Seit Christi Himmelfahrt haben wir gute Aussichten

Predigt am Fest Christi Himmelfahrt, 02. Juni 2011

Lesungen: Apg 1,1-11 – Eph 1,17-23 – Mt 28,16-20

Alle liturgischen Texte (hier)

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Eine schöne Symbolhandlung ist das, was wir eben beim Gottesdienst gesehen haben: das Auslöschen der Osterkerze. Wir verstehen, was damit ausgedrückt werden soll. Die Volksfrömmigkeit hat das Fest Christi Himmelfahrt mit vielen Zeichen beschenkt. Da gibt es z.B. mancherorts noch die barocke Tradition, die Statue des Auferstandenen an einem Seil nach oben zu ziehen. Sie entschwindet dann durch eine Öffnung im Kirchendach den Blicken.

Das ermutigt mich, auch einmal ein ganz anderes Bild zu wählen, das uns das Geheimnis der Himmelfahrt Christ erschließen könnte. Vor einigen Jahren erlebten die Regensburger ein seltenes Ereignis. Die Protzenweiherbrücke war in Brand geraten, weil sich in der Kanalschleuse ein Schiffsunfall ereignet hatte. Die Brücke musste abgerissen werden. Die Schleuse war mehrere Tage unbefahrbar.

Flussschifffahrt ist ohne Schleusen nicht denkbar. Das Anheben und Absenken großer Lastkähne ist immer noch ein Schauspiel für interessierte Passanten. Ein Schiff wird vorsichtig in die Schleusen-Kammer gesteuert, steht dort für eine Weile und setzt dann die Fahrt auf einer anderer Ebene fort – je nach Fahrtrichtung – auf einer höheren oder einer niedrigeren Ebene.

Die Schleusenzeit und das Heben und Senken von Schiffen können wir als Bild verwenden, um zu verstehen, was wir in den hl. Texten der Bibel heute gehört haben. Übrigens verwendet schon Bischof Ignatius von Antiochien – er starb im Jahre 107 n.Chr. – Bilder aus der Technik, um das Heilsgeschehen verständlich zu machen. Er spricht vom Kreuz Christi als einem Hebewerk und von der Zugkraft des Heiligen Geistes. Unser Vergleich kann also nicht so ganz abwegig sein.

Machen wir also einen Versuch und trauen wir auch der Bitte des hl. Paulus etwas zu. Er erbat für die Epheser „erleuchtete Augen“, damit sie verstehen, zu welcher Hoffnung sie berufen sind, wie überragend groß Gottes Macht sich an ihnen, den Gläubigen erweist.

Längst haben wir ja den Kinderglauben aufgegeben, nach dem die Himmelfahrt Christi dem Abheben eines Raumschiffs von der Erde in Richtung Himmel gleich käme. Als ich vor fast 40 Jahren zum ersten Mal im Hl. Land war, hat man uns Pilgern in der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg noch eine Stelle im Boden gezeigt, von der aus Christus in den Himmel aufgefahren sein sollte. Die heutigen Pilger werden nicht mehr dorthin geführt, weil man weiß, dass Christi Heimgang zum Vater im Himmel nicht einfach an einem ganz bestimmten Ort wie von einer Startrampe der Raumschiffe festzumachen ist. Welche Möglichkeiten aber bleiben uns dann, dieses Glaubenswort zu verstehen? Wohin ist Jesus Christus gegangen? Zum Vater im Himmel heißt: in den Einflussbereich Gottes, der alles, Himmel und Erde umgreift.

Die Lesungen enthalten weitere Hinweise zum Verständnis. Da fällt z.B. die Zahl 40 auf. „Vierzig Tage hindurch ist Jesus nach seiner Auferstehung den Jüngern erschienen“, schreibt die Apostelgeschichte. Dem kundigen Leser der Hl. Schrift entgeht nicht, dass diese Zahl 40 sehr oft vorkommt.

