Des Rätsels Lösung – biblische Erkundigungen

Der Erkenntnishunger des Menschen ist unersättlich. Bertolt Brechts Bühnenstück „Der gute Mensch von Sezuan“ bringt es auf den Punkt. Wenn alles gesagt und bedacht ist, bleibt nur noch die Feststellung „Der Vorhang zu und alle Fragen offen“. Im folgenden spirituellen Impuls wird der Versuch unternommen, Auskünfte zu diesem Dilemma in der Bibel zu finden.

Wer auf der Suche nach des Rätsels Lösung an der Bibel nicht vorübergeht, wird eine erstaunliche Entdeckung machen: er wird zweierlei in diesem Buch finden, eine Fülle von Rätseln und eine Fülle von „Lösungen“.

„Die Königin von Saba hörte vom Ruf Salomos und kam, um ihn mit Rätselfragen auf die Probe zu stellen. Sie kam nach Jerusalem …. und redete mit ihm über alles, was sie sich vorgenommen hatte. Salomo gab ihr Antwort auf alle Fragen. Es gab nichts, was dem König verborgen war und was er ihr nicht hätte sagen können“ (vgl. 1 Kön 10,1-3).

Aus dem Osten kamen Sterndeuter mit einer Rätselfrage im Herzen nach Jerusalem. Was ist mit einem neugeborenen König? Wo finden wir ihn, um ihm zu huldigen? Die in Diensten des Herodes stehenden Gelehrten durchforschten ihre Bücher und fanden einen Hinweis in einem alten Buch (Micha). Für Herodes blieb die Sache insgesamt jedoch schleierhaft. Er mißtraute den geheimnisvollen Antworten und reagierte politisch-pragmatisch, indem er den po­tentiellen Konkurrenten durch einen grausamen kollektiven Kindermord auszuschalten versuchte (vgl. Mt 2).

Das Gottesvolk Israel scheint überhaupt ein bevorzugter Ort für geistbegabte Männer und Frauen zu sein, die sich in der Kunst der Rätsellösung gut auskennen. Erinnert sei an den ägyptischen Josef, der die rätselhaften Träume des Pharao auslegte – oder an Daniel am Hofe des Königs von Babel, Belschazzar. Dessen Wahrsager und Weisen vermochten jedenfalls nicht, das seltsame Gebilde (Menetekel) an der weißgetünchten Wand des königlichen Pa­lastes zu deuten. Aber bei Daniel „fand man außergewöhnlichen Geist sowie Erkenntnis und Einsicht und die Gabe, Träume auszulegen, Rätsel zu erklären und schwierige Fragen zu lösen“ (Dan 5,12). So ließ der heidnische König den kriegsgefangenen Daniel aus dem besiegten und unterjochten Land Israel rufen, damit er ihm das entstandene Rätsel löse (vgl. Daniel 5).

Das Besondere der biblischen Rätsellösungen besteht nun darin, daß sie eigentlich gar keine Lösungen anbieten, sondern nur eine Art Umdeutung von unerklärlichen Ereignissen, die in den meisten Fällen als „Lösungen zweiter Ordnung“ erscheinen. Sie finden sich auf einer höheren Ebene oder werden als Verheißung in die Zukunft verlegt.

Andererseits werden bestehende Rätsel in der Bibel oft geradezu als Mittel zur Ver­herrlichung Gottes angewandt. So treffen wir auf die Überzeugung, daß „durch Lied und Sinnspruch, Rätsel und Gleichnis“ die Völker in Staunen über die Größe Gottes versetzt werden sollen (vgl. Jesus Sirach 47,17). Das letzte Buch der Bibel trägt zudem den dialektischen Namen „Geheime Offenbarung“. Was aber ist eine Offenbarung wert, die geheim bleibt? Wir treffen hier auf eine Dialektik von Verhüllung und Enthüllung (=Offenbarung). Sie geht in diesem Buch auf einen endzeitlichen Höhepunkt zu, von dem schon der Profet Jesaia (siehe unten) im Bild eines Festmahls schwärmt. In der Apokalypse (=Geheime Offenbarung) ist von sieben „Siegeln“ die Rede. Wir können auch Rätsel sagen. Und es heißt, daß nur einer das „verschlossene Buch mit den sieben Siegeln“ öffnen und alle Rätsel des Das­eins lösen kann: der auferstandene Christus. (vgl. Apk 6,1-8,1)

Könnte es sein, daß „des Rätsels Lösung“ im biblischen Sinn eine Transformation des Bewußtseins ist, eine endgültige „Erleuchtung“ und Erkenntnis? Sollte es so sein, daß in letzter Radikalität doch zutrifft, was dem menschlichen Geist zum permanenten Ärgernis und zu dauernden Herausforderung wird, daß nämlich die Rätsel des Lebens nie aufgehen werden, solange der Mensch „in statu viatoris“ lebt? Paulus meinte: „Jetzt schauen wir in einem Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“ (vgl. 1 Kor 13,12).

