Frohbotschaft vom Kreuztragen?

Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis, 28. August  2011

Lesungen: Jer 20,7-9 – Röm 12,1-2 – Mt 16,21-27

Alle liturgischen Texte (hier)

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Der Inhalt des heutigen Evangeliums ist bekannt. Jesu Worte: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ oder: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben verliert“, haben Christen schon oft gehört.

Dass das keine leeren Worte sind, muss man nicht eigens betonen. Ist doch das Leben auf weite Strecken hin eine Verlusterfahrung, ein „Kreuztragen“; und so mancher hat in seinem Streben nach Bedeutung, Geld, Macht und Einfluss erlebt, dass er das kostbarste Gut – sein eigenes Leben – nicht festhalten konnte.

Sind diese „Worte des lebendigen Gottes“ dann noch eine Frohbotschaft? Sind sie nicht vielmehr düster und niederdrückend?

Eine Antwort auf diese Frage finde ich in den Lesungen des heutigen Gottesdienstes. Der Prophet Jeremia wird von seinen Volksgenossen rücksichtslos und unmenschlich behandelt. Er erleidet so das Los vieler Menschen: Gewalt und Unterdrückung, Spott und Hohn. Und dies alles deutet er als Zumutung einer ganz anderen Macht: Gott selbst, der Unbegreifliche, hätte ihm dies alles aufgenötigt.

Darf denn so etwas sein? Ist nicht Gott ein Freund des Lebens? Warum erscheint er hier als Störenfried und Spielverderber des menschlichen Glücks? Wir sind also immer noch ratlos.

Keiner kann sagen, dass ihm die Jeremia-Erfahrung völlig fremd ist. In abgeschwächter Form hat es  jeden von uns schon  einmal im Leben  erwischt. In schweren Stunden haben wir uns – wie Jeremia – gequält, um Leid und Not auszuhalten – und wir haben es nicht geschafft!

Noch einmal steht die Frage auf: ist das eine Frohbotschaft? Jetzt müssen wir beim Hl. Paulus nachlesen. Vielleicht hat er eine Antwort. Und siehe da: seine Deutung ist ungewöhnlich, macht aber neugierig. Paulus rät zu einem Umdenken, man könnte auch sagen: einem Umdeuten von allem. Man solle sich nicht dem weltlichen Denken angleichen, sondern versuchen, alles in einem anderen Licht sehen. Was einem an Schweren zugemutet wird, solle man um Gottes willen auf sich nehmen – wie ein Opfer. Ich weiß natürlich, dass der Appell, ein Opfer zu bringen, aus der Mode gekommen ist. Aber Opfer werden uns immer wieder einmal abverlangt, es sei denn, man schließt die Augen vor der Wirklichkeit und redet sich das Leben schön.

Die Ermutigung zum Ertragen des Unangenehmen und die Tapferkeit, alles auszuhalten, was einem im Leben zugemutet wird, kann allerdings nur von außen kommen. Ich brauche dazu ein Vorbild, jemanden, der mir zeigt, wie das geht. Christen finden dieses Vorbild in dem, dessen Namen sie tragen – in Jesus Christus, und zwar, wie Paulus einmal gesagt hat: als den Gekreuzigten.

Ich habe in einem Krankenhaus und mehrere Jahre in der Beratung und Seelsorge für Pflegeberufe, in der Hospizbewegung und in der Sterbebegleitung gearbeitet. Dort lernt man, dass neben einer guten medizinischen, pflegerischen und sozialen auch eine spirituelle Unterstützung und Begleitung notwendig ist. Das kann man aber niemanden durch Belehrung aufzwingen. Man kann nur ermutigen, die Probe aufs Exempel zu machen. Und wie geht das?

Setz dich still vor ein Kreuz und schau es einfach an. Dann stell dir vor, dass dieser Christus am Kreuz dir etwas zuraunen könnte, z.B.: „Schau her, ich stecke in deiner Haut“. Dann bist du nicht mehr allein in deinem Schmerz und in deinem Leid. Dann steht Jesus Christus vor dir und lädt dich ein, hinter ihm her zu gehen. Denn sein Weg ist der Weg „hindurch“ – durch Leid, Schmerz und schließlich durch den Tod hindurch – wie durch ein Tor – zum Leben. Auferstehung und Leben ist unser Ziel, alles andere ist nur Durchgang. Zu diesem Glauben sollten wir uns gegenseitig ermutigen. Und um die Kraft dazu wollen wir heute beim Gottesdienst auch wieder einmal beten.

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