Reportage oder Zeugnis

Predigt am 7. Sonntag in der Osterzeit, 05. Juni 2011

Lesungen: Apg 1,12-14 / 1 Petr 4,13-16 / Joh 17,1-11a

Alle liturgischen Texte (hier)

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Die Reporter hätten ihnen sicher die Tür eingerannt, als sie sich – vom Ölberg kommend ‑ im Obergemach wieder versammelt hatten: die Apostel Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus und Simon, sowie Judas, der Sohn des Jakobus mit Maria, der Mutter Jesu und anderen Frauen. Hätte es damals schon das Fernsehen gegeben, wären sie vor die Kamera gezerrt und gefragt worden „Was nun, Herr Petrus?“

Der Karfreitagsschock wäre ihnen noch im Gesicht gestanden. Denn mit dem Todesurteil ihres Meisters hatten sie nicht gerechnet, noch viel weniger aber damit, dass sich Jesus ihnen mehrmals als lebend gezeigt hatte, zuletzt am Tag seines Weggangs zum Vater im Himmel.

Fernsehen gab es damals noch nicht, aber es gab doch Zeugen, die ihre Erlebnisse weitererzählten bei den täglichen Begegnungen – auf dem Markt, am Brunnen oder in der Synagoge. Es gibt immer Leute, die gerne Neuigkeiten erzählen.

Und manche haben diese Neuigkeiten auch aufgeschrieben, oft viele Jahre später, aber mit einem genauen Erinnerungsvermögen, das damals gewiss schärfer war als unser heutiges Gedächtnis. Man lebte ja ausschließlich von mündlichen Überlieferungen. Zeitungen gab es nicht. Und die Schriftrollen waren ein teurer Luxus – nur für die Oberschicht.

Aus diesen Aufzeichnungen lesen wir bis heute vor – nämlich aus der  Bibel. Auch wenn es keine Reportagen im heutigen Verständnis sind, keine Protokolle, so können sie doch Wahrheit beanspruchen – vielleicht mehr als heutige Druckerzeugnisse, die – wie wir wissen – nicht selten gefälscht sind.

Für uns, liebe Mitchristen, ist das wichtig. Wenn wir nämlich die Wahrheit über Jesus erfahren wollen, müssen wir die hl. Schrift lesen. Es gibt keinen anderen Zugang zu Jesus Christus und zu Gott.

Die Apostelgeschichte des Lukas berichtet die Ereignisse, die sich um den Kreis der Zwölf und ihrer Freunde zugetragen haben. Daraus haben wir die Lesung heute genommen. Es war der Bericht über das, was nach der Himmelfahrt Jesu geschah. Einen Satz aus diesem Bericht möchte ich wiederholen, weil er eine wichtige Empfehlung an uns enthält:

Sie verharrten einmütig im Gebet.

Die Zwölf mit den Frauen waren zurückgekehrt in jenen Raum, in dem sie mit Jesus das Paschamahl gefeiert hatten. Damals war in der düsteren Vorahnung des Prozesses gegen Jesus eine besondere Atmosphäre untereinander entstanden. Der Lieblingsjünger Johannes erinnert sich noch im hohen Alter an diesen Abschiedsabend und schreibt auf der Insel Patmos alles in seinem Evangelium auf. Er schreibt es so lebendig, dass man meint, Jesus selbst sprechen zu hören, so z.B. seine Gebetsworte, an die sich Johannes erinnert.

Jesus betet zum Vater für seine Apostel. „Für sie bitte ich“, sagt er. Und mit den Aposteln sind auch wir gemeint, sind alle gemeint, die Gott suchen und auf Jesus hören wollen.

In diesen Gebeten kommt nun oft ein Wort vor, mit dem wir uns schwer tun: das Wort „Herrlichkeit“. „Vater, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche“. Was könnte das bedeuten?

Oder:

„Vater, verherrliche du mich … mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.“ Was könnte das bedeuten?

Wenn sich Menschen Gedanken über Gott machen, tun sich mehr Fragen als Antworten auf. Ein Blick etwa auf den nächtlichen Sternenhimmel oder die Erforschung der Geheimnisse des Lebens kann zum Staunen über die Größe Gottes anleiten, zu der Frage: Warum ist das alles so, wie es ist?

