sagen, dass er ihnen ein Brot des Lebens schenken kann, das mehr bewirkt als nur Hunger und Durst des Leibes zu stillen.

Worauf es also ankäme, ist Beziehungspflege! Pflege der Beziehung zum lebendigen und Leben schenkenden Gott. Das ist nichts anderes als Gebet. Stefanus starb betend und bezeugte damit, dass er in einer Beziehung zu Gott stehen wollte und damit in einem Leben angekommen war, das über den Tod hinausgreifen konnte.

Was heißt das nun für unseren Dienst: wir tun alles so gut und so engagiert wie bisher und wissen gleichzeitig, dass dies alles doch nur vorübergehend ist. Wir identifizieren uns nicht mit unseren Werken, um daraus ein Selbstwertgefühl aufzubauen, sondern wir suchen Grund und Halt in einer Macht größer als wir selbst. Solches Denken entlastet von Sorgen und verleiht dem Leben eine Heiterkeit und Freude, die die Welt nicht geben kann.

Für das neue Jahr nach dieser MV wünsche ich uns allen ein noch größeres Interesse für das je Größere in unserem Leben, für das wahre Leben von Gott her, das sich als tiefste Sehnsucht in all unseren irdischen Sehnsüchten anmeldet.

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