Wovon lebt der Mensch?

Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis 10. Juli 2011
Lesungen: Jes 55,10-11 – Röm 8,18-23 – Mt 13,1-23
Alle liturgischen Texte (hier)

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regenbogenWir haben im Evangelium gerade ein bekanntes Gleichnis gehört. – Gleichnisse finden sich auch in den beiden Lesungen: Jesaja vergleicht die Wirkungen des Regens und des Schnees mit denen der Gottesrede. Und Paulus vergleicht die Leiden dieser Zeit mit den Geburtswehen.

In Gleichnisreden soll Unsichtbares sichtbar und schwer Verständliches verstehbar werden.

Jesus ist ein Meister der Gleichnisrede. So kann er seine Botschaft veranschaulichen. Er möchte allen Menschen mit offenen Ohren Lebenswissen schenken. Aus dem Gehörten werden sie für ihr Leben lernen.

„Wovon lebt der Mensch?“, fragt der russischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn in einem seiner Romane. „Von der Luft!“ – Nein. „Von der Ideologie“, Nein. „Von der Nahrung“ – Nein. , Zuletzt antwortet einer der Befragten: „Von der Liebe“.


Nur diese Antwort lässt der Romanheld gelten. Vor diesem Hintergrund und im Anschluss an das Gleichnis vom Sämann möchte ich heute auch einmal drei Fragen stellen und Antworten darauf versuchen:

  1. Wovon also lebt der Mensch? Was ist wirklich lebenswichtig?
  2. Welche Botschaft enthält das Gleichnis vom Sämann für uns?
  3. Was heißt es, ein offenes Ohr haben?

Fangen wir mit der dritten Frage an:

Ein offenes Ohr, schreibt Hermann Hesse über den Einsiedler Josef in seinem Buch Glasperlenspiel, hat eine passiv einsaugende Wirkung. Es löst dem Sprachlosen die Zunge.

Ich habe lange in der Telefonseelsorge gearbeitet. Ihr größtes Humankapital war das offene Ohr. Immer wieder haben wir uns in unseren Fortbildungen an ein Wort von Karl Kraus erinnert: „Hab ich Dein Ohr nur, find ich schon mein Wort!“. Die Telefonseelsorge erzielt ihre heilende und tröstende Wirkung fast ausschließlich durch die Praxis des aktiven Zuhörens.

Wir wissen, dass ein taubes Ohr etwas Liebloses ist. An den kommt keiner ran, sagen dann die Leute. Dem kannst Du hundertmal etwas erzählen. Es ist wie in den Wind gesprochen. Es geht nicht in sein Inneres hinein. Ein offenes Ohr hingegen ist aufnahmebereit.

Und das ist der Vergleichpunkt in der Rede Jesu. Jesus spricht von einem aufnahmebereiten Ackerboden, den der ausgesäte Same braucht, damit er aufgehen kann.

Was aber soll aufgehen? Welche Botschaft an uns enthält das Sämanns-Gleichnis – die zweite Frage? Es sind die „Geheimnisse des Reiches Gottes“. Und was ist das? Es ist das neue Leben, die Lebensfülle, die von Gott her kommt, endgültig und unwiderruflich als Zusage der Liebe und der Gutheißung für jeden Menschen. Sagen wir es noch einmal anders. Gott, der die Fülle des Lebens in sich trägt, möchte uns an seiner Lebensfülle teilnehmen lassen, weil er uns liebt. Gott hat ein Interesse daran, dass unser Menschsein glückt: unser Leben, unser Beruf, unsere Beziehungen, unsere Liebe …! Das gibt es im Reich Gottes.

Uns stört natürlich immer wieder das politisch missbrauchte Wort Reich. Das Dritte Reich haben wir in schrecklicher Erinnerung. Wenn wir uns aber einmal das Wortfeld anschauen, finden wir darin einen Begriff, der etwas mit dem Geben und Schenken zu tun hat. Ich reiche jemandem etwas dar. Der Beschenkte wird von mir be-reich-ert. Durch meine Großzügigkeit kann ich ihn reich machen, ihm das Schönste und Beste schenken, was ich habe. Und dieses Tun nennen wir Liebe. Im Reich Gottes werden wir also von Gott bereichert. Er reicht uns seine Liebe dar.

Und schließlich die Antwort auf die erste Frage: Wovon lebt der Mensch? Was ist denn nun wirklich lebenswichtig? – Natürlich die Liebe – und damit das gelingende Leben. Georg Büchner sagt: „Das Leben ist die Liebe und die Liebe ist das Leben“. Alles andere kann mir im Notfall gestohlen bleiben, wenn ich nur nicht aus der Liebe herausfalle. Ohne Liebe kann ich nicht leben. Ich brauche sie wie die Luft zum Atmen.

Mit dem aufgehenden Samenkorn, das auf einen guten Ackerboden gefallen ist, sagt also Jesus: wenn die von Gott her kommende Liebe auf ein offenes Ohr trifft, zeitigt sie Früchte im Menschen, sodass der Mensch glückt, dass ihm sein Leben glückt, dass er „aufgeht“ und liebesfähig wird, um unter den täglichen Lasten nicht niedergedrückt zu werden.

Nach jedem Gottesdienst gehen wir wieder auseinander, jeder in seine Lebenswelt. Hoffen wir, dass uns das Bild vom aufgehenden Samenkorn nicht mehr aus dem Sinn kommt. Wir können dazu beitragen, wenn wir im Lärm und Stimmengewirr unserer Tage nicht taub werden für die leise Stimme Gottes, unsere Ohren nicht verschließen für sein Wort. Wir sollten also – in der Gleichnissprache – für ein aufnahmebereites Erdreich der Seele sorgen. Landschaftspflege der Seele kann man dazu sagen.

Ich bin sicher, dass uns dann das Leben und auch die Liebe gelingen. Leben wir doch Tag für Tag aus der göttlichen Lebenskraft.

Der Same des Wortes Gottes ist lebens-trächtig.

Wer Ohren hat, der höre.

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