Auf die konkrete Tat der Liebe kommt es an

Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis, 23. Oktober  2011

Lesungen: Ex 22,20-26 / 1 Thess 1,5c-10 / Mt 22,34-40

Alle liturgischen Texte (hier)

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Heute geht es wieder einmal um das wichtigste und erste Gebot: die Liebe zu Gott, verknüpft mit der Liebe zum Nächsten und – nicht zu vergessen – der Liebe zu sich selbst. Wir kennen dieses Grundgesetz christlichen Lebens. Aber der Weg vom Wissen zum Tun ist steil und schwer. Der Grund: es gibt so viele verschiedene Formen, dieser christlichen Lebenskultur Rechnung zu tragen. Zwei davon können wir heute aus den Lesungen erkennen.

Im Buch Exodus ist es vorrangig die Liebe zu den Fremden – und im Brief des Apostels Paulus an die Thessaloniker ist es das Dranbleiben und Nacheifern, das sich aus einer Verbindung mit dem Vorbild, seiner Nachahmung und der Weitergabe des eingeübten Lebensstils ergibt.

Schauen wir das etwas näher an.
Fremd waren die Israeliten in Ägypten, in der Sklaverei des Pharao rechtlos und unterdrückt. Am eigenen Leib haben sie erfahren, wie demütigend es ist, ausgenützt und ausgebeutet zu werden, wie an jeder Ecke der Tod lauert, wie es sich anfühlt, kein sicheres Dach über dem Kopf zu haben, geschweige denn eine vernünftige Kleidung am Leib. Das Klagen gehört da zur täglichen Routine und alles scheint aussichtslos zu sein. Das am eigenen Leib erfahrene Leid wünscht man nicht einmal seinem größten Feind.

Aber die so Preisgegebenen haben Rettung erfahren. Ihr Klageschrei blieb bei Gott nicht unerhört. Sie erfuhren Befreiung und erhielten die Chance zu einem neuen Anfang in einem neuen Land des Lebens nach dem mühsamen Durchzug durch die Wüste.

Deshalb werden die Geretteten immer wieder an ihre Rettungserfahrung erinnert und gleichzeitig ermahnt, sich ihren Mitmenschen – vor allem den Fremden unter ihnen – genauso zuzuwenden, wie ihnen selbst Zuwendung und Hilfe geschenkt worden war. Daraus entstand die alte Volksweisheit: “Was du nicht willst, dann man dir tut, das füg auch keinem anderen zu”. Halten wir fest: Die Liebe erkennt man an der praktischen Tat, an der helfenden Zuwendung – vorrangig zu den Fremden.

Da ist noch viel zu tun. Der heutige Weltmissionssonntag steht unter dem Motto: „Macht euch auf und bringt Frucht“. Mission kann sich also nicht in der bloßen Verkündigung des Evangeliums erschöpfen, sondern ist vor allem praktische und tätige Nächstenliebe. Dabei geht es nicht um Erfolg oder Mißerfolg, sondern um Frucht. Erfolge lassen sich durch Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel erreichen. Sie sind dann das Werk unserer Hände. Eine Frucht aber wächst – manchmal auch ohne unser Zutun. Das Wachsen und Reifen wird zwar durch menschliches Tun befördert, aber da wirken noch ganz andere Kräfte, über die wir nicht verfügen.

Die zweite Form konkreter Liebe hat uns der Apostel Paulus vorgestellt. Es ist das Dranbleiben und Nacheifern –  auch in Bedrängnissen. Wie man in schweren Zeiten durchhalten kann, lässt sich an Vorbildern ablesen. Paulus ist für seine Gemeinden dieses Vorbild. Er scheut sich nicht, über die vielen Nöte und Leiden zu reden, die ihm widerfahren sind und lobt die Thessaloniker, dass sie ihn dennoch – auch wie einen Fremden – aufgenommen haben und seinem Beispiel gefolgt sind. Dieses Dranbleiben und Nacheifern hat in der Geschichte des Christentums eine bekannte Redeweise hervorgebracht: wir sprechen von der Nachfolge Christi. Jesus Christus war der erste, der im Leiden durchgehalten hat und so für uns ein Vorbild geworden ist. Und alle, die ihm nachfolgten, wurden ihrerseits Vorbilder für die Neubekehrten – und so bis zum heutigen Tag.

Das Besondere an dieser Form der Liebe ist die Geduld und der Glaube an Gottes Verheißung einer noch ausstehenden aber sicheren Rettung, sichtbar im Ereignis der Auferstehung Jesu von den Toten. So konnte der Hl. Amborius sagen: “Es ist die Geduld die Vollendung der Liebe”

“Man erzählt überall”, heißt es im Paulusbrief, “welche Aufnahme wir bei euch gefunden haben und wir ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten, Jesus, den er von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht Gottes entreißt” (1 Thess 1,9-10).

Das Durchhalten in schweren Tagen ist nicht selten eine Überforderung für den Menschen. Er schafft es nur, wenn er ein Motiv und ein sicheres Ziel vor Augen hat. „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“, meint Friedrich Nietzsche. Mit anderen Worten hat dies auch Papst Benedikt in seiner zweiten Enzyklika über die Hoffnung ausgedrückt: “Gegenwart, auch mühsame Gegenwart, kann gelebt und angenommen werden, wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn wir dieses Ziels gewiss sein können; wenn dieses Ziel so groß ist, dass es die Anstrengung des Weges rechtfertigt.” (spes salvi, Nr.1).

Der Glaube an diese Wahrheit ist allerdings gefährdet durch vielerlei Einflüsse von außen und von innen. Wir leben nicht mehr in einem geschlossenen und behüteten christlichen Milieu. Auch deshalb wird das Gebet nach dem Vater unser immer wichtiger – und wir sollten es heute einmal mit großer Wachsamkeit beten. Da heißt es: “Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde”. Es heißt nicht vor Sünde und Verwirrung. Die Reihenfolge ist anders und lässt aufhorchen. Die Verwirrung ist heute die größere Gefahr.

Damit wir achtsam und hellhörig bleiben und uns immer wieder neu am Hauptgebot der Liebe ausrichten, feieren wir jeden Sonntag das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung Jesu, erinnern wir uns an sein wohltätiges Leben, seine Bedrängnis und Not bis zum Tod am Kreuz, aber auch an seinen Sieg aus Gottes auferweckender Kraft. In dieser heiligen Versammlung werden wir von Gott mit Mut und Durchhaltekraft beschenkt. Und wir sollten nicht müde werden, diese geschenkte Lebenskraft auch an unsere Mitmenschen weiter zu geben.

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