Es ist die Geduld die Vollendung der Liebe (Ambrosius)

Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis 17. Juli 2011

Lesungen: Weish 12,13.16-19 – Röm 8,26-27 – Mt 13,24-43

Alle liturgischen Texte (hier)

Die Predigt kann hier angehört werden

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Das ungewöhnliche Wetter in diesen Tagen lässt manchen vermuten, dass der Herbst bereits begonnen hat. Nicht mehr lange dauert es, bis die Erntezeit schon wieder da ist.  Wir Stadtbewohner bekommen nur am Rande mit, was das für die Landwirtschaft  bedeutet: die Sorge, es könnte ein Unwetter die Ernte zerstörten, treibt viele um. Sie hoffen, dass die Mühe der Aussaat nicht umsonst war und die Ernte genügend Ertrag bringt. Das Unkraut bereitet heute nicht mehr so viel Kopfzerbrechen wie früher. Die moderne Landwirtschaft hat das im Griff.

Zur Zeit Jesu war das noch anders. Das Risiko, dass Unkraut die Aussaat vernichtet, war viel größer. Es gab die modernen Unkrautvernichtungsmittel noch nicht. Man säte zudem einfach auf den Boden – ohne ihn vorher besonders aufzubreiten – in der Hoffnung, die Saat würde schon aufgehen. Wir haben im Evangelium des letzten Sonntags gehört, was da alles passieren kann: dass nur ein Teil der Samenkörner Wurzeln fassen und Frucht bringen kann. Steiniger Boden, trockenes Erdreich, Wind und Unwetter, verhindern das Aufgehen der Saat.

In der Weiterführung dieser Gleichnisse aus dem bäuerlichen Umfeld trägt Jesus noch eine andere Wahrheit vor. Wir können vom Umgang des Bauern mit der Natur lernen: Es ist falsch, in der frühen Phase des Wachstums das Unkraut herauszureißen, weil man damit die gute Saat gefährdet. Erst zur Erntezeit ist es sinnvoll, das Unkraut vom Weizen zu trennen.

Wir wissen, was Jesus mit diesem Bild sagen wollte. Wir können unser Leben als einen Wachstumsprozess begreifen und dabei erfahren, dass bei uns und bei unseren Mitmenschen nicht immer nur Gutes wächst, sondern auch Böses. Schuldigwerden und Versagen gehören zu unserer menschlichen Verfassung. Weil wir alle alles gut machen wollen, reagieren wir dann mit innerem Protest: Das darf doch nicht sein! Das ist übel. Dagegen muss man angehen.

Vor allem dann, wenn uns persönlich übel mitgespielt wird, möchten wir den Übeltäter am liebsten gleich mit allen Mitteln zur Rechenschaft ziehen und bestrafen. Wir haben nicht die Geduld, die wir von Gott erwarten. Wir haben aber eine Einladung von Gott, es ihm gleich zu tun.

Lasst beides wachsen bis zur Ernte!

Das ist keine leichte, aber eine sehr ernste Empfehlung, die jedes Kind versteht. Sie bedeutet nicht, dass wir allem und jedem gegenüber einfach gleichgültig sein sollten. Was Unrecht ist, muss auch Unrecht genannt werden, in Belangen, die alle angehen, auch öffentlich. Aber die Veränderung, die Besserung, bedarf eines langen Atems und kann nicht im Schnellverfahren erzwungen werden.

Die Gott verbundenen Menschen haben das immer gewusst, auch wenn es ihnen schwer fiel, sich selber danach zu richten. Im Blick auf Gott aber kann sich die Veranlagung zur Geduld und die angeborene Neigung zur Güte im Menschen wirklich entfalten.

Der Kirchenvater Tertullian schreibt einmal: „Besser wer Geduld, als wer Macht hat!“

Denn von Gott weiß der Schreiber des Weisheitsbuches: dass er „gegen alles Nachsicht übt“, dass er „in Milde richtet“, uns „in großer Nachsicht behandelt“, so wörtlich in der ersten Lesung.

Von Gott her bezieht der Mensch das rechte Maß für sein Denken und Handeln. Weil Gott den Sündern die Umkehr gewährt, soll der Gerechte menschenfreundlich sein. Paulus trug die gleiche Überzeugung hinaus in die damalige Welt und schrieb deshalb an die Römer: „Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an“.

Großzügigkeit, Geduld und die Bereitschaft, einen schwierigen Menschen immer wieder anzunehmen, das alles gelingt uns nur, weil wir dieses Wohlwollen gegenüber unserer eigenen Schwachheit  auch von Gott erwarten dürfen. Wir schaffen es nicht aus eigener Kraft. Wem aber Liebe und Verzeihen geschenkt wird, der kann Liebe und Verzeihen auch weiterschenken.

In allen drei Lesungen findet sich die gleiche Botschaft, die wir im Herzen erwägen und in tägliches Handeln umsetzen sollten: Zurückhaltung im Urteil ist immer richtig. Geduld nie falsch. Und so wird unsere Hoffnung, dass am Ende das Gute siegt, nicht enttäuscht werden. Der große Bischof von Mailand, der hl. Ambrosius, hat es gewußt, als er einmal sagte: „Es ist die Geduld die Vollendung der Liebe“.

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