40 Jahre wandert Israel durch die Wüste, 40 Tage weilt Mose auf dem Berg Sinai, um in der Begegnung mit Gott Weisung für sein Volk zu erhalten. 40 Tage sind die Kundschafter in Kanaan unterwegs, um die Landnahme der Israeliten vorzubereiten. 40 Tage währt die Sintflut, die alles vernichtet, was nicht in der Arche Noah geborgen wurde. 40 Tage geht Elia auf seiner Flucht durch die Wüste in Richtung Gottesberg Horeb. Jona predigt den Niniviten, dass sie 40 Tage Zeit hätten, ihr Leben zu ändern, bevor Unheil über sie hereinbricht. Schließlich weilt Jesu 40 Tage in der Wüste, um in Versuchungen stark und reif zu werden für seine Sendung. Und heute hörten wir als, dass Jesus nach 40 Tagen seinen irdischen Lebensweg endgültig beschließt, um zum Vater im Himmel heimzukehren.

Die Zahl 40 wird in der Bibel nicht als mathematischer Wert verwendet, sondern steht symbolisch für eine Zwischenzeit, eine Durchgangs- oder sagen wir jetzt auch Schleusenzeit, nach der etwas Neues beginnt.

Unsere Lebensreise lässt sich im Bild einer Flussfahrt verstehen. Wir sind unterwegs zu den Quellen des Lebens, unterwegs zu Gott, aus dem alles Leben strömt.

Auf dieser Fahrt kommen wir immer wieder durch Schleusen, die wir als Krisen und Chancenzeiten begreifen können. Es käme alles darauf an, behutsam in die Kammern der Schleuse einzufahren und geduldig zu warten, bis sich das Tor auf einer höheren Ebene zur Weiterfahrt öffnet.

Die niederländische Trauerforscherin Ruthmarijke Smeding hat z.B. die Zeit der Trauer eine Schleusenzeit genannt, weil sie nachweisen konnte, dass sich fast alles verändert, sobald man durch die Zeit der Trauer hindurch gekommen ist.

Ist es zu kühn, zu behaupten, dass die ganze Geschichte des Heiles einer Schleusenzeit gleicht?, dass Gott seiner ganzen Schöpfung und allen Menschen in der Symbolzahl 40 einen heilsamen Durchgang zumutet, damit wir durch die Zugkraft des Hl. Geistes aufgehoben werden und in der neuen Welt Gottes ankommen können?

„Musste nicht Christus all das leiden“, sagten die Emausjünger zueinander. „Hat er – Gott – nicht zu aller Zeit, uns bisher getragen“ singen wir in einem Kirchenlied. Wir bewegen uns mit unserem Lebenslastkahn gleichsam auf dem Strom der Huld und Treue Gottes und kommen durch Schleusenzeiten hindurch in die Vollendung. Die Bibel zeigt uns in der Himmelfahrt Christi genau diesen Vorgang der Erhöhung und Vollendung.

Manchmal höre ich Menschen klagen, die Zukunftsaussichten seien nicht rosig. Als gläubiger Mensch kann ich getrost das Gegenteil behaupten: Unsere Aussichten sind gut. Die Himmelfahrt Christi vor Augen und sein Trostwort im Ohr, dass er unter uns sein wird alle Tage bis zum Ende der Welt, könnten uns doch zuversichtlich und auch ein wenig neugierig stimmen.

Dabei wollen wir nicht nur wie neugierige Zuschauer tatenlos an den Schleusen der Geschichte stehen bleiben, sondern mit gestalten nach unseren besten Möglichkeiten. Sind wir doch Reisende auf unserem Lebensschiff und werden mit Jesus Christus durch manche Engpässe und Nöte hindurch aufgehoben zur Vollendung unseres Lebens.

Mit dieser Zuversicht im Herzen reihen wir uns auch ein in die Schar der Apostel, denen zwei Männer in weißen Gewändern sagten: „Was steht ihr – tatenlos – da und schaut zum Himmel empor?“ Der Evangelist Lukas wird noch deutlicher, wenn er dazusetzt: „Sie kehrten in großer Freude nach Jerusalem zurück“ in den Alltag ihres Lebens also, dort wo auch für uns die Musik spielt.

Christi Himmelfahrt ist ein großes Hoffnungsfest mit den besten Aussichten für unser Leben. Wir haben allen Grund zum Dank.

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