Auf der Suche nach einer bleibenden Lebensgrundlage

Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis, 26. Juli 2011
Lesungen: 2 Kön 4,8-11.14-16a / Röm 6,3-4.8-11 / Mt 10,37-42

Alle liturgischen Texte (hier)

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Der erste Gedanke, der mir beim Meditieren der Lesungen zum heutigen Sonntag kam, war.

Christen sollen einfach wie Christus leben.

Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit. Das meint ja der Name „Christ“. Mohammedaner wollen wie ihr Prophet und Vorbild Mohammed leben, Buddhisten wie Buddha, Konfuzianer wie Konfuzius.

Wer seinen Namen von einem Vorbild ableitet, versucht auch dieses Vorbild nachzuahmen. Christen also sollen wie Christus leben. So weit so gut.

Dann las ich die Texte noch einmal und verspürte eine innere Unruhe. Wenn ich das wirklich ernst nehme, was dann? Was Jesus Christus von denen erwartet, die seinen Namen tragen wollen, ist ganz und gar nicht harmlos.

Vater und Mutter, Sohn und Tochter weniger lieben als ihn! Das Kreuz auf sich nehmen und ihm nachgehen? Das könnte im Ernstfall ja heißen, ein ähnliches Schicksal erleiden: missverstanden werden, verspottet, gemieden, verurteilt, als Gotteslästerer und politischer Aufrührer zu Tode kommen. Das eigene Leben um Jesu willen also verlieren …

Kann ich das?

Nach dem ersten Schrecken habe ich noch einmal nachgelesen. Da heißt es doch im Römerbrief tatsächlich: Wir alle, die wir auf Christus getauft worden sind, sind auf seinen Tod getauft worden. Wir sind mit ihm begraben, also wie ein Leichnam beerdigt worden.

Auch wenn ich weiß, dass dies ein Bildwort ist – denn ich lebe ja noch – so greift dieses Wort doch mein Selbstverständnis an. Wer bin ich dann eigentlich? Als Christ verstehe ich mich also nur dann richtig, wenn meine Lebenslinien parallel zu denen von Jesus Christus verlaufen – also  durch meinen Tod hindurch und dann aufgehoben im neuen Leben von Gott her. Eigentlich lebe ich mit dem Kern meiner Existenz als getaufter Christ gar nicht mehr in dieser Welt. Mein Standbein habe ich gar nicht mehr auf dieser Erde. Irgendwie bin ich für diese Welt schon gestorben. Mein Leben ist bereits in der neuen Welt Gottes angekommen. Nur noch biologisch bin ich dorthin unterwegs – wie ein Pilger.

Dass Christsein so todernst ist, geht mir gar nicht recht in den Sinn.

Wir merken, liebe Mitchristen, wie wenig wir uns eigentlich mit diesem radikalen Gestaltwandel unseres Lebens befassen, einem Verwandlungsprozess, der in der Taufe bei uns begonnen hat. Taufe, das nehmen wir gerade mal so mit, das gehört sich so in unserem Land. Damit wir es wieder mehr begreifen, was es heißt, ein Getaufter, ein Christ zu sein, möchte ich diesen Gestaltwandel einmal mit einem Bild veranschaulichen:

Alles Leben hat Wurzeln. Ohne Wurzel kein Leben. Eine Pflanze treibt ihre Wurzeln ins Erdreich und entzieht dem Boden Nahrung. Schneidet man die Wurzel ab, stirbt die Pflanze ab.

So sind auch wir eingewurzelt in unsere Lebenswelt. Da gibt es u.a. die Wurzel unserer Herkunftsfamilie, unserer Heimat: Vater, Mutter, Geschwister, Verwandte. Mit ihnen verbindet uns viel: wir leben auch von ihrem Da-sein. Wer diese Wurzeln verliert, kann in eine existentielle Krise geraten – es sei denn, er kann noch einmal anderswo „Wurzeln schlagen“. Den Heimatvertriebenen, die das geschafft haben, gebührt Respekt.

Manche Zimmerpflanze kann man aus der Blumentopferde entwurzeln und in eine Hydrokultur umtopfen. Sie braucht dann zum Leben kein Erdreich mehr. Sie hat eine andere, eine neue Lebensgrundlage – das Wasser.

Dieses Bild drückt aus, was Jesus gemeint haben könnte. Er lädt uns ein, unsere Wurzeln aus dem Erd-Reich dieser Welt herausnehmen zu lassen. Das ist wie ein Sterben. Wir sollen umgetopft werden, heraus aus dem Erd-Reich und hinein in das Gottes-Reich, in den göttlichen Einflussbereich. Das geschieht im Hl. Geist. Aus dem Wasser der Taufe haben wir diese neue Lebensgrundlage empfangen.

Christen sind Menschen, die wie Christus leben. Christus lebte ganz aus Gott.

Christen sind Menschen, die ganz aus Gott leben. Deshalb fürchten sie den Tod nicht mehr. Deshalb sind sie in der Gestaltung ihrer irdischen Bindungen frei. Sie können sogar Vater und Mutter verlassen. Ihre Lebensgrundlage ist Gott. Das Irdische gebrauchen sie nur für ihre Lebensreise. Es ist nicht ihre endgültige Lebenswelt. Zu der sind sie unterwegs.

Dieser Umwandlungsprozess hat in unserer Taufe begonnen und geht weiter bis zu unserem Tod. Ein Kirchenvater sagt: wir stehen ein Leben lang in der Taufkapelle, bis wir sie im Sterben endgültig verlassen und ganz bei Gott ankommen.

Wer sich diesem neuen Denken über sich und sein irdisches Leben gläubig anschließt, ist ein freier Mensch. Nichts bindet ihn mehr an das irdische Leben. Er kann es wertschätzen, sogar genießen, muss es aber nicht krampfhaft festhalten. Er gehört zu Christus und Christus gehört zu Gott. „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir. … Wir sind von seiner Art“, hat der Hl. Paulus in Athen gesagt (Apg 17,28). Gott ist unsere eigentliche Lebensgrundlage – für immer.

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