Wenn das Leben Wunden schlägt …

Predigt bei der Dekanats-Friedenswallfahrt zum Osterbrünnl bei Ruhmannsfelden
am 18. September 2011

(Lesung: Jak 5,13-16 – Evangelium: Mk 3,1-5)

Es ist nicht einfach, über Wunden, die das Leben schlägt, zu predigen. Da weckt man ja die Erwartung, Wege aus dem Elend zu kennen. Wir können auch das Evangelium von der Heilung des Mannes mit der verkrüppelten Hand nicht ganz unbefangen lesen. Denn viele Menschen fragen sich: warum wurde dieser Mann gesund – und warum werde ich es nicht?

Ich kann auch nicht wissen, ob sich unter uns nicht jemand befindet, dem es z.Zt. nicht gut geht, der vielleicht an einer Krankheit leidet oder seelischen Kummer hat.

Was versteht denn ein Gesunder von Krankheit, ein Glücklicher vom Unglück? Nicht viel mehr als ein blindes Huhn vom Korn! „Du verstehst mich nicht“, klagen Kranke gegenüber ihren Angehörigen, wenn diese mit wohlmeinenden Ratschlägen daherkommen.

Schwer ist es für uns alle, körperliche Krankheiten und seelische Leiden zu verstehen und anzunehmen. Was nützen da noch so viele gute Worte aus der Hl. Schrift – wie etwa auch der Text der Lesung aus dem Jakobusbrief, der den Eindruck hinterlässt, ein Priester könne allen Kranken Heilung bringen, wenn er nur alles richtig macht.

Ist es dann angesichts so vieler Wunden, die das Lebern schlägt, nicht besser, einfach zu schweigen? Macht nicht Leid oft genug sprachlos? „Wer weiß, der redet nicht – und wer redet, der weiß nicht!“, heißt ein Sprichwort aus dem Osten.

Aber wir kommen ohne Deutungen nicht aus. Krankheit und Leiden drängen ins Wort. Wir müssen über unsere Nöte und Bedrängnisse sprechen, um sie besser ertragen zu können.

So sagen wir z.B.
Krankheit und Leid seien:

  • ein Verhängnis
  • ein Schicksal
  • eine Prüfung
  • eine Strafe Gottes
  • eine Chance zum Nachdenken

Zum Leben gehöre das Auf und Ab, das Hin und Her, Tag und Nacht, Dunkel und Licht.  Irgendwie ist es immer weiter gegangen, sagen wir. Und niemand kann den Wechselfällen des Lebens entrinnen. Wir erleben Zeiten, in denen es uns gut geht, wo wir uns gesund fühlen an Leib und Seele. Dann kippt das Ganze um – oft ohne ersichtlichen Grund. Wir fühlen uns schwach, sind auf fremde Hilfe angewiesen, haben Schmerzen – wir sagen: es geht mir nicht gut. Ich bin krank geworden. Oder wir verstummen und reden ungern über rätselhafte Empfindungen im eigenen Seelenhaus, über seltsame Träume, Ängste und Seelenlähmungen.

Der Wiener Arzt und Psychotherapeut Viktor Emil Frankl hat deshalb die Krankheit zu den drei tragischen Widerfahrnissen des Lebens gezählt.

Er nennt:

– das Schuldigwerden,

– die Krankheit

– und den Tod.

Niemand könne diesen drei Widerfahrnissen entrinnen.

Dennoch halten wir alle das Ideal der Gesundheit hoch und trachten unermüdlich nach Glück – ein Leben lang. Hauptsache Gesundheit, ist ein geflügeltes Wort.

Wer der Frage nach Krankheit und Leid in der Welt auf den Grund gehen will, wird sich mit eine befriedigenden Antwort schwer tun. Viele große Theologen haben sich schon damit auseinandergesetzt und keine für alle akzeptable Erklärung gefunden. Am Ende des anstrengenden Denkens steht meistens der Satz: „Es ist alles ein rätselhaftes Geheimnis.“

Dass Krankheiten und Leiden eine Strafe Gottes seien, diesen sog. Schuld-Ergehens-Zusammenhang, konnte die Bibelwissenschaft Gott sei Dank widerlegen. Jesus selbst klärt seine Jünger auf. Als sie ihn bei der Begegnung mit einem Blindgeborenen fragen: „Wer ist Schuld daran, dass dieser Mann blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich geladen oder seine Eltern, antwortet er: „Weder noch“  „Vielmehr soll an ihm die Macht Gottes sichtbar werden“.

Diese Krankheit hatte einen anderen Sinn. Gottes Größe sollte an diesem Armen offenbar werden.

Aber noch einmal gefragt: können wir uns mit so rätselhaften Antworten zufrieden geben? Bleibt uns wirklich keine andere Wahl, als die Flucht in Weltschmerz und Melancholie unter dem Motto: „Da kannst Du sowieso nichts machen. Das ist dir aufgesetzt. Du kannst nur darauf warten, dass vielleicht noch ein Wunder geschieht!“

Gibt es nicht noch andere Antworten auf die Frage, wie wir mit den Wunden, die das Leben schlägt, besser umgehen können?

Im Buch der Prediger findet man ungewöhnliche Lebensweisheiten. Da kann man z.B. folgendes lesen: „Also: Iß freudig dein Brot, und trink vergnügt deinen Wein; denn das, was du tust, hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel.

Trag jederzeit frische Kleider, und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt. Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch, die er dir unter der Sonne geschenkt hat, alle deine Tage voll Windhauch. Denn das ist dein Anteil am Leben und an dem Besitz, für den du dich unter der Sonne anstrengst“ (Kohelet 9,7-9)

Da werden die hellen und schönen Seiten im Leben beschworen. Eine positive und optimistische Lebenseinstellung wird empfohlen. Frankl nennt das die „Trotzmacht des Geistes“.

Christen dürfen außerdem daran glauben, dass Gott im Leben eines jeden Menschen und in den Ereignissen der Welt nicht nur „die Hand im Spiel, sondern auch das Spiel in der Hand hat“.

Christen kennen die Rede von der Göttlichen Vorsehung, von seinem unbegreiflichen Ratschluss, nach dem alles dann doch gut ausgeht. Sie halten an diesem Glauben fest, obwohl sie manchmal kopfschüttelnd sagen werden: „Warum dann gerade ich? Wozu dieses Elend und diese unbeschreibliche Not in der Welt?“

Charles Pèguy hat einmal kühn behauptet: „Die Ereignisse, sagt Gott, das bin ich“. Und der Hl. Ignatius von Loyola provoziert noch mehr, wenn er sagt: „Gott umarmt dich – durch die Wirklichkeit“.

Wo es also um die Heilung von Wunden geht, kann Gott nicht unbeteiligt draußen stehen. Wir holen ihn allein schon durch unsere Fragen ins Schicksalsboot. Die Art und Weise, wie Gott auf Krankheit und Leid antwortet, ist anders als wir es uns vorstellen. Gott nimmt das Leid nicht einfach weg, sondern er nimmt Anteil an unserem Leid. Er wird selber der Mit-Leidende.

Wie ist das zu verstehen?

Im Mittelalter, als die medizinische Kunst noch nicht so wirkungsvoll heilen konnte wie heute, hat man die Kranken nach ihrer Aufnahme in ein Hospital zuallererst in einen Raum gelegt, in dem ein großes Kreuz zu sehen war. Heute nennen wir solche Räume Notaufnahme oder Intensivstationen. Da sieht man nicht immer ein Kreuz, dafür aber allerhand technisches Gerät für eine notwendige und effiziente Erstversorgung, Gott sei Dank.

Damals gab es das noch nicht. Der Kranke damals hatte neben der fürsorglichen Nähe von Pflegern und Schwestern nur das Bild des leidenden Jesus am Kreuz vor Augen. Diese seltsame „Erstversorgung“ aber hatte eine erstaunliche Wirkung. Der Kranke konnte im Bild sehen, dass er in seinem Leid nicht allein war. Das Leiden eines „bedeutsamen Anderen“, das Leiden Christi, wurde ihm vor Augen gestellt.

Beim Propheten Jesaja lesen wir folgende Sätze:

„Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch … zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,3-5)

Solche Worte, die sich auf den gekreuzigten Jesus beziehen, hatten eine Langzeitwirkung – wie eine heilende Depotspritze. Der Kranke konnte sich mit dem leidenden Christus identifizieren. Es war auch üblich, ein kleines Abbild des Gekreuzigten zu berühren. Unsere frühere Praxis, einem Sterbenden ein Kreuz in die Hand zu geben, erinnert noch daran.

Natürlich ging von dieser symbolischen Nähe des mitleidenden Christus keine magische Wirkung aus. Aber wir wissen, dass Solidarität im Leiden trösten kann. Der Christus am Kreuz in der Würzburger Neumünsterkirche scheint dem Betrachter zuzuraunen: „Schau her, ich stecke in deiner Haut!“

Heilsame Erfahrungen lassen sich allerdings nicht einfach nur durch Bilder und gut gewählte Trostworte vermitteln. Sie bedürfen der menschlichen Gebärde. In einem Kirchenlied heißt es in der fünften Strophe sehr schön: „Seht, Gottes Zelt auf Erden, verborgen ist er da. In menschlichen Gebärden ist der dem Menschen nah!“.

Menschliche Gebärden sind gefragt. Vor allem zwei Weisen der Zuwendung sind für eine Kultur des heilenden Miteinanders wichtig:

Das Hinschauen und das Berühren.

Der Psychologe Heinz Kohut hat in seinen Forschungen über die frühkindliche Entwicklung vom Glanz im Auge der Mutter gesprochen. Er beschreibt eine Urszene zwischen Mutter und Kind. Die Mutter neigt sich mit leuchtenden Augen und frohen Gesten über das Kind, das nach kurzer Zeit zu strampeln und zu lächeln beginnt und ganz aufgeweckt wirkt. Seelische Reifung und seelische Heilung geschieht dadurch, dass man angeschaut wird, dass uns jemand eines Blickes würdigt und sich nicht von uns abgewendet. Das Gegenteil kennen wir alle. Nicht selten klagen Menschen, dass sie in unserer kalten Welt übersehen werden. „Der Chef, der schaut mich nie an. Für den bin ich wie Luft“.

Dass wir ohne spürbare Nähe eines liebenden Menschen nicht heil werden, ist nachgewiesen. Die neue Fachrichtung der Palliativmedizin hat es erkannt. Wie man mich anrührt, das ist die entscheidende Frage. Sie entscheidet über Zufriedenheit, Glück oder Schmerz und Leid. Pflegende und Ärzte kennen den Unterschied zwischen Befund und Befindlichkeit. Es gibt Menschen, die trotz eines schlechten Befundes zufrieden sind.

Von der Hospizbewegung haben wir gelernt, dass ein letzter tröstender Dienst die Berührung mit der Hand ist. Die Haut hat ein Gedächtnis. Als Kinder haben wir erlebt, dass sich uns eine helfende Hand entgegenstreckte, als wir Angst hatten: „Komm her, lass dich führen“.

„Der Glaube“, so sagte der verstorbene Pfarrer Heinrich Pera, der als erster in Halle in der damaligen DDR ein Hospiz gegründet hatte: „geht über die Haut unter die Haut“. In vielen biblischen Bildern sehen wir Jesus, wie er den Armen, Kranken die rettende Hand entgegenstreckt.

Hinschauen und Berühren – das also wären heilsame Erfahrungen, die nicht viel kosten, die wir als Christen einander schenken könnten – das wäre ein Rezept gegen die Wunden, die das Leben schlägt.

Jesus Christus, der von Gott in unsere kranke Welt Gesandte, kam nicht als interessierter Besucher oder neugieriger Betrachter menschlicher Schicksalswege, der die Schöpfung mal so nebenbei begutachten will, sondern er kam als der verheißene Retter und Heiland zu den Menschen. Er wollte zeigen, was schon im Alten Testament erahnt und ausgesprochen worden war: „Ich, Jahwe, bin Dein Arzt“ (Ex 15,26).

Dass wir Gottes heilende Nähe nur selten direkt erfahren, bleibt ein Rätsel und liegt möglicherweise auch an unserem schwachen Glauben. Wir blicken zu kurz, überblicken das Ganze nicht. Der Mundartdichter Ludwig Somagne hat es so ausgedrückt. „Wir glauben, was wir sehen. Was wir nicht sehen – nicht zu glauben!“.

Es gibt also mehr zwischen Himmel und Erde, als wir mit unseren Sinnen erfassen können. Es gibt den rettenden und Heil schaffenden Gott für uns.

Einen billigen Trost im Blick auf Krankheit, Leiden und Tod gibt es nicht. Wir können aber auf Jesus schauen und vielleicht von ihm lernen, dass die Zonen des Leidens, die Passagen der Krankheit und des Todes begehbar sind. Dann mag der eine oder andere zu dem Schluss kommen: „Die Tatsachen sind zwar geblieben. Doch in mir ist alles anders geworden!

Jesu Worte sind keine leeren Worte. Wer ihm nachfolgt – und das heißt konkret: wer hinter ihm, dem Kreuz tragenden, her geht, wird durch Leiden und Kreuz hindurch zum Leben kommen.

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