Glück gehabt …

Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis, 11. September  2011

Lesungen: Sir 36,18.21-23 – Röm 14,7-9 – Mt 18,21-35

Alle liturgischen Texte (hier)

Die 6-Minuten-Predigt hier anhören

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Ein König überprüft die Arbeit seiner Diener. Es stellt sich heraus, dass einer von ihnen eine riesige Geldsumme schuldig ist – umgerech­net sind es etwa 40 Millionen EURO. Der Verschuldete hat keine Chance. Auch wenn er als Sklave mit Frau und Kindern verkauft würde, was damals zur Schuldentilgung üblich war, kann er diesen Schuldenberg niemals abtragen. So bittet er um Schuldenerlass. Und der König gewährt ihn. Das war nicht zu erwarten. Das war eine unvorhersehbar großzügige Geste.

Dieser Ausgang aus einer ausweglosen Situation ist der Inhalt des ersten Teils der Geschichte, die Jesus erzählt hat. Als Hörer der Geschichte würden wir sagen: der Diener hat ein unverschämtes Glück gehabt. Es hätte auch anders kommen können.

Die Geschichte aber geht weiter. Der Diener, dem die ganze Schuld erlassen worden war, ist seinerseits Gläubiger bei einem seiner Kollegen. Der schuldet ihm nur 40 EURO – kein Vergleich zu der Riesensumme von 40 Millionen! Auch dieser Schuldner versucht es mit der Bitte um Schuldenerlaß.

Und was geschieht? Der Diener läßt den Kollegen ins Gefängnis werfen und fordert von ihm rückhaltlos die Begleichung der Schuld.

Dass die anderen über dieses hartherzige Verhalten erbost waren, kann man sich gut vorstellen. Auch uns kommt die Sache merkwürdig vor: der hätte doch großzügig sein können, wenn ihm schon seinerseits eine so große Schuld erlassen worden war.

Alle denken so. Und Jesus hat mit dieser Geschichte sein Ziel erreicht. Er will dem Petrus eine indirekte Antwort auf dessen Frage geben. Petrus wollte ja wissen, was dem friedlichen Zusammenleben dient. Gegenüber einem Mitmenschen schuldig werden – das ist beim besten Willen manchmal nicht zu vermeiden. Wie aber soll ich mich verhalten, wenn ein anderer Mensch mir gegenüber schuldig geworden ist.

Ich kann nachtragend sein oder ihm verzeihen. Wo ist die Grenze des Verzeihens? Muß nicht irgendwo Schluß sein? Reicht es nicht aus, „siebenmal“, d.h. in unsere Sprache übersetzt: „immer wieder einmal“ zu verzeihen?

Offenbar nicht! Denn Jesus antwortet: Nicht „siebenmal“, sondern „siebenundsiebzigmal“ – in unsere Sprache übersetzt: „immer und immer wieder“,  unendlich viel mal – immer! Das erscheint uns fast unmöglich.

Deshalb erzählt Jesus das Gleichnis. Und erst nach dem Anhören dämmert uns, dass es doch möglich sein müßte, dem Mitmenschen immer und immer wieder zu verzeihen – weil auch uns immer wieder – und zwar ohne unser Verdienst – bedingungslos verziehen wird.

Wie der König im Gleichnis dem hochverschuldeten Diener seine ganze Schuld aus freien Stücken nachläßt, so läßt Gott uns alle Schuld nach – aus freien Stücken und ohne unser Verdienst. Wir sind Günstlinge Gottes, völlig unverdient schenkt er uns Gnade und Erbarmen. Das ist kaum zu glauben, weil es unseren Erfahrungen und auch unserem gesunden Menschenverstand völlig widerspricht. Wir kennen nur eine ausgleichende Gerechtigkeit, wie sie schon in der berühmt gewordenen Formel im alten Israel üblich war: „Aug um Aug, Zahn um Zahn“. Gott aber kennt eine barmherzige Gerechtigkeit. Seine Liebe zu den Menschen ist übermenschlich groß.

Wer aber solches Erbarmen erfährt, darf seinerseits nicht kleinkariert sein, sondern er unterliegt der moralischen Pflicht, seinen Mitmenschen mit gleicher Großzügigkeit zu begegnen.

Das, liebe Mitchristen, ist die Einladung des Evangeliums an uns an diesem Sonntag. Sie wird bekräftigt durch die Mahnungen in den beiden Lesungen. Paulus erinnert daran, daß wir nicht für uns selbst leben, wie in einem abgekapselten Käfig, ohne Verbindung zu anderen Menschen. Wir sind alle aufeinander verwiesen – und alle sind wir vor allem auf einen verwiesen – auf Jesus Christus, vor dem und für den wir leben und sterben, weil wir ihm gehören und deshalb auch teilhaben an seiner großzügigen Gesinnung.

Das Zusammenleben ist im Frieden möglich, wenn wir mit der großzügigen Gesinnung des Gewährenlassens und des Erbarmens einander begegnen, meint Paulus.

Und auch die alttestamentliche Lesung ruft dazu auf, dem Nächsten sein Unrecht zu vergeben. Mit seinesgleichen kein Erbarmen haben, das kommt einem Urteilsspruch aller Beteiligten gleich. Wer an das Ende denkt, so meint Sirach, wer um seine eigene Ohnmacht weiß, der erst wird sozial verträglich, der kann im Frieden mit den Anderen leben, weil er vor Überheblichkeit und Stolz bewahrt bleibt.

Wir erleben weltweit – im Großen wie im Kleinen – eine wachsende Unfähigkeit, einander gelten zu lassen. Mit Erschütterung hören wir fast täglich, wie die Menschen aufeinander einschlagen – mit Schlagworten und giftigen Unterstellungen und Abwertungen. Unerbittlich wird um Positionen, um Vorrang und Meinung gestritten. Das Wort „Verzeihung“ oder „Vergebung“ hat Seltenheitswert. Müssen wir Vergebung erst wieder lernen?

Wer als Christ dem Evangelium gemäß leben möchte, wird von Jesus lernen: Frieden und Versöhnung, Erbarmen und Gnade zahlen sich aus – und sie sind die einzigen Haltungen, die ein humanes Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen.

Wenn sich die Menschen zu Gott bekehren und seine Gesinnung leben lernen, schaffen sie Frieden untereinander – und das ist ein unschätzbar hohes Gut. Dafür lohnt sich jeder Einsatz.

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