Wachsam leben – ohne Zeitdruck

Predigt am 33. Sonntag im Jahreskreis, 13. November 2011

Lesungen: Spr 31,10-13.19-20.30-31 /1 Thess 5,1-6 / Mt 25,14-30

Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt auch anhören.

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Der Nichtsnutz und der unentwegt Tätige. – Die tüchtige und die untätige Frau. Der achtsame Mensch und der leichtsinnig  in den Tag hinein lebende. – So einfach scheint die Menschenwelt gestrickt zu sein, wenn wir die Lesungen des heutigen Sonntags nur flüchtig lesen.

Kann das die ganze Wahrheit über den Menschen sein? Müssen wir nicht genauer hinhören, vor allem auf den menschgewordenen Vollender der Offenbarung Gottes, auf Jesus Christus?

Mit dem Ruf „Die Zeit ist erfüllt“ trat  Jesus zum ersten Mal öffentlich auf. Alle andere Worte und Taten stehen unter diesem Programm – auch das heutige Evangelium vom Umgang mit den Talenten in der Zeit des Wartens auf den wiederkehrenden Herrn.

Ein finnischer Sprichwort sagt: „Gott schuf zwar die Zeit, von Eile aber hat er nichts gesagt“. Hat dann der Diener mit dem einen Talent nicht doch richtig gehandelt? Im Wissen um seinen strengen Herrn wollte er doch nur das Anvertraute bewahren und sich nicht unnötig abhetzen Tag für Tag, nur um noch mehr und immer noch mehr zu erwirtschaften, das Geld seines Herrn nur zu vermehren?

Eine Deutung gegen den Strich, weil das Evangelium ja einen ganz anderen Ausgang nