Gott ist dem Menschen geheimnisvoll nah

Predigt am 6. Sonntag in der Osterzeit, 29. Mai 2011

Lesungen: Apg 8,5-8.14-17 / 1 Petr 3,15-18 / Joh 14,15-21

Alle liturgischen Texte (hier)

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Geben wir es ruhig zu: diese Worte Jesu im heutigen Evangelium sind wie eine Verschlusssache. Wir verstehen sie kaum und begreifen nur schwer, was Jesus da gesagt hat.  Kennen wir denn den Hl. Geist? Wer von uns kennt sie noch – die sieben Gaben des Hl. Geistes? Erleben wir oder spüren wir, dass dieser wie ein anderer Beistand bei uns ist?

Die Welt kann diesen Geist der Wahrheit nicht empfangen, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt, sagt Jesus. Als Kinder dieser Welt brauchen wir uns also nicht zu wundern, wenn wir Probleme mit diesen Zusagen Jesu haben.

Fremdartig erscheinen uns also die Worte Jesu, es sei denn, wir stehen gerade vor einer wichtigen Entscheidung. Das Hin und Her in solchen Lebensphasen verbindet sich oft mit  einer gemischten Stimmung von Abschied, Erleichterung und Aufbruch.

Diese Worte Jesu sind ja in eine Abschiedsstimmung hineingesprochen. Abschiedsreden nennen sie die Theologen. Es sind seine letzten Worte am Abend vor seinem Leiden im Kreis seiner Jünger. Deshalb haben sie Gewicht. Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit.

Wer Abschied nimmt, verzichtet auf oberflächliches Gerede. Er versucht, seinen Lieben Wichtiges und bleibend Gültiges mitzuteilen. Wir kennen das von Abschiedsreden jeder Art. Da wird noch einmal zusammengefasst, was wichtig war: an das Gute wird erinnert, das weniger Gute und Schlechte wird schön geredet oder gar nicht erwähnt, vielleicht aber auch vergessen und verziehen. Vor allem versucht man, in die Zukunft zu schauen. Wohlmeinende Ratschläge sind deshalb bei Abschiedsreden häufig.

Jesus macht das auch so. Man könnte fast sagen: jetzt wird er ganz persönlich. Jetzt sagt er, was man schon immer von ihm hören wollte: wer bist du eigentlich, du Sohn des Zimmermanns aus Nazareth! Jetzt hält er nicht mehr zurück. Er verrät sein innerstes Geheimnis, sein persönliches Verhältnis zu Gott und zu uns. Gott nennt er seinen Vater, und uns möchte er in dieses besondere Verhältnis mit hineinnehmen. Diese persönliche, freundschaftliche Beziehung will Jesus nicht für sich allein beanspruchen. Er will uns daran teilhaben lassen: „Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin ich euch“.

Eine rätselhafte innere Nähe und wechselseitige Verbundenheit klingt hier an, die uns im Alltag nicht so bewusst ist. Eher fragen wir betroffen: Ist das wirklich so, wie es Jesus sagt?

Wenn wir unser religiöses Gefühl befragen, zögern wir mit einer Antwort. Wir müssen uns eingestehen, dass es häufig nicht so ist. Wir spüren nicht viel von dieser persönlichen Nähe und Vertrautheit mit Gott, die Jesus geoffenbart und ermöglicht hat.

Warum eigentlich? Vielleicht deshalb, weil wir ihn gar nicht so gut kennen, geschweige denn ihn wirklich lieben? – Ich bin mir da nicht sicher ….

Viele Menschen sind heute wieder zum Sonntagsgottesdienst gekommen – aus guter Gewohnheit oder auch ganz bewusst, um dem Ruhetag auch einen religiösen Charakter zu geben, vielleicht auch, weil sie einfach abschalten und dem Lärm und Getriebe des Alltags für eine Weile entkommen möchten, weil sie sich eine Stunde der Erbauung und seelischen Stärkung erhoffen, vielleicht auch, weil sie sich einsam fühlen und in der Gemeinschaft Gleichgesinnter wahrgenommen werden können.

Ich habe richtig gelesen: Jesus sagte: „Ich werde euch nicht verwaist (das heißt auch allein) zurücklassen, sondern ich komme zu euch“. Er spricht hier zwar zu seinen Jüngern, aber indem wir es hier hören, spricht er es auch uns zu. Uns ist ein „anderer Beistand“ verheißen, der immer bei uns bleiben wird. Uns ist zugesprochen, dass Gott nahe, so nahe, wie er in Jesus von Nazareth allen Zeitgenossen damals nahe war ‑ und wie er nach seiner Auferstehung im Hl. Geist nahe sein will – allen Menschen, die ihn aufrichtig suchen.

Für diese Erfahrung der bleibenden Gottesnähe müssen wir allerdings einen Lebensstil einüben und praktizieren, der uns Christen bekannt sein dürfte: es ist der Lebensstil des Hauptgebotes. Wir müssen liebende Menschen werden und bleiben.

Der liebende Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er das, was er liebt, mit großem Interesse wahrnimmt. Das Interesse, die Achtsamkeit – ist eine Form der Liebe. Jesus sagt es so: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“, was nichts anderes heißt als: ihr werdet meine Art und Weise zu leben, mit Interesse wahrnehmen und versuchen, es mir nachzumachen.

Liebende sind so sehr aneinander interessiert, dass sie sich oft gegenseitig anpassen, voneinander lernen und das, was des Anderen ist, sich teilweise auch zu eigen machen. Sie machen es dem Geliebten nach.

Ein Gottesdienst am Sonntag wirkt nur wenig in die Woche hinein, wenn er nur Bestätigung und Trost vermittelt; er sollte auch ein Ansporn sein für ein noch größeres Interesse an einem Leben nach der Art Jesu, ein Anstoß, ihn erneut zu suchen und ihm nachzufolgen.

Von Abschiedsfeiern bin ich manchmal nachdenklich heimgegangen. Die Abschiedsreden Jesu wären vielleicht auch eine Hilfe, unser Leben als Christen wieder zuversichtlicher, überzeugender und frischer werden zu lassen.

Denn alle Zuversicht, Gelassenheit und Hoffnungskraft gründen in einer wichtigen Erfahrung, die Jesus uns geschenkt hat, als er sagte: „Ich bin bei Euch – alle Tage – bis zu Vollendung der Welt“.

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