Ratlos vor dem Hunger in Afrika

Predigt am 18. Sonntag im Jahreskreis, 31. Juli 2011

Lesungen: Jes 55,1-3 – Röm 8,35.37-39 – Mt 14,13-21

Alle liturgischen Texte (hier)

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Hungern und Sattwerden – das sind die Themen, die in den heutigen Lesungen auftauchen. Für uns Mitteleuropäer sind das keine aktuellen Themen. Wir haben immer noch genug zu essen. Die Regale in den Lebensmittelgeschäfte sind prall voll. Zwar gibt es auch bei uns noch eine versteckte Armut. Die Versorgungseinrichtungen der sog. „Tafel“ beweisen es. Aber mit der momentanen Notlage in Afrika kann man das nicht vergleichen. Wir leben immer noch wie die Maden im Speck!

Mehr als 10 Millionen Menschen sind am Horn von Afrika von einer verheerenden Dürre betroffen. In manchen Gebieten sind bereits drei von zehn Kindern massiv unterernährt. Viele werden ohne Hilfe von außen die kommenden Wochen nicht überleben.

Solche Nachrichten gehen einem unter die Haut. Ratlos stehen wir dann vor biblischen Texten, wie wir sie heute im Gottesdienst gehört haben: „Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser.  Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung“ (Jes 55,1).

Mancher Christ wird sich da im Stillen denken: viel zu schön, um wahr zu sein. Die Tatsachen sind leider anders. Ist also das Wort der Schrift doch nur Wunschdenken und fromme Vertröstung, um über die harte Wirklichkeit hinwegzutäuschen? Ist Religion also doch nur ein „Opium des Volkes“, wie Karl Marx behauptet hat?

Und dann erinnert uns der hl. Paulus auch noch an die nie endende Liebe Gottes. Nichts könne uns trennen von ihr – auch nicht die schlimmsten Nöte: Bedrängnis, Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert (Röm 8,35-37).

Was antworten wir denen, die uns solche Schriftworte vorhalten und mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das weltweite Elend hinweisen? Wo ist denn Euer Gott, werden sie uns fragen.

Auch die Erzählung der wunderbaren Brotvermehrung hinterlässt Achselzucken. Bisher waren die Erklärungsversuche der Bibelwissenschaftler nur vorsichtige Deutungen. Übereinstimmend hat man allerdings festgestellt, dass Mathäus nicht von einem Zauber erzählen wollte, als ob – wie im Märchen – plötzlich aus fünf Broten und zwei Fischen zentnerweise Nahrung für Viele entstanden wäre.

Wie also sollen wir mit diesen Bibeltexten umgehen?

Zuerst müssen wir unsere Lesart ändern. Denn die Bibel enthält keine Tatsachenprotokolle über historische Ereignisse. Vielmehr finden wir in ihr Wahrheiten, die sich in Geschichten und Erzählungen verbergen.

Die Frage darf deshalb nicht heißen: was fangen wir mit diesen Texten an, sondern:  was fängt der Text mit uns an! Dann trifft uns das Wort Gottes persönlich. Dann sind wir herausgefordert, über unsere Haltungen und unseren Lebensstil nachzudenken. Wir kennen ja neben dem Hunger nach dem täglichen Brot auch den Hunger nach Anerkennung, nach Verstandenwerden und nach dem Sinn des Lebens.

Zwei Botschaften sind in diesen Texten auf jeden Fall enthalten:
Die erste lautet: Das Leben in dieser Weltzeit ist kein Schlaraffenland. Und kein noch so gutes Welternährungsprogramm wird es je schaffen, den Hunger ganz aus der Welt zu verbannen. Diese Welt ist eine unheilvolle Wohnstatt, kein Paradies, sondern ein Lebensraum, der Mühe und Anstrengung einfordert. Die Botschaft an Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies ist immer noch gültig: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst Du dein Brot essen“ (Gen 3,19).

Jesus lässt keinen Zweifel daran, was das konkret heißt: Seine Antwort auf die Jüngerfrage: was machen wir mit den Hungrigen?,  ist entwaffnend einfach: „Gebt ihr ihnen zu essen“  (Mt 14,16).

Über den Hunger klagen und andere anklagen, weil sie eine falsche Weltwirtschaft betreiben, liegt uns freilich näher, als im eigenen Umfeld den Hunger zu stillen.

Die erste Botschaft also heißt: tu, was in deinen Möglichkeiten steht – zur Mehrung der Hoffnung und der Zuversicht unter den Menschen in deinem Umfeld – sei es eine materielle Gabe oder eine seelische Wohltat durch Verstehen und Zuwendung, durch Verzeihen und Ermutigung für jeden, der deinen Weg kreuzt.

Die zweite Botschaft ist zwar schwerer zu vermitteln, aber dennoch wahr:

Hunger und Elend der Welt sind nicht der Endzustand, sondern der Hintergrund, auf dem das endgültige und wahre Leben von Gott her umso deutlicher aufleuchtet. Das Licht kann man nur sehen, wenn es vorher dunkel war. Sättigung erfährt nur der, der den Hunger kennt. Befreiung und Erlösung kann einer nur verstehen, wenn er durch die Not und das Elend hindurchgegangen ist. Die Hl. Schrift lügt uns eben nicht an, sondern mutet uns zu, die wirklichen Verhältnisse des Menschen wahrzunehmen und endlich aus Träumereien und Wunschdenken aufzuwachen.

Der indische Jesuit Antonio de Mello hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Der springende Punkt – Wach werden und glücklich sein“. Ausführlich geht er darin auf unsere Neigung ein, uns das Leben schön zu färben und uns über vieles hinwegzutäuschen, z.B. über die Tatsache, dass wir sterben müssen. Es gibt kein neues Leben ohne den Druchgang durch den Tod. Es gibt kein Ostern ohne Karfreitag, Der hl. Paulus hat dies vermutlich erfahren. Sonst hätte er nicht so zuversichtlich geschrieben: Weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges – kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Das ist nicht Vertröstung, sondern fundamentale Hoffnung, die herausführt aus dem Hunger des Leibes und der Seele.

Wir sollen also handeln, Gutes tun nach unseren Möglichkeiten; und wir sollen die Hoffnung hegen, dass alles Heil von Gott her kommt. Dann können wir sogar Visionen haben wie der Prophet Jesaja, der in den dunklen Stunden seines Volkes sagen konnte: Alles ist für Euch bereitet – kostenlos. Wann immer ihr euer Ohr zu Gott neigt und zu ihm kommt, (dann) werdet ihr leben.

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