Die ganz andere Chance im Urlaub

Predigt am 20. Sonntag im Jahreskreis, 14. August 2011

Lesungen: Jes 56,1.6-7 – Röm 11,13-15.29-32 – Mt 15,21-28

Alle liturgischen Texte (hier)

Die Predigt anhören – hier klicken!

[print_link]

Durch unser Zuhören waren wir soeben Zeugen einer wichtigen Heilungsgeschichte. Eine Frau aus dem heidnischen Ausland wendet sich Hilfe suchend an Jesus. Ihre Tochter ist schwer krank.

Zwei Besonderheiten in dieser Geschichte sind nicht zu übersehen.

  1. Die seltsam zögerliche Haltung Jesu
  2. Und sein lobende Hinweis auf den Glauben dieser Frau

Wenn sich jemand hilfesuchend an uns wendet und wir helfen können, werden wir es in der Regel ohne Zögern tun. Jesus aber tut so, als ob ihn die Not der Frau nichts anginge. Er gibt ihr keine Antwort, schreibt Matthäus. Was könnte der Grund gewesen sein?

Für die Juden galten alle, die nicht zum Gottesvolk Israel gehörten, als andersgläubig. Mit ihnen pflegte man besser keinen Kontakt. Denn sie könnten ja den eigenen Glauben gefährden. Andersgläubige haben auch keinen Anspruch auf Unterstützung und Hilfe. Nur innerhalb des Gottesvolkes hält man zusammen und hilft einander so gut es geht – auch über Landesgrenzen hinweg. Jesus denkt als Jude anfänglich auch so. „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“, rechtfertigt er seine abweisende Haltung.

Im ersten Moment kommt uns das eigenartig vor. Darf man denn so scharfe Grenzen zwischen den Religionen und Konfessionen ziehen? Sind nicht alle Menschen vor Gott gleich, seine Geschöpfe? Ist nicht Gott ein Gott aller Menschen?

Als das Matthäusevangelium aufgeschrieben wurde, war es für die Jesusgemeinden im syrischen und jüdisch-palästinischen Raum immer noch wenig üblich, auch Heiden – also Nicht-Juden – aufzunehmen. Die ersten Jesus-Anhänger waren ja fast ausschließlich Juden oder dem jüdischen Glauben nahe „Gottesfürchtige“.

Wahrscheinlich spiegelt sich in dieser Geschichte noch diese Unsicherheit. Jesus zögert ja nur anfänglich, entscheidet sich dann aber doch, die Bitte der heidnischen Frau ernst zu nehmen. Matthäus will mit dieser Geschichte den ersten Christen helfen, ihre Bedenken aufzugeben und allen, die sich zu Jesus Christus bekennen, ein Heimatrecht im neuen Gottesvolk, in der Kirche, zu gewähren, auch wenn sie nicht zu Israel gehören.

Mit entwaffnender Selbstverständlichkeit benutzt die Bittstellerin sogar das bei den Juden übliche Schimpfwort „Hunde“ für die Heiden.  Heiden sind gottlos, genießen nicht den Schutz und die Bergung von Schafen in der von Gott versorgten Herde. Aber auch die Hunde, so sagt die Heidin, bekommen wenigstens von den Brotresten, die vom Tisch fallen. Dieser Mut und dieses Vertrauen, dass Jesus helfen kann, wenn er nur will, überzeugen ihn.

Sein deutendes Wort enthält nun auch für uns eine wichtige Botschaft: ob einer Heilung und Rettung erfährt, liegt nicht nur an dem, der die Macht hat, Rettung und Heilung zu gewähren, sondern auch am Bittsteller und an seinem Glauben. „Frau, dein Glaube ist groß“, sagt Jesus. Nun sind wir eingeladen, von Gott alles zu erhoffen und mit dem Bitten nicht nachzulassen, auch wenn sich im ersten Moment nichts zum Guten wendet. Unser Glaube ist gefragt!

Israel hatte immer schon geahnt, dass Jahwe größer ist als die Nationalgötter der angrenzenden Völkern. Jahwe ist zwar der Gott Israels, aber auch der Gott aller Völker und Nationen. Sonst hätte der Prophet Jesaja in seiner Vision nicht davon gesprochen, dass auch die Fremden im Haus Gottes Heimatrecht haben. Gerade dieser Hinweis ist heute wieder aktuell. Wir sind eingeladen, über den Rand der kath. Kirche hinauszuschauen und uns mit allen Gottsuchern zu verbinden. In einer globalisierten Welt müssen wir uns für die andere Völker und ihre Religionen interessieren.

Der umstrittene Theologe Hans Küng hat dieses Denken in seinem Buch „Projekt Weltethos“  bekräftigt. Seine drei Thesen lauten:

  • Es gibt kein Überleben für die Menschen ohne Weltethos.
    Wir sind auf Gedeih und Verderb daauf angewiesen, gemeinsame Werte zu finden, die Menschenwürde für alle Menschen zu wahren – unabhängig von Rasse, Nation und Hautfarbe.
  • Es gibt keinen Weltfrieden ohne Religionsfrieden.
    Das erleben wir täglich. Wo ein fundamentalistisches Religionsverständnis herrscht, ist der Andersgläubige immer nur ein möglicher Feind, den man bekämpfen muss. Die Taliban machen uns das vor.
  • Und es gibt keinen Religionsfrieden ohne Dialog der Religionen.
    Kirchturmpolitik ist ein Auslaufmodell. Niemand kann in unserer Zeit nur mehr auf seine eigene Religion und Kultur blicken. Wir müssen das Gespräch mit allen Menschen und allen Religionen suchen.

Wir werden lernen, gegenüber Andersgläubigen Interesse zu zeigen und Wertschätzung zu üben. Jesus hat uns dazu ermächtigt, als er die engen jüdischen Grenzen überschritt und in das heidnische Gebiet von Tyrus und Sidon ging, um die Bitte einer kanaanäischen Frau zu erhören.

Viele verbringen im Sommer wieder ihren Urlaub in fremden Ländern. Hoffen wir, dass sie sich nicht nur gut erholen, sondern auch mit den Menschen dort in Kontakt kommen und ihre Sitten und Gebräuche, ihre Religion und Tradition kennen und schätzen lernen.

Print Friendly, PDF & Email