Naturwissenschaftliche Erklärungen aber befriedigen unsere Neugier nicht. Staunen aber ist mehr als Faktenwissen. Wer vom Staunen erfasst wird, kann schon mal ein Wort der Bewunderung sagen: Jugendliche sagen dann vielleicht: das ist Spitze – oder das ist Wahnsinn, ein Erwachsener sagt: das ist herrlich. Wo immer wir in der Bibel das Wort herrlich lesen, ist es also ein Ausdruck des Staunens.

Alles, was sich mit Jesus von Nazareth zugetragen hat, angefangen von seinem ersten öffentlichen Auftreten in Galiläa bis zur Taufe am Jordan, seine Reden und seine Heilungen bis hin zu seiner Passion, seiner Auferstehung und Himmelfahrt, all das ist staunenswert. Was von ihm gesagt werden kann, ist von keinem Menschen je gesagt worden: er war ein außergewöhnlicher Mensch – er war eben Gottes Sohn: Gottes Herrlichkeit.

Und ausgerechnet dieser Jesus, daran erinnert sich Johannes, ist uns nun besonders zugetan, so sehr, dass er bei Gott für uns eintritt, so sehr, dass er uns nicht als Waisen zurücklassen will, sondern seinen Leben schaffenden Geist schenkt, spürbar und sichtbar iin einem neuen Lebensmut und einer neuer Lebensfreude. So erzählt es die Apostelgeschichte seitenweise.

Für uns sind solche Erwägungen immer wieder wichtig, wenn wir Gottesdienst feiern, wichtig, damit wir auf den Geschmack kommen beim Lesen der hl. Schrift, auf den Geschmack Gottes. Er ist ja kein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Er ist – damals wie heute ‑ am Werk. Sein Geist erfüllt den Erdkreis. Sein Geist erneuert das Antlitz der Erde. Sein Geist macht lebendig – gibt uns Mut und Freude am Leben. Der Hl. Geist ist die wirksame Gegenwart Gottes und die gegenwärtige Wirksamkeit Gottes mitten in unserer Welt, sagt der Theologe Schillebeeks.

Wie aber erfahren wir das? Indem wir von den Jüngern Jesu zwei Dinge lernen.

  1. dass wir uns daran erinnern, wie Jesus beim Vater für uns eintritt. Denn wer einen solchen Fürsprecher hat, dem kann nichts mehr fehlen, dessen Leben ist gerettet.
  2. dass wir so handeln, wie die Apostel, indem wir uns versammeln zum Gebet – auch und besonders in der Weise, wie es die Jünger nach seiner Weisung „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ getan haben. Und das ist für uns eben die Feier der hl. Messe. Wenn wir darin treu bleiben, werden Glaube, Hoffnung und Liebe unter uns wachsen.

Eine Fernsehreportage von damals gibt es nicht, aber lebendig ist unter uns der Glaube an das, was die Apostel und Evangelisten in ihren Schriften aufbewahrt haben. Damals verbreitete sich der neue Weg – man nannte die ersten Christen „Leute des Weges“ – über das tägliche Reden und Gespräch – und schließlich über schriftliche Aufzeichnungen. Wir könnten sagen: über „Erinnerungsprotokolle“. Heute haben wir neue und andere Möglichkeiten der Information. Es sind die sozialen Kommunikationsmittel: Zeitung, Funk, Fernsehen und das Internet.

Was Jesus gesagt hat – und wie seine Jünger gehandelt haben, das sollte heute auch durch die modernen Medien auf der ganzen Welt bekannt gemacht werden. Denn der Hl. Geist bedient sich aller Mittel, um die Gute Nachricht, das Evangelium von der Gnade Gottes wie Paulus sagt, weiter zu tragen; die gute Nachricht von Jesus, unserem Fürsprecher beim Vater, und von seiner Kirche, die trotz aller erheblicher Mängel immer neu aus der Kraft des Hl. Geistes leben und wirken kann.

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