An Pfingsten ist mit Sturmwarnungen zu rechnen

Predigt am Hochfest des Hl. Geistes, 12. Juni 2011

Lesungen: Apg 2,1-11 / 1 Kor 12,3b-7.12-13 / Joh 20,19-23

Alle liturgischen Texte (hier)

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Sturmwarnungen sind keine Seltenheit mehr. Orkane und Tornados sorgen immer häufiger für Schlagzeilen. Erst vor kurzem gingen die Bilder verheerender Verwüstungen in den USA um die Welt. Über die Ursachen und über Vermeidungsstrategien wird viel diskutiert. Wir deuten sie als Folge des Klimawandels, bleiben aber gegenüber solchen Naturgewalten hilflos und ohnmächtig.

Wir reden auch von stürmischen Zeiten, wenn das private und öffentliche Leben bedroht ist. Dann steht die Frage auf, wo man Halt finden kann und Kraft zum Widerstand. Wie geht das Standhalten?

Bäume, die fest im Boden verwurzelt sind, halten Stürme aus. Aus der Physik wissen wir, dass starres Material leichter knickt als geschmeidiges. In der Lebenskunde hat sich für das Standhalten und Sich-wieder-aufrichten-können ein neues Wort eingebürgert: Resilienz. Es wird behauptet, dass Menschen mit einer größeren Resilienz stürmische Zeiten besser durchstehen können.

Wie gewinnt man Resilienz? Gibt das Buch des Lebens einen Hinweis? Die Hl. Schrift ist allerdings keine Bedienungsanleitung für ein gelingendes Leben. Ihre Weisheit erschließt sich dem gläubigen Menschen nur langsam. So wandelt sich im Lauf des Lebens auch unser Gottesbild. Wir sehnen uns doch alle zuerst nach einem Gott der Ruhe und des Friedens. Gott aber greift bisweilen sehr stürmisch in unsere Geschichte ein.

50 Tage nach dem Kreuzestod Jesu und dem öffentlichen Bekenntnis der Apostel, dass er lebt, werden die zahlreichen Festpilger in Jerusalem Zeugen eines außergewöhnlichen Ereignisses. Der Apostel Lukas verwendet dafür die Bilder Feuer und Sturm. Er schreibt über die Betroffenen: „Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.“ (Apg 2,12-13).

Die Erinnerung an dieses gefährliche Ereignis bringt die Kirche mit dem Fest des Hl. Geistes in Verbindung. Kein Fest im Kirchenjahr ist so gefährlich wie dieses, weil wir es da mit dem unberechenbaren Sturm und Feuer des Hl. Geistes zu tun bekommen. Der Schöngeist J. W. von Goethe schreibt zwar in einem Gedicht: „Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen..“, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Pfingsten ist nicht nur ein liebliches, sondern auch ein gefährliche Fest!

Was wissen wir von diesem unberechenbaren Gott, dem Hl. Geist? Manche Theologen nennen ihn den unbekannten Gott. Gott Vater, den wir als Schöpfer der Welt bekennen und bei dem wir uns in unseren Nöten bergen möchten, ist uns nach einem Wort des Theologen Paul Zulehner als „Obdach der Seele“ vertraut. Jesus Christus, Gott der Sohn, bleibt als sympathischer Menschenfreund und -bruder unser Vorbild und Ansporn für das richtig gute Leben.

Aber der Hl. Geist? Er ist nicht vorstellbar. Vor allem ist er unberechenbar. Im Bild der Taube entwindet er sich unserem Zugriff. Im Bild des Sturmes und des Feuers kann er Angst machen. Wo in der Hl. Schrift von seiner Gegenwart die Rede ist, geraten Gewohnheiten durcheinander, stehen die Leute wie vor einem Rätsel. Galiläische Fischer ohne theologische Ausbildung reden plötzlich frei über Gott, singen öffentlich Gottes Lob – in gefährlicher Nähe zu dem gekreuzigten „Gotteslästerer“ Jesus von Nazareth (das war ja der Grund seiner Hinrichtung).

Die Festpilger haben keine Erklärung, sondern nur einen Verdacht: Diese Jesusleute da können nur betrunken sein. Wer sonst würde am helllichten Tag so auftreten? Nur einer, der nicht mehr ganz bei Sinnen ist und die harte Realität des Lebens verdrängt.

Bis jetzt haben wir immer geglaubt, Gott sei ein Gott der Ruhe und Ordnung, der Sicherheit und Gewissheit. An Pfingsten aber zeigt sich Gott von einer anderen Seite. Der Hl. Geist bringt die Leute aus der Fassung und rührt sie eigenartig an. Wie ein Sturm wirbelt er alles Vertraute über den Haufen. Grenzen und Mauern zwischen den Menschen scheint es nicht mehr zu geben. Trotz verschiedener Sprachen verstehen sich die Menschen auf einmal, vermutlich weil sie Liebe erfahren haben und weil „die Liebe die einzige Fremdsprache ist, die  alle Menschen verstehen“ (P. Josef Freinademerz). Eine neue, gefährliche Freiheit scheint sich auszubreiten. Was ist das für ein unbekannter Gott, der HL. Geist?!

„Es ist kein Wunder“, sagte der Theologe und Jesuit Karl Rahner einmal, „dass wir Angst haben vor dem Hl. Geist. Denn wir wollen stets wissen, woran wir sind, wollen die Posten unserer Lebensrechnung klar vor uns haben und selber zusammenzählen zu einer klaren Summe, die wir überschauen. Wir fürchten in unserem Leben Experimente, deren Ausgang nicht absehbar ist“. So ist es in der Tat: ein bequemer Gott wäre uns lieber, mit dem man hantieren kann, der sich einplanen lässt in unseren Alltag. Berechenbar müsste er sein.

Gott aber lässt sich nicht verplanen, auch nicht von den Hauptamtlichen in der Kirche. Wo immer wir Veränderungen und Bewegungen beobachten, sollten wir deshalb wachsam und hellhörig sein, denn da sind Kräfte am Werk, die unser menschliches Begreifen übersteigen.

In stürmischen Zeiten finden wir in der Urkunde des Glaubens immer wieder hilfreiche Hinweise. So schreibt Paulus im 1. Korintherbrief, dass die Vielfalt der Begabungen, der Dienste und Kräfte kein Grund ist, sich aufzuregen. Vielmehr wird dies alles von dem einen Geist bewirkt. Die Theologen haben dafür ein schönes Wort gefunden. Sie sprechen von einer „versöhnten Verschiedenheit“.

Als sich Jesus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern offenbarte, sprach er ihnen den Frieden zu und befähigte sie gleichzeitig, diesem Frieden in der Kraft des Hl. Geistes zu dienen. Versöhnte Verschiedenheit und Friede meinen das Gleiche.

Und wir sind an diesem Pfingstfest wieder einmal eingeladen, die Verschiedenheit unter uns Menschen, die uns manchmal wie ein Sturmwind durcheinanderwirbelt, in der Kraft des Hl. Geistes auszuhalten. Und sollte uns das nicht gelingen, haben wir eine Trostbotschaft aus dem Munde Jesu im Ohr: seine Zusage der Vergebung der Sünden.

Alle diese Gaben sind wie ein Schatz in der Kirche verwahrt und liegen kostenlos bereit für jeden, der glaubt. Wir müssen sie nur abholen, um in stürmischen Zeiten standhaft zu bleiben und uns durch keine noch so bedrohliche Nachricht aus der Fassung bringen zu lassen.

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