Wenn wir der Weltdeutung der Bibel folgen wollen, brauchen wir uns über so viel gleichzeitige Verhüllung und Enthüllung nicht zu wundern. Die Bibel ist ein Meisterwerk der Dialektik von Verhüllung und Enthüllung. Selbst der Höhepunkt der Offenbarung, die Ankunft des Gottessohnes, ist und bleibt bis heute begleitet von Schleiern des Zwielichts, zu dem übrigens Jesus selbst auch einen Teil beigetragen hat. In vielen seiner Reden finden wir eine merkwürdige Ambivalenz. Er deutet an, scheint ein Rätsel aufzulösen und verhüllt es sofort wieder, manchmal sogar durch ein ausdrückliches Redeverbot. So schärft er seinen Jüngern nach der Verklärung auf dem Berg Tabor ein: „Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist“ (vgl. Mt 17,9).

Nach dem Bekenntnis des Petrus, der als Sprecher der Zwölf das immer noch vorhandene Geheimnis um die Person Jesu zu lüften versucht, indem er öffentlich sagt: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“, schließt Jesus erneut die medienwirksame Verbreitung dieser „Rätsellösung“ aus. „Dann befahl er den Jüngern“, so wörtlich: „niemand zu sagen, daß er der Messias sei“ (vgl. Mt 16,13-20).

Des Rätsels Lösung nach biblischen Muster bleibt also nocheinmal ein Rätsel und konzentriert sich nicht auf eine Antwort, sondern auf eine Person, auf Christus. Antworten auf Rätsel suchen, würde demnach also heißen: das Antlitz des Christus suchen. In seinem „leuchtenden Antlitz“ werden die Rätsel des Lebens die ihnen gemäße Antwort finden – und die Antwort wird nicht mehr und nicht weniger sein, als die untrügliche Erfahrung des Erbarmens und der Liebe des Vaters. Denn der Kern des Glaubens ist „die Liebe, die Gott zu uns hat“ (vgl. 1 Joh 4,16).

Wer Erbarmen und Liebe erfährt, dem bleiben keine Fragen mehr offen. Er hat die Antwort auf seine Lebensrätsel erhalten, wenn auch nicht in der von ihm erwarteten Weise – im Sinne der Befriedigung des wissensdurstigen Verstandes, sondern auf einer anderen Ebene. Ruth Cohn meint in diesem Zusammenhang: „Ohne Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur kann der Mensch nur das Machtpotential des Verderbens beschleunigen, anstatt hinzuführen zur Einsicht in die Notwendigkeit ethischer Wandlungsprozesse. Diese können nur geschehen auf dem geistigen Boden der Bewunderung für die Schöpfung und durch die Verbindung der wissensdurstigen Fähigkeiten des Menschen mit ihren Weisheitsmöglichkeiten.“ (Zitiert aus Ruth C. Cohn / Irene Klein: Groß­gruppen gestalten mit TZI, Gründwald Mainz 1993, S. 28).

Der schon erwähnte Profet Jesaja weiß von einem endzeitlichen Fest zu berichten mit feinsten Speisen, einem Gelage mit erlesenen Weinen, einem Festmahl für alle Völker auf dem „Berg des Herrn“. Und da wird etwas geschehen, was die Menschheit insgeheim immer erwartet: die endgültige Offenlegung aller Rätsel. Denn „er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt und die Decke, die alle Völker bedeckt“ (vgl. Jesaja 25,6-12). Der bibelkundige Leser wird sich unschwer an den Berg erinnern, auf dem Mose seine Weisungen für das Volk entgegennahm. Während er im vertrauten Gespräch mit Jahwe verweilte, nahm er seinen Schleier vom Gesicht weg, den er sich umlegte, sobald er mit dem Volk redete. Denn sein Antlitz strahlte leuchtend auf, sodaß das Volk vom übergroßen Licht wie geblendet war (vgl. Ex 34).

Paulus kennt diese Tradition und kleidet sie in eine feierliche Sprache. Wir lesen in seinem zweiten Brief an die Korinther: „Bis heute liegt die Hülle auf ihrem Herzen, wenn Mose vorgelesen wird. Sobald sich aber einer dem Herrn zuwendet, wird die Hülle entfernt. Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn“. (vgl. 2 Kor 3,15-18).

Des Rätsels Lösung nach biblischem Muster ist also die in Kauf zu nehmende „Verschleierung“ des Geheimnisses um des Menschen willen, solange er auf dem Pilgerweg ist. Denn, sollte ihn die lichtvolle und unverhüllte Wahrheit ungeschützt treffen, wäre das für ihn tödlich. Die Verhüllung der Geheimnisse, die Aufrechterhaltung der Rätsel des Lebens geschieht nur zugunsten des Menschen, damit er in Demut das Warten lerne auf den Tag der endgültigen Offenbarung.

„Doch jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“ (vgl. Mk 13,32).

Bis zu diesem Tag also werden wir lernen müssen, mit Rätseln zu leben und mit vorläufigen Lösungen zufrieden zu bleiben.

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