Die ganz andere Gerechtigkeit

Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis, 18. September  2011

Lesungen: Jes 55,6-9 – Phil 1.20ad-24.27a –  Mt 20,1-16a

Alle liturgischen Texte (hier)

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Immer, wenn wir dieses Gleichnis hören, regt sich bei uns Widerspruch: ist denn dieser Weinbergbesitzer gerecht? Er zahlt denen, die vom frühen Morgen an und in der Hitze des Tages gearbeitet haben, den gleichen Lohn wie denen, die ab dem späten Nachmittag nur wenige Stunden tätig waren.

Wir verstehen den Unmut der Tagelöhner. Hätte es damals schon Gewerkschaften gegeben, dem Gutsherren hätte man deutlich die Meinung gesagt. Auch einen Arbeitskampf mit Streik wäre möglich gewesen. 

Hört man aber genauer hin, wird das Unbehagen schon geringer. Der Gutsbesitzer hatte nämlich mit jedem Arbeiter je einen Denar vereinbart und sich bei der Lohnauszahlung auch daran gehalten. Ein Denar war der übliche Tageslohn für Erntehelfer im Weinberg.

Wir müssen also weiter fragen: was wollte Jesus mit dieser Erzählung erreichen, wenn er das ungewöhnliche Verhalten des Gutsherrn nicht nur billigt, sondern sogar als Gleichnis für Gottes Verhalten hinstellt?

Man kann diese Erzählung wie einen Kommentar zu dem Wort des Propheten Jesaja in der ersten Lesung hören. Dort lässt sich Gott so vernehmen: „Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken und euere Wege sind nicht meine Wege. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über euere Wege und meine Gedanken über euere Gedanken“. Und Jesaja setzt noch einen Akzent drauf: Denn Gott ist groß im Verzeihen.

Das sind Schlüsselworte, die zum Nachdenken zwingen. Wir haben ja so unsere eigenen Vorstellungen von Gott. Wir meinen zu wissen, wer er ist und wie er sich uns gegenüber zu verhalten habe, wenn es denn stimmt, was uns im Religionsunterricht und in den Predigten immer gesagt wurde: Barmherzig und gnädig ist der Herr, gerecht und voll Liebe zu seinen Geschöpfen. Wo war da Gott gerecht bei der Auszahlung der Löhne?

Unsere Vorstellungen von der Gerechtigkeit Gottes werden von unseren Erfahrungen im Umgang miteinander beeinflusst. Wir glauben, dass Güte belohnt und Schlechtigkeit bestraft werden muss.

Gott, so meinen wir, wird eines Tages schon Rache nehmen und das, was uns von unseren Mitmenschen angetan worden ist, vor unseren Augen und zu unserer Genugtuung schon zurechtrücken.

Wenn wir so denken, denken wir zu gering von Gott! Gewiss stimmt, dass er Güte belohnt – und Bosheit ahndet. Aber darüber hinaus kennt Gott eine Güte und ein Verzeihen, das wir nie werden begreifen können.

Unser Gerechtigkeitsgefühl wird durch Gottes Verhalten verstört. Gekränkt fragen wir: „Wie kann es sein, dass es guten Menschen schlecht geht und denen, die sich im Leben alles erlauben und nicht nach Gottes Geboten leben, anscheinend viel besser?“

Im Gleichnis rechtfertigt der Gutsherr sein ungewöhnliches Verhalten nur mit einer schlichten Bemerkung: „Bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ Diese Frage müssen wir uns gefallen lassen: „Bist Du neidisch, wenn es Deinem Mitmenschen gut geht?“

Vielleicht ist es hilfreich, heute an das Evangelium vom letzten und vom vorletzten Sonntag zu erinnern.

Vor zwei Wochen haben wir gehört, wie wir miteinander umgehen sollen, wenn jemand einen Fehler begangen hat. Zuerst sollten wir ihn „unter vier Augen“ zurechtweisen. Also nicht gleich die Nachbarn informieren, sondern ihn in einer geschützten Atmosphäre – mit größter Zurückhaltung und viel Verständnis – zur Rede stellen. Erst später, wenn alles nichts nützt, sollen andere eingeschaltet werden und noch viel später erst die Gemeinde, die Öffentlichkeit also – aber nicht zu dem Zweck, den Schuldigen an den Pranger zu stellen, sondern um die Mithilfe anderer zu mobilisieren, damit der Betroffene ermutigt wird, von seinem falschen Weg abzulassen.

Letzten Sonntag ging es wieder um das gelingende Zusammenleben und die Geduld miteinander. Wir sollen nämlich einem Bruder, einer Schwester, nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal verzeihen. Diese Redewendung bedeutet: immer und immer wieder!

Wir können einen Zusammenhang erkennen zwischen diesen drei Abschnitten des Mt-Evangeliums. Immer geht es um ein ganz anderes, um ein neues Verhalten im Umgang miteinander – eben um die Art und Weise zu denken und zu leben, wie es den Umgangsformen im Reich Gottes entspricht: d.h. in einer Umwelt, in der Gott der Herr des Leben ist und in allem den Vorrang hat.

Nach Gottes Art müssen wir dann versuchen zu leben – und das heißt: wir werden uns bemühen, seine Großzügigkeit wenigstens in Anfängen nachzuahmen, sein Erbarmen und sein Verzeihen zu verstehen und unsererseits auch unseren Mitmenschen mehr als es dem natürlichen Empfinden entspricht, Vergebung zu schenken.

Es ist keine unnötige Wiederholung, an dieser Stelle wieder einmal an die Vaterunserbitte zu erinnern: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Was wir da beten, ist unser täglicher Auftrag: im Umgang miteinander die Großzügigkeit Gottes aufleuchten zu lassen.

Auch wenn es uns nicht immer gelingt und wenn wir manchmal das Gefühl haben, das gehe zu weit.

Gott ist größer als wir es uns ausdenken können – auch in seiner Barmherzigkeit und zwar zu allen Menschen.

Das Gleichnis vom Gutsherrn und den Tagelöhnern möchte uns daran erinnern. Und es sollte ja auch uns ein Zeichen der Hoffnung sein. Denn die Großzügigkeit Gottes gilt ebenso auch uns. Von seinem Erbarmen leben wir alle – jeden Tag neu. Das nennen wir zu Recht eine Frohe Botschaft, ein Evangelium unseres Herrn Jesus Christus, wie wir es jeden Sonntag hören – und worauf wir jedes Mal antworten: Lob sei Dir Christus!

Dieses Lob ist unsere angemessene Antwort auf Gottes entgegenkommende Liebe. Wer darin treu bleibt, trägt dazu bei, dass christliche Gemeinden entstehen und nicht nur auf dem Papier stehen.

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