Einsamkeit, ein unlösbares Problem

Wer einsam ist, hat gegenüber seinen Mitbürgern ein Problem. Er tut sich schwer, seine spezifische Gemütslage zu verdeutlichen, sich verständlich zu machen. Indiz dafür sind die vielen Ratschläge, die ein einsamer Mensch zu hören bekommt: „Du mußt mehr unter die Leute gehen! Klopf mal bei Deinem Nachbarn an. Der freut sich bestimmt, wenn Du auf ihn zugehst – denn auch er ist einsam! Schließ Dich einem Verein an! Suche Dir ein Ehrenamt, usw. usw.“

Viele Ideen – keine hilft

Zahlreich sind die gutgemeinten Ideen. Doch keine einzige hilft dem Einsamen. Worunter er leidet, läßt sich eben nicht ausschließlich an der Oberfläche des Sozialverhaltens erkennen und kurieren, sondern erschließt sich nur einem zugewandten Ohr und einem verständnisvollen Gesprächspartner. Daß wir in Deutschland nun schon seit über 40 Jahren ein flächendeckendes Angebot einer TELEFONSEELSORGE mit ständig steigenden Anruferzahlen haben, daß das psychosoziale Beratungsnetz ständig ausgebaut und differenziert wurde, könnte ein Hinweis dafür sein, daß es in unserer Gesellschaft zu wenig „Zuhörer“ und zu viele lautstarke „Sprecher“gibt.

Zu wenig Zuhörer

Richtig zuhören können ist eine Kunst. Sie steht auf dem Lehrplan jeder Aus- und Weiterbildung professioneller Berater und Seelsorger. „Hab ich Dein Ohr nur, find ich schon mein Wort“, hat Karl Kraus einmal gesagt. Dahinter steht eine Erfahrung, die schon Hermann Hesse über den Einsiedler Josef in seinem Roman Glasperlenspiel beschrieben hat: Zuhören hat eine „passiv einsaugende Wirkung“. Sie löst dem Stummen die Zunge und er-löst ihn aus Erstarrung und Einsamkeit. Freilich ist dies nur eine Art „Erstversorgung“, eine Krisenhilfe. Die TELEFONSEELSORGE hat sich auch immer so verstanden. Sie ist das niederschwellige Eingangstor zu vielfältigen Beratungs- und Hilfsangeboten. Wer aus dem Schweigen wieder ins Wort gekommen ist, hat die erste Hürde bereits hinter sich.

Fremde Hilfe ersetzt nicht Eigeninitiative

Dann aber beginnt die eigentliche Arbeit. Wer eine Beratungsstelle aufsucht, muß wissen, daß er von den Fachleuten dort nicht einfach nur betreut wird, sondern zur Mitarbeit eingeladen wird. Gemeinsam werden Wege gesucht, wie einer das angstbesetzte Heraustreten aus dem Schneckenhaus und das Anknüpfen sozialer Kontakte schaffen kann. Gegen alle schleichende Angst, mißverstanden oder zum wiederholten Mal verlassen zu werden, baut sich langsam das angekränkelte Selbstvertrauen wieder auf. Oft genug wundern sich die Ratsuchenden darüber, daß sie in den Augen des Beraters, der Beraterin, wertvoller da stehen, als sie sich selbst eingeschätzt hatten.

Einsamkeit und Allein-sein

Einsamkeit ist nicht zu verwechseln mit Allein-sein. Für die psychische Gesundheit ist es sogar unerläßlich, Zeiten des Allein-seins zu suchen und sich darin einzuüben. Jedes soziale Leben pendelt zwischen den Polen Gemeinschaft und Alleinsein. Es sind eher unrealistische Erwartungen, die der einsame – und gleichzeitig immer enttäuschte (!) Mensch an seine Mitmenschen stellt, wenn ihn die Melancholie der Einsamkeit überfällt.

Was in Beratung und Seelsorge in den Blick kommen kann

Was aber kann man tun, um von dieser traurigen Stimmung nicht überschwemmt zu werden? Gelten die eingangs erwähnten Ratschläge denn gar nicht? Doch. Sie können ein Wegweiser in die richtige Richtung sein. Besser ist jedoch, erst einmal bei sich selber zu lauschen und nach den Gründen zu fragen, warum Einsamkeitsgefühle entstehen.

Zwei Gründe lassen sich nennen:

  • die zunehmende Zahl der Single-Haushalte
  • und die verdunstete Transzendenzerfahrung.

Singledasein ist ambivalent

Als Single zu leben – mit eigener Wohnung und großer Gestaltungsfreiheit – gilt bis heute als erstrebenswerte Lebensform – vor allem im ersten Drittel des Lebens. Erst später lernt man stabile Bindungen und auch ein Ritual der Gemeinsamkeit wieder schätzen. Diese täglich wiederkehrenden „selbstverständlichen“ Näheerfahrungen sind wertvolle seelische Vitamine, für deren Zufuhr einer Sorge tragen muß. Man kann nicht leben – nur von zufälligen oder dauernd neu zu vereinbarenden Zusammenkünften. Gemeinschaft braucht die Sicherheit des Gewohnten, vielleicht auch des „Gewöhnlichen“.

Religion wieder gefragt?

Zugangswege zur Transzendenz gehören zu den Schätzen, die in allen Religionen aufbewahrt sind. Eine Transzendenzerfahrung – das über den „Rand der Welt hinausschauen dürfen“ – wird nur dem zuteil, der nicht vergessen hat, daß „die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1. Brief an die Korinther, 7,21). Keine noch so tragende und beglückende Beziehung ist von Dauer. Sterblich sind wir alle. Und spätestens der Tod entkleidet unsere übertriebenen Erwartungen und öffnet den schmerzlichen Weg der Trauerarbeit. Lieben heißt loslassen. Man kann keinen Menschen festhalten und besitzen. Das gilt für das ganze Leben. Nicht umsonst findet sich ein bekanntes Jesus-Wort im Neuen Testament in fünf verschiedenen Varianten: „Wer sein Leben festhält, verliert es. Wer es aber verliert, wird es gewinnen“!

Mut zum Alleinsein

So paradox es klingt. Wer aus der Einsamkeit herauskommen will, muß gleichsam in sie „hineingehen“! Er muß sich zumuten, in offener und fragender Haltung – auch gegenüber einem schweigenden und verborgenen Gott – immer wieder allein zu sein. Diese Übung ist die beste Prophylaxe vor überbordenden Gefühlen der Einsamkeit.

Im Wechsel von Alleinsein und Zusammensein mit anderen vollzieht sich unser Leben. Aber ein ganz Anderer steht gleichzeitig im Hintergrund beider Erfahrungen.

Dem geduldig Suchenden – vielleicht in der Einsamkeit einer Wüste – wird Offenbarung und Klarheit zuteil. Er fühlt sich zuletzt geborgen unter den Augen Gottes. In einer feiernden Gemeinschaft – mit dem Höhepunkt eines gemeinsamen Essens (was dem Christen im eucharistischen Mahl angeboten wird) spricht sich der All-eine zu. Es gilt das Wort Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen.“ (Evangelium nach Matthäus, 18,20).

Niemand braucht in der Einsamkeit zu bleiben.

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