Worauf wir bauen können

Predigt am 5. Sonntag der Osterzeit, 22. Mai 2011

Lesungen: Apg 6,1-7 / 1 Petr 2,4-9 / Joh 14,1-12

Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören.

[print_link]

Das heutige Evangelium ist uns nicht ganz fremd. Manchmal hören wir es in einem Requiem, weil es den tröstlichen Gedanken enthält, dass nach dem Abbruch unserer irdischen Wohnung eine Wohnung im Himmel bereit steht.

Entnommen ist dieser Text den sog. Abschiedsreden Jesu. Darin wird das besondere Verhältnis Jesu zu Gott offenbart, sein – menschlich gesprochen – herzliches Vertrauensverhältnis. Jesus redet Gott – ungewöhnlich für seine jüdischen Glaubensbrüder – mit dem Wort Abba an (übersetzt: Papa – Vater). Noch heute hört man in Israel aus Kindermund das Wort Abba. Es rührt einen merkwürdig an, wenn man Kinder auf den Straßen und Gassen in Jerusalem so rufen hört. Auch uns käme wohl das Wort Papa für den großen und erhabenen Gott nicht so leicht über die Lippen. Jesus aber hatte gute Gründe dafür. Denn damit bezeugte er seine besondere Beziehung zu Gott. Und diese will er nicht nur für sich in Anspruch nehmen. Er möchte auch uns daran teilnehmen lassen.

Zwischen dem Petrusbrief und dem Evangelium lässt sich zudem ein Spannungsbogen erkennen, der für unsere Beziehung zu Gott ebenfalls bedeutsam ist. Petrus, vertraut mit dem Lebensgesetz seiner Väter, weiß um die Wichtigkeit der Anstrengung: man muss etwas tun, um vor Gott bestehen zu können; man muss – in der Sprache der Bauleute – aufbauen und weiterbauen am geistigen Haus. Wer vor Gott taten-los ist, ist kein tadel-loser Frommer!
Wir sind in der Welt, um die Werke Gottes zu vollbringen, d.h.  die Schöpfung nach seinem Willen bewahren und gestalten, also nicht nur zuzuschauen, wie sich alles entfaltet, sondern auch Hand anlegen und sich einmischen.

Bilder aus dem Bauhandwerk finden sich oft in der Hl. Schrift. Das Bild vom Bauen wird sowohl für gutes als auch für fraglos böses Handeln verwendet. So bauen die Bewohner Babylons an einem gewaltigen Turm – nichts dagegen einzuwenden. Aber sie überschreiten das menschliche Maß. Das gerät ihnen zum Verhängnis. Noah baut eine Arche, um sich und die Seinen vor der drohenden Flut zu retten. Richter und Propheten bauen Altäre, um Gott Opfer darzubringen und schließlich baut Salomon einen prächtigen Tempel, damit das Gottesvolk einen Ort der Verehrung und Anbetung hat, ein Haus Gottes.

Aber all diese verschiedenen Bauten bleiben doch vergängliches Menschenwerk, werden im Laufe der Geschichte wieder zerstört oder abgerissen. Selbst der gewaltige Tempel, religiöser Mittelpunkt Israels, wird wenige Jahrzehnte nach Christus von den römischen Eroberern bis auf den letzten Stein niedergerissen. Könnte das nicht ein Hinweis darauf sein, dass die Menschen oft eine wichtige Voraussetzung für das Bauen übersehen, sozusagen eine „Baugrundlage“, ohne die man auch heute keinen Bau beginnen darf?

Von einer solchen Baugrundlage spricht sowohl der Petrusbrief als auch das Evangelium:

  • im Petrusbrief steht dafür das Wort „Eckstein“  – gemeint ist Jesus Christus. Hier geht es um die Errichtung eines geistigen Hauses, das nicht aus Steinen, sondern aus Menschen besteht, die Gott die Ehre geben. Bestand hat dieser Bau nur, wenn der Eckstein nicht fehlt.
  • im Evangelium stehen für die Baugrundlage die Worte „Weg, Wahrheit und Leben“ und wiederum ist Jesus Christus gemeint. Auch hier ist von einem Haus, von einer Wohnung die Rede, von Gott errichtet als endgültiger Platz, als die eigentliche Heimat, auf die hin wir unterwegs sind.

Ich glaube, wir sollten uns ab und zu auf diese „Baugrundlage“ besinnen. Es nützt wenig, nur zu arbeiten und zu bauen, auch dann nicht, wenn dieses Arbeiten und Bauen religiöse Namen hat – wie Beten, Fasten, Almosen geben, Opfer bringen, überhaupt alle guten Werke, die sich Menschen guten Willens so ausdenken.

Wir müssen auf den „Eckstein“ und auf den „Weg“ blicken – oder noch richtiger – wir müssen uns von Jesus Christus anblicken lassen.  Denn in seinem Anblick werden wir von Gott selbst angeschaut. Im Anblick Jesu erkennen wir die rettende Zuwendung Gottes selbst.

Deshalb kann Jesus das tröstende Wort an seine Jünger und an uns richten: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren“. Das heißt: werdet nicht ängstlich nervös und ungeduldig bei euerem Bemühen um ein gutes Leben! Baut nicht blind darauf los, nur damit überhaupt etwas vorangeht, sondern erinnert euch daran, dass ich den Bauplan vorgegeben habe, dass das Wollen und Vollbringen in meinen Händen liegt.

Jesus Christus hat uns sein Geheimnis offenbart: seine Nähe zum Vater, sein Eins-sein mit ihm. Er lädt uns ein, an diesem Eins-sein teilzuhaben. Das ist ein Geheimnis des Glaubens und ein Geschenk seiner unbegreiflichen Liebe. Das ist nicht Ergebnis unseres Bemühens – nein: umgekehrt: unser Bemühen kann immer nur Frucht dieser Vor-wahl sein, so wie ein guter Bau immer nur Ergebnis eines gutes Bauplanes, einer guten Baugrundlage, ist.

Heute, am Sonntag, dürfen wir aufblicken zu Gott, unserem Vater, und uns dankbar an alles erinnern, was er uns durch Jesus Christus geschenkt hat. Wir bringen ihm das Opfer des Lobes dar und geben das Werk der vergangenen und der kommenden Woche aus den Händen –  in seine Hand.

Gott ist der Bauherr auch unseres Lebens. Was wir vollbringen, gründet in ihm.

Print Friendly, PDF & Email