Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag!

Predigt am Fest Allerheiligen – 01. November 2011

Lesungen: Offb 7,2-4.9-14 / 1 Joh 3,1-3 / Mt 5,1-12a

Alle liturgischen Texte (hier)

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Kirchliche Feiertage sind in Deutschland sehr beliebt. In den jährlichen Tarifverhandlungen wird oft hart um ihren Bestand gerungen; und in keinem Bundesland konnten so viele Feiertage gesetzlich gesichert werden wie in Bayern. Im Norden Deutschlands  ist heute ein ganz normaler Arbeitstag. Auch wenn man sich bei diesen Verhandlungen auf christliches Brauchtum beruft, liegen doch die Gründe für den Kampf um die kirchlichen Feiertage anderswo. Es geht darum, einen weiteren arbeitsfreien Tag zu gewinnen. Die Menschen wollen heraus aus den fremdbestimmten anstrengenden Arbeitszeiten, um ihren persönlichen Interessen nachgehen zu können:  ein längst fälliger Ausflug, ein sportliches Ereignis, ein Familienfest, Kultur, endlich mal wieder das Auto waschen oder im Internet surfen. – Vieles, wozu sonst keine Zeit ist, kann an einem Feiertag erledigt werden.

Wer einmal an einem Sonn- oder Feiertag auf dem Bahnhof zu tun hat, wird sich wundern, wie viele Menschen unterwegs sind: von Ruhe und Besinnung ist da nichts zu spüren, ganz zu schweigen vom Besuch eines Gottesdienstes. Die Zahl  derer, die einen kirchlichen Feiertag auch als religiöses Ereignis würdigen, ist klein geworden.

Auch das Fest Allerheiligen hat seinen tiefen Sinn verloren. Vorrang hat in den ersten Novembertagen das Totengedenken auf den Friedhöfen, die aufwändig geschmückten Gräber, der Verwandtenbesuch, das Sehen und Gesehenwerden in der Öffentlichkeit. Es ist nicht einfach, das Fest der Heiligen von innen her zu verstehen und als Anregung und Hilfe für das eigene Leben als Christ zu erschließen.

Versuchen wir es mit einem Bild.  An Allerheiligen lesen wir gleichsam in einem göttlichen Zukunftsroman.

Zukunftsromane bedienen die  Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen. Sie bringen den „Stoff, aus dem die Träume sind“, ins Wort. Man kann ohne Verzerrung des Festes Allerheiligen sagen, dass hier auch die alten Fragen der Menschheit beantwortet werden: was einmal sein wird, wie die Vollendung der buckligen Welt aussieht, wie das letzte Kapitel der tragischen Menschheitsgeschichte und das eines jeden von uns gelesen werden kann.

Eigentlich könnten wir ja heute einander zum Namenstag gratulieren. „Aber ich bin doch kein Heiliger“, würden die Bedachten einwenden. „Du irrst“, müsste man ihnen entgegnen. Denn Heiligkeit ist nicht das Ergebnis moralischer Leistungen und langer aszetischer Übungen, sondern  das unverdiente Geschenk der freien Erwählung Gottes. Der hl. Paulus nennt die Christen die „Auserwählten Gottes“, die „Hausgenossen Gottes“. In der zweiten Lesung aus dem 1. Johannesbrief heißt es:  „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: wir heißen Kinder Gottes und wir sind es“.

Wer dieses Evangelium von der Gnade Gottes, diese Frohbotschaft, annimmt: wie sollte er nicht Anteil haben an Gottes Heiligkeit?

Und dann setzt Paulus im letzten Kapitel des „Zukunftsromans“ an, der kein Roman mehr ist, sondern Wirklichkeit, zwar noch verhüllt, aber wirkmächtig da: „Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen aber, dass wir ihm ähnlich sein werden. (…) Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie ER, der Herr, heilig ist“.

In den acht Seligpreisungen des Evangeliums wird diese Zukunftsvision noch einmal bekräftigt:

– sie werden getröstet werden
– sie werden satt werden
– sie werden Erbarmen finden
– sie werden Gott schauen…

Alles, was das hungrige Menschenherz ersehnt, wird Gott zu seiner Zeit erfüllen. In seiner Macht liegt es, alles zu vollenden. Wider alle Enttäuschung gilt es, daran festzuhalten. Auch die bittere Erfahrung, dass Gott anscheinend Gebete nicht erhört, kann mit Geduld und Gelassenheit angenommen werden. Er erhört zwar nicht alle unsere Gebete, aber er erfüllt alle seine Verheißungen.

Zwischen den Verheißungen Gottes und den Versprechen der weltlichen Herrscher gibt es allerdings einen erheblichen Unterschied. Den Verheißungen Gottes möchte ich trauen, gegenüber den Ankündigungen von Menschen bewahre ich mir eine gesunde Skepsis.

Gott steht zu seinem Wort – und das gilt nun auch für unsere Verstorbenen. 1968 starb Romano Guardini, ein großer Theologe. Er verstand es, schwierige theologische Sachverhalte ins Wort zu bringen. Einige Sätze  zum Allerheiligenfest füge ich hier an:

„Die im Namen Christi sterben, gehen nicht ins Wesenlose, sondern in die Fülle heiliger Wirklichkeit ein. Das unmittelbare Gefühl meint zwar, die Toten würden schattenhaft, es wendet sich von ihnen ab und sucht das warme Licht der irdischen Sonne; oder es glaubt, die Toten bekämen eine unheimliche, zerstörende Macht zu spüren und sucht sich davor zu schützen. Diese Empfindungen werden aber im Glauben überwunden. Er sagt uns, dass die in der Gnade Heimgegangenen zur „Herrlichkeit der Kinder Gottes“ und zu reiner Vollendung ihres Wesens im ewigen Lichte gelangen“. Romano Guardini lädt deshalb auch ein, die Heiligen als Fürbitter anzurufen. Die „Allerheiligenlitanai“ nimmt bis heute einen besonderen Platz in der Liturgie ein. Die Freunde Gottes sind unsere Fürsprecher. Sie sind uns voraus und bleiben unsere Wegweiser und Vorbilder.

Liegt es da nicht nahe, mit jenen Menschen, die während ihres irdischen Lebens  Zeugen göttlicher Liebe und Macht waren, Kontakt aufzunehmen, sich mit ihnen anzufreunden? Das ist ja gute christliche Tradition. Wir freuen uns über ihre Vollendung als „Freunde Gottes“, wodurch sie zugleich uns zu Freunden geworden sind. Heiligenverehrung ist also nicht deren Anbetung. Die gebührt Gott allein. Sie ist staunende und hoffende Verbindung zu allen, die schon dort sind, wohin wir noch pilgern.

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