Dreifaltiger Gott? Was für ein Gott!

Predigt am Dreifaltigkeitssonntag, 19. Juli 2011
Lesungen: Ex 34,4b.5-6.8-9 / 2 Kor 13,11-13 / Joh 3,16-18

Alle liturgischen Texte (hier)

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Denn das Unsichtbare des Sohnes ist der Vater, und das Sichtbare des Vaters ist der Sohn.
(Irenäus von Lyon +um 202)

Der jüdische Philosoph Martin Buber hat uns folgende Geschichte überliefert: Ein Schüler trat eines Morgens in das Lehrhaus. Er hatte die Türklinke noch in der Hand. Da schaute der Rabbi vom Buch auf und fragte ihn: „Was ist Gott?“ – Der Schüler schaute ihn groß und stumm an. „Was ist Gott!?“ – Der Junge senkte den Kopf. „Warum antwortest Du nicht?“, fragte ihn der Alte. „Weil ich es nicht weiß“, gab der Junge zur Antwort. Da sagte der Rabbi: „Weiß ich es denn? Ich weiß nur, dass ER ist und dass außer Ihm nichts ist. – Und das ist ER“.

Heute, am Fest der Hl. Dreifaltigkeit, geht es uns wie dem Rabbi. Über Gott können wir eigentlich nur sagen, dass wir nichts sagen können. Wäre es dann nicht besser, zu schweigen? – Ludwig Wittgenstein hat das vorgeschlagen: „Worüber man nicht reden kann, davon soll man schweigen“.

Ich bin mir da nicht so sicher, ob wir damit gut beraten sind. Selbst wenn unser Reden von Gott ein Stottern ist, sollten wir es doch versuchen. Während wir nämlich über Gott reden, werden wir uns selber gewahr, sprechen wir auch über uns. Indem wir über Gott nachdenken, kommen wir unserer eigenen Wirklichkeit näher. Niemals kann einer Gott verstehen, wenn er sich selber nicht versteht. Sind wir doch seine Geschöpfe, nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen.

Wir können also die Gottesfrage mit der Frage nach dem Menschen verbinden und umgekehrt die Menschenfragen auf die Gottesfrage hin öffnen (Leo Karrer).

Lassen wir also die Frage des Rabbi „Was ist Gott?“ gelten und suchen wir nach einer Antwort.

Wer wissen will, wer ein ihm fremder Mensch ist, wird versuchen, ihn kennenzulernen. Er wird auf ihn zugehen und mit ihm Kontakt aufnehmen. Nach mehreren Begegnungen wird ihm der Fremde allmählich vertraut.

Sollten wir also nicht einfach auf Gott zugehen, ohne noch genau zu wissen, wer er ist? Mose hat das auf dem Berg Sinai getan. Er hat sich Gott angenähert und ihn angerufen. Mose hat einfach gesagt: „Jahwe, Gott, Du bist da!“

Daraufhin wurde ihm der geheimnisvolle Gott immer vertrauter. Mose erkannte, dass Gott ein barmherziger und gnädiger Gott ist, langmütig, reich an Huld und Treue. Deshalb bat Moses nun mutig um Nachsicht für seine Leute, für sein störrisches Volk.

Dem großen Gott kann sich der Mensch also annähern, er kann ihn mit Namen anrufen und ihm seine Sorgen und Nöten sagen. Diese Erfahrung hat Israel im Laufe seiner Geschichte gemacht, zuletzt in einer unüberbietbaren Weise durch Jesus Christus und sein Wirken in der Welt.

Das Auftreten Jesu war ein deutliches Zeugnis für Gott, sozusagen Gottes letztes Wort an die Welt, nachdem er bereits vorher „oft und auf vielerlei Weise“ – wie der Hebräerbrief sagt – zu uns gesprochen hatte.

Gott kommt dem Menschen auf verschiedene Weise entgegen. Manchmal hinterlässt er einen so starken Eindruck, dass Menschen anfangen, über ihn zu reden und ihre religiösen Erfahrungen miteinander austauschen.

Eine davon ist die Erfahrung einer neuen Ordnung. „Kehrt zur Ordnung zurück“, schreibt Paulus an die Korinther, „seid eines Sinnes und lebt in Frieden“. Dann werdet ihr einsehen, dass der unbegreifliche Gott greifbar nahe ist; als Gott der Liebe und des Friedens werdet ihr ihn mitten unter euch erfahren.

Unsere Sprache enthüllt manches Rätsel, wenn man nur genau hinhört. So findet sich z.B. in dem Wort Ge-heim-nis die Silbe „Heim“. Ein Ge-heim-nis hat also mit Heimat, mit Geborgenheit, mit einem Obdach und Heim zu tun.

Könnte es sein, dass wir in unseren Tagen deshalb so unbehaust sind, weil wir keine „Geheimnisse“ mehr haben, weil uns das „Heim für die Seele“ verloren gegangen ist?

Gott, der dreifaltige, ist und bleibt das größte Ge-heim-nis. Aus den Worten Jesu schließen wir, dass Gott keine in sich verschlossene Größe ist, sondern Kommunikation, Gemeinschaft von Vater, Sohn und Hl. Geist, menschen-zugewandte-Person.

Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab. Er wollte sein größtes Geheimnis anschaulich machen, seine Absicht, zu retten und nicht zu verderben.

Ich lese die Worte Jesu so: wir sind eingeladen, uns unter das Geheimnis des dreifaltigen Gottes zu stellen wie unter ein schützendes Dach. Dann sind wir geborgen und gerettet. Er über-dacht uns in allen unseren Lebenssituationen. Er ist das Obdach für unsere Seele.

Wer ist Gott, der Dreifaltige? Werden uns die Muslime verstehen, wenn wir Gott dreifaltig nennen? Sie kennen nur den einen und einzigen Gott Allah! Da müssen noch viele interreligiöse Gespräche geführt werden, bis wir den Gott aller Menschen allen Menschen näher bringen können.

Für alle Gott suchenden Menschen wird aber gelten, was in einem Gedicht von Monika Hemri ausgedrückt wird:

Es geht (letztlich) nicht darum
ob wir dich (Gott) Vater oder Mutter nennen
auch nicht darum, ob das Wort Herr noch zulässig sei
es geht nicht darum
ob du im Tun oder im Ruhn
zu finden seist
nicht einmal um den Namen
deines Gebetshauses geht es
es geht nur darum
dass ich
in dir niederkniend
dich in mir wachsen lasse
um ein Können geht es dann aber
auch nicht mehr.

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