Den Spiegel vorhalten …

Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis, 04. September  2011

Lesungen: Ez 33,7-9 – Röm 13,8-10 – Mt 18,15-20

Alle liturgischen Texte (hier)

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In jeder Wohnung hängt ein Spiegel. „Wie schaue ich heute aus?“ „Kann ich so unter die Leute gehen?“ – so stehen wir vor einem Spiegel, bevor wir die Wohnung verlassen. Diese nützliche Erfindung ist schon sehr alt und hat sich auch in der Symbolsprache einen festen Platz erobert. So lesen wir z.B. im Jakobusbrief: „Wer das Wort Gottes nur hört, aber nicht danach handelt, ist wie ein Mensch, der sein eigenes Gesicht im Spiegel betrachtet. Er betrachtet sich, geht weg und schon hat er vergessen, wie er aussah“ (Jak 1,23)

Meistens machen wir es so, wie Jakobus schreibt – wir hören das Wort Gottes – und schon haben wir es wieder vergessen. Ich weiß es auch von mir. Schon oft habe ich mich am Ende eines Gottesdienstes gefragt, was denn heute in der Lesung dran war – oder im Evangelium – und ich habe es nicht mehr gewusst. Geht es Ihnen nicht auch so!?

Es fehlt uns die Sammlung, die innere Ruhe und Aufmerksamkeit – oder es plagen uns Sorgen, die wir auch während der Messe loswerden. Manchmal sind wir auch müde und erleichtert, wenn der Gottesdienst nicht zu lange dauert (vor allem in den Urlaubstagen).

Heute könnten wir eine Ausnahme machen. Heute könnten wir etwas aufmerksamer in den Spiegel des Wortes Gottes schauen und unser Tun und Lassen überprüfen – eine Übung, die uns aus der Kindheit noch vertraut ist: damals haben wir einen Gewissens-Spiegel kennen gelernt – vielleicht sogar auswendig gelernt.

Lesung und Evangelium des heutigen Sonntags spiegeln uns, wie wir als Christen miteinander umgehen sollen. Paulus erinnert an das einzig wichtige Doppelgebot: liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist alles.

Sei also freundlich, zuvorkommend und aufmerksam gegenüber den Menschen, die dir in die Nähe kommen, die deine Nächsten werden und sei ebenso freundlich, zuvorkommend und aufmerksam zu Dir selbst. Wir wissen es – im Kopf – und müssen doch einräumen, dass wir genau dieses Gebot im Alltag nur unzureichend erfüllen.

Aber – dafür gibt es ja den Spiegel – in den ich hineinschauen kann und mich fragen kann: wie ist im Moment meine Einstellung dem Menschen, der mir gerade jetzt nahe gekommen ist, z.B. mein Nachbar in der Kirchenbank – auch wenn ich ihn persönlich gar nicht kenne? Habe ich wahrgenommen, dass er da ist und mit mir gemeinsam betet und singt und mit mir gemeinsam sagen darf „Vater unser im Himmel…“

Der aufmerksame und liebevolle Umgang miteinander ist für uns Christen so wichtig, dass die Welt sogar daran erkennen soll, ob wir Christen sind oder nicht. – „Seht, wie sie einander lieben” mit diesen Worten beschreibt der antike Schriftsteller Tertullian nicht ohne zu staunen den Zusammenhalt der ersten Christen. Es fiel eben damals auf, dass Freude und gegenseitige Annahme, Verzeihen und Miteinander-die-Lasten-Tragen bei ihnen intensiver gelebt wurde als bei den Nichtchristen.

Im Mt-Evangelium wird uns gesagt, wie man miteinander umgehen soll, wenn einer aus dieser gegenseitigen Liebe herausfällt, wenn einer sündigt. Jesus wusste schon, dass dies täglich geschieht – nicht nur siebenmal, sondern siebenmal siebzig mal.

Unter vier Augen soll man zunächst den Mitchristen ansprechen – ihm zeigen, wo er gefehlt hat – so wie ich jemanden sage: „Schau mal in den Spiegel, wie du aussiehst!“ Das geschieht noch ganz im vertrauten Umgang miteinander. Niemand wird bloßgestellt, denn es geschieht unter vier Augen – und mit viel Nachsicht und Verständnis.

Später erst – wenn einer nicht bereit ist, sein Verhalten zu ändern – viel später erst, soll die Gemeinde eingeschaltet werden – nicht aber, damit sie nun über den Nächsten richtet, sondern ihm auf den rechten Weg begleitet.

Was in der Lebensordnung der Christen besonders schön ist: sie brauchen keinen fremden Richter und keine fremde Instanz, die Ordnung schafft. Sie haben – durch den Dienst der Priester – sozusagen die Amnestie-Möglichkeit gleich als Dauergeschenk dazu erhalten.
Jesu Wort ist gültig: „Alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein“. – In einer christlichen Gemeinde sollte es eigentlich keine „unlösbaren Probleme“ geben, weil das so genannte Unlösbare durch die Barmherzigkeit Gottes gelöst und angenommen wird.

Wir können also aufhören, einander zu verurteilen. Wir dürfen anfangen, einander zu verzeihen und einander zu ertragen. Schließlich sind wir nicht alleingelassen wie streitende Kinder, sondern unter uns will der Versöhner und Mittler Jesus Christus selbst sein.

Fassen wir zusammen.
Das Wort Gottes ist wie ein Spiegel. Wenn wir hineinschauen, sehen wir, wie wir „vor Gott dastehen“. Gespiegelt wird uns, wie wir leben – und wie wir leben sollten. Weil niemand vollkommen ist, dürfen wir einander auch den Spiegel vorhalten – nicht um uns Vorhaltungen zu machen, sondern um uns daran zu erinnern, dass Erlösung und Befreiung von Sünde und Schuld mitten unter uns möglich ist, weil der barmherzige Gott mitten unter uns sein will. Immer, wenn zwei oder drei – oder mehr, so wie jetzt hier beim Gottesdienst – im Namen Jesu versammelt sind, ist Gottes barmherzige Liebe gegenwärtig. Das gibt die Kraft, einander zu verzeihen.

Wenn Sie zuhause wieder einmal in ihren Spiegel schauen, denken Sie auch mal an ihren Gewissensspiegel und prüfen Ihre Einstellung und Ihr Verhalten zu ihrem Mitmenschen.

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