Die Vision vom letzten Platz

Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis, 30. Oktober  2011

Lesungen: 1 Thess 2,7b-9,14 – 2,2b.8-10 – Mt 23,1-12

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Der letzte Satz des Evangeliums gehört zu den bekanntesten Sätzen Jesu. Wir zitieren ihn gern, wenn wir das Verhalten von Regierenden und Herrschenden in Staat und Kirche kritisieren. Denn stolzes Gehabe und anmaßende Rede geht uns gegen den Strich. Möglichst schnell sollte sich das Wort Jesu erfüllen: “Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden”. Und die Geschichte lehrt es ja auch: es geschieht tatsächlich immer wieder; keiner der Großen konnte seinen Thron für immer behalten. Irgendwann mußten sie alle abtreten. Erst vor wenigen Tagen hörten wird vom tragische Ende eines stolzen Herrschers in Libyen.

Radikale Sozialreformer wollten deshalb gleich alle Unterschiede abschaffen und die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewaltsam durchsetzen. Allerdings sind diese Versuche nie geglückt. Das Ende war dann doch nur ein Herrschaftswechsel. Die neuen Herren benahmen sich so wie die alten. Selbst die Ablösung von Monarchien und Diktaturen durch die Demokratie brachte nicht immer eine bessere Lebensqualität für das Volk. Auch Demokratien haben die alten sozialen Rollenspiele beibehalten. Rangunterschiede blieben bestehen, ein Oben und ein Unten, Vorgesetzte und Untergebene – früher Untertanen genannt- gibt es bis heute. Die Kriegserklärung des Österreichischen Kaiser 1914 eröffnete er mit der Anrede: „An meine Völker…“ – als ob sie das persönliche Eigentum des Kaisers wären.

Offenbar widerspircht es unserem natürlichen Empfinden, dass ein Großer zugleich ein Diener sein soll. Wir erweisen den Großen immer besondere Ehren, reservieren ihnen die ersten Plätze und begrüßen sie ausdrücklich bei Versammlungen. Der Mensch scheint auf solche Ordnungen im Zusammenleben angewiesen zu sein.

Auch in der Kirche wird der Papst, der als oberster Hirte den offiziellen Namen “Diener der Diener Christi” trägt, mit allerhöchsten Ehrentiteln begrüßt: Heiligkeit, Heiliger Vater, usw. Die Diplomatie will es so. Was soll man dann vom Wort Jesu halten: „Ihr sollt niemand auf Erden euren Vater nennen: denn nur einer ist euer Vater…“. War Jesus vielleicht doch ein Sozialromantiker, der die Grundbedürfnisse der Menschen gar nicht kannte?

Wir verstehen seine Worte besser, wenn wir sie im Kontext seiner Zeit lesen. Die damaligen religiösen Führer, die Tempelpriesterschaft vor allem, aber auch andere Rollenträger im Gottesvolk Israel, standen tatsächlich in der Gefahr, ihr Amt zu mißbrauchen, die einfachen Leute durch strenge Normen und Regeln klein und unmündig zu halten. Unterweisung war weithin Bevormundung und Manipulation, nicht die Förderung der freien Persönlichkeit. Gott wurde ihnen als „Gott der Einschüchterung“ vorgestellt.

Weil Jesus den Menschen und seine innersten Regungen kannte, gab er seinem Jüngerkreis eine andere Vision mit auf den Weg. Er wollte ihnen die Augen öffnen für die Gefährdungen im Zusammenleben der Menschen. Er hat sie darauf aufmerksam gemacht, dass auch in einem religiösen Umfeld die Hauptsache vergessen werden kann. Man kann äußerlich fromm sein – und doch gottvergessen leben. Jesus, der von Gott gesandte Retter, verkündete deshalb eine Abkehr vom bisherigen Lebensstil, eine Umkehr zu einem anderen Denken. Wo Gottes Herrschaft anerkannt wird, ändern sich auch die sozialen Verhältnisse. Dann können sich die Menschen wieder auf einen gemeinsamen Sammelpunkt hin ausrichten – wie die Eisenfeilspäne sich nach einem Magneten ordnen. Es entsteht eine neue soziale Ordnung, in der die Unterschiede zweitrangig werden, weil Gott den Vorrang vor allem erhält. “Hat nicht der eine Gott uns alle erschaffen? Haben wir nicht alle denselben Vater?”, mahnt schon der Prophet Micha seine Landsleute zum Umdenken.

Die Rollenspiele verändern sich gewaltig, wenn man Jesu Wort in die Tat umsetzt: “Lasst euch nicht Rabbi nennen. Denn nur einer ist euer Meister! Ihr alle aber seid Brüder.”

Jesus war kein Sozialrevolutionär, sondern ein Revolutionär der Herzen. Er wollte, dass sich unsere Gesinnung ändert. Innerhalb unserer sozialen Rollen sollten wir zum wahren Menschschein unter den Augen Gottes zurückfinden. Und das ist immer möglich. Es gibt sie nämlich auch heute noch: die bescheidenen und demütigen Großen in Kirche und Gesellschaft, auch wenn wir sie oft übersehen. Sie sind unsere Vorbilder wie Jesus selbst Vorbild war. Die alles überbietende Geste der Fußwaschung im Abendmahlssaal ist historisch ein einmaliger Vorgang – ein Muster- und Lehrbespiel für uns alle.

Die Kritik Jesu am Verhalten der damaligen religiösen Führer gilt aber auch uns. Denn in uns allen steckt ein kleiner Gernegroß. Wenn man es weiß und anerkennt, kann man damit liebevoll umgehen. Man wird dann seine soziale Stellung nicht stolz und anmaßend mißbrauchen.

Der ehemalige Erzabt von St. Bonifaz in München und Andechs Odilo Lechner, einer der bescheidenen Großen in der Kath. Kirche,  erzählte einmal schmunzelnd bei einem Vortrag, wie ihm manchmal zumute ist, wenn er in eine bedeutsame Versammlung zu spät kommt und sich dann auf einen noch freien Platz ganz hinten niederlässt. Eigentlich ist das so gut für ihn. Und doch, so merkte er an, überkäme ihm dann manchmal der Gedanke, warum jetzt nicht einer aus der Versammlung aufspringt, zu ihm eilt und ihn nach vorne bittet. So sind wir alle. Wir wollen gesehen werden. Wir suchen und brauchen Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Die Botschaft Jesu beinhaltet aber genau dies: vor jeder menschlichen Anerkennung ist es Gott, der uns anschaut und uns Ansehen verleiht – und zwar unabhängig von unserer sozialen Rolle – sondern einfach deshalb, weil er uns als seine Geschöpfe bedingunslos liebt.

Der hl. Paulus hat immer wieder an diese menschenfreundliche Haltung Gottes erinnert. In seinem ersten Brief an die Thessalonicher um das Jahr 50 n.Chr. bekundet er seine Zuneigung zu den Menschen im Bild der sorgenden Mutter. Das Besondere in diesem Brief ist sein Bekenntnis, er habe ihnen nicht nur das Evangelium verkündet, sondern sie auch an seinem Leben teilhaben lassen. Teilnehmen und Teilgeben verbindet und baut die sozialen Schranken ab. Das Evangelium ist vor allem Leben und Tat, nicht vorrangig Herrschaftswissen, Lehre und Gesetz.

Den letzten Platz einzunehmen, den eines dienenden und hilfbereiten Menschen, das ist gar nicht so schwer. Man muss nur einfach einmal damit beginnen.

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