Wie schnell die Zeit vergeht …

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis, 06. November 2011

Lesungen: Weish 6,12-16 – 1 Thess 4,13-14 – Mt 25,1-13

Alle liturgischen Texte (hier)

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Im November werden wir häufiger als sonst an unsere Endlichkeit erinnert: der Reformationstag, Allerheiligen und Allerseelen, der Totensonntag, aber auch die kürzer werdenden Tage mit ihrer herbstlichen Stimmung legen das nahe. In drei Wochen ist schon wieder der erste Advent. Wie schnell doch die Zeit vergeht!

Wir versuchen, diesem Gefühl zu entrinnen, indem wir die Vergangenheit beschwören, uns an den schönen Erinnerungen festhalten – oder dass wir mit Plänen und Wünschen in die Zukunft greifen. Aber der Alltag holt uns immer wieder ein und gerade das heutige Evangelium mahnt zur Wachsamkeit: „Ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ sagt Jesus im Gleichnis von den törichten und klugen Jungfrauen.

Was meint er damit? Nichts anderes, als dass sich die Zeit einmal erfüllen wird, dass sie zu Ende gehen wird – unsere biologische Lebenszeit und die Weltzeit mit der endgültigen Offenbarung des Neuen Himmels und der neuen Erde.

Zeit ist also nichts, was man unentwegt nur verbrauchen kann. Darum empfehlen die Weisheitslehren, mit der Zeit gewissenhaft umzugehen. „Nütze den Tag“, heißt ein Sprichwort. Oder: „Füg den Jahren Leben hinzu, nicht dem Leben Jahre“. Nicht auf ein langes Leben kommt es also an, sondern auf die Dichte des Lebens. Denn unsere Tage sind gezählt.  „Unser Leben“, so betet der Psalmist, „währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig“ (Psalm 90,10). Auch wenn unsere Generation eine nie dagewesene hohe Lebenserwartung hat, unser Leben uns hat die ihm zugemessene Grenze.

Was dann gewesen sein wird, bestimmen wir hauptsächlich in der Gegenwart, im Hier und Heute – im gegenwärtigen Augenblick. Und den gilt es nicht zu verschlafen.

Wachsamkeit müssen wir lernen. Man lernt sie von den Menschen, die von Berufs wegen wachen müssen: die Feuerwehrleute, die Not- und Rettungsdienste, die Krankenschwestern und Ärzte, die Sicherheitsbeamten in Polizei und Militär.

Jesus erzählt von einer Hochzeit, zu der der Bräutigam von vielen Gefährtinnen zur Braut begleitet werden soll. Sie warten auf sein Kommen – und lange müssen sie warten. Mitten in der Nacht aber spricht es sich herum: der Bräutigam kommt. Jetzt ist keine Zeit mehr für aufwändige Vorbereitungen. Jetzt, im Augenblick, müssen sie für den festlichen Hochzeitszug aufbruchbereit sein. Und nur einige sind es; die nämlich, die schon vorher mit einer Verzögerung gerechnet und vorgesorgt haben für Öl in ihren Lampen.

Wie immer wir dieses Gleichnis deuten, zu lernen wäre die Achtsamkeit und die Wachsamkeit. Nicht zu lernen wäre der Leichtsinn und das sich Vertrösten – unter dem Motto, es ändert sich sowieso nichts, jeden Tag das Gleiche, nichts Neues unter der Sonne. Man könne getrost so weiterleben, wie bisher.

Das Weiterleben wie bisher war aber nie ein Thema der Botschaft Jesu. Ganz im Gegenteil. Jesus kam, um alles zu verändern, alles zum Besseren zu führen, der Herrschaft Gottes Raum zu schaffen. Deshalb predigte er Veränderung und Umkehr. Und alle nach ihm tun es auch. Paulus z.B., wenn er sagt: Wandelt euch, durch ein neues Denken. Gleicht euch nicht dieser Welt an (vgl. Rom 12,2).

Wie das gehen soll, so fragen wir? In der ersten Lesung finden wir eine Antwort. Das Stichwort heißt „Weisheit“. Sie erscheint in der Gestalt einer Person, die – wie es heißt, umhergeht, „um die zu suchen, die ihrer würdig sind; freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen und kommt jenen entgegen, die an sie denken.“

Weisheit kommt jenen entgegen, die an sie denken. Das wird wohl heißen: Wach auf, dämmere nicht so in den Tag hinein, sondern nutze Deine Begabung zum Nachdenken und Nachsinnen. Schau dich um in der Welt und suche nach den Spuren Gottes. Sie sind da. Nur unsere Augen sind getrübt und verblendet von weltlichem Tand, verstellt von allerlei Vorwänden, angeblichen Wichtigkeiten, an die wir unsere Sorgen kleben.

Wer wachsam, weise und klug leben will, der muss sich für dieses Unternehmen Zeit reservieren – Zeit zum Nachsinnen, zum Meditieren und Beten, zur Sonntagsruhe z.B.

In den Tag hinein zu leben, lohnt nicht. Man lebt dann wie die törichten Jungfrauen. Sie wurden vom Vergehen der Zeit eingeholt. Der weise Mensch beginnt jeden Tag  mit dem suchenden und aufmerksamen Blick. Er sucht Gott, der die Weisheit ist. Auf ihn richtet er seine Aufmerksamkeit und dann geht er los – hinein in das Tagwerk, unbeirrt und treu. Ihn wird keine Überraschung verwirren, keine plötzliche Zeitenwende erschrecken. Denn, was er immer schon gesucht hat, wird sich ihm erschließen und offenbaren, wenn seine Zeit gekommen sein wird.

Wenn der Apostel Paulus seine erste Gemeinde in Thessaloniki an die Verstorbenen erinnert, will er damit genau das erreichen: denk an Dein eigenes Ende – und ängstige Dich nicht: denn Du wirst im Sterben zum Leben verwandelt – so, wie wir es von Jesus Christus gehört haben. Dieser Glaube schenkt  Trauerkraft und Hoffnung – mitten in der Vergänglichkeit unserer Zeit.

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