Vom Reden und Tun

Predigt am 26. Sonntag im Jahreskreis, 25. September  2011

Lesungen: Ez 18,25-28 – Phil. 2,1-11 / Mt 21,28-32

Alle liturgischen Texte (hier)


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„Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr“, sagt Jesus den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes. Man muß einmal diesen Satz auf sich wirken lassen – er ist ja auch uns gesagt.

Aus dem Zusammenhang gerissen wäre dieses Wort Jesu mißverständlich und erweckte den Eindruck, Jesus würde gegen alles moralische Empfinden behaupten: Gott bevorzugt die Bösen und die Guten interessieren ihn nicht.

Die vorausgehende Erzählung von den zwei Söhnen gibt Aufschluß: da wird nämlich unterschieden zwischen Reden und Tun, zwischen Gesinnung und Tat.

Der eine Sohn beantwortet die Bitte des Vaters, in seinem Weinberg zu arbeiten, mit einem klaren JA, geht aber dann doch nicht zur Arbeit. Er handelt anders als seine ausdrückliche Gesinnung erwarten läßt.

Der andere Sohn antwortet mit einem klaren NEIN. Später aber ändert er seine Gesinnung und geht doch ans Werk.

Für Jesus ist es wichtig, daß wir uns einerseits „beim Wort nehmen lassen“, also auch tun, was wir sagen. Andererseits aber legt er offenbar mehr Wert auf das Handeln als auf das Reden: Nicht wer Herr Herr sagt, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, sagt er an anderer Stelle.

Halten wir beides noch eine Weile auseinander, Gesinnung und Tat und werfen wir einen Blick auf unser eigenes Leben.

Auch wir erleben uns manchmal recht zwiespältig. Nicht immer ist das, was wir denken und reden ganz identisch mit dem, was wir dann auch tun. Zwei Seelen wohnen in unserer Brust. Mit unserer guten Absicht und Gesinnung sind wir oft meilenweit voraus und merken erst später, daß wir uns überfordert haben, daß wir mit unserem Tun nicht nachkommen, sondern kläglich versagen. Dieses schöne deutsche Wort ver-sagen trifft die Sache gut: das Sagen, also das Reden, verunglückt und wird nicht zur Tat. Was herauskommt, ist geringer, als was angekündigt wurde. Wenn der Unterschied zwischen Reden und Tun bei einem Menschen besonders drastisch ist, nennen wir ihn einen Sprücheklopfer und Schwätzer.

Noch einmal: Jesus geht es vor allem um das Tun, das freilich einer ganz bestimmten Gesinnung, einem ganz bestimmten Denken entspricht.

Wer nun wissen will, wie diese gute Gesinnung aussieht, kann in der heutigen Lesung aus dem Philipperbrief fündig werden. Darin bittet Paulus seine Gemeinde: „Seid so gesinnt, wie es dem Leben in Christus entspricht“. Er stellt uns also Jesus als Maßstab vor Augen. Im folgenden Hymnus wird das genauer entfaltet: Christus, der Gott gleich war, hat sich darauf nichts einbildete, sondern ist herabgestiegen auf unser Niveau, wurde wie ein Sklave, also wie einer der geringsten unter den Menschen.

Wie hätte Gott uns auch erreichen können, wenn er sich nicht zu uns herabgebeugt hätte. Wir konnten und können auch heute nicht aus eigener Kraft zu ihm hinauf. Aus den Niederungen unserer menschlichen Armut können wir uns nicht aus eigener Kraft erheben. Wir können es allenfalls in unseren Wünschen und Bestrebungen: und wer von uns möchte nicht doch groß sein!

Genau in diesem Bestreben aber liegt eine Gefahr, die Gefahr der Anmaßung und des Stolzes. Der Mensch will sein wie Gott – und ist doch nur ein Mensch. Des Menschen Gesinnung und sein Streben wachsen in den Himmel. Seine Möglichkeiten aber bleiben gering – eben menschlich unvollkommen.

Genau umgekehrt aber verhält sich Gott in Jesus Christus. Seine Gesinnung und sein Bestreben ist es, uns Menschen gleich zu werden, also herabzusteigen in unsere Niedrigkeit. Und seine Tat der Menschwerdung in die darin eingeschlossenen Möglichkeiten sind groß – eben göttlich groß. Deshalb ist er den Zeitgenossen auch in lebhafter Erinnerung geblieben als einer, das ganz anders redet und der Taten vollbringt, die kein Mensch vollbringen kann.

Ich denke, wir werden immer wieder die Nähe und Freundschaft Jesu suchen müssen und mit unseren begrenzten Möglichkeiten so gut wie möglich handeln. Wer stolz von sich denkt und handelt, überfordert sich und stürzt ab. Wer aber demütig und in bescheidener Gesinnung sein Möglichstes tut, ist dem Reich Gottes nahe.

Aus der Schulzeit weiß ich noch, wie wir beim Bruchrechnen verfahren mußten. Um unterschiedliche Brüche miteinander verrechnen zu können, mußten wir vorher den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ suchen. Manchmal denke ich mir, das müßte so ähnlich auch im Zusammenleben gehen. Wir kämen dann besser miteinander aus, wenn wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könnten: und der heißt:

  • Wir alle sind unvollkommen und bedürfen des Erbarmens Gottes.
  • Und: wir alle sind gleichermaßen von Gott geliebt.

Könnten wir so einander sehen und einander annehmen, wäre uns viel geholfen in unseren täglichen zwischenmenschlichen Nöten.

Wer diesen Weg gehen will, kann es so halten wie der zweite Sohn. Auch wenn dieser anfänglich ablehnend und trotzig war in seiner Gesinnung gegenüber dem Willen des Vaters, so konnte er doch seine Gesinnung ändern und ein neues Verhalten zeigen. Er konnte handeln – in Freiheit – nach dem Gebot der Liebe. Er konnte das Gute tun – in aller Bescheidenheit und Unvollkommenheit.

Gott sieht ins Herz und achtet auf die Hand.

Was wir umsetzen in die Tat, das ist letztlich entscheidend. Und was wir denken, das überlassen wir der hilfreichen Korrektur des hl Geistes. Er möge uns die guten und versöhnlichen Gedanken ins Herz schreiben und die Kraft zur guten Tat schenken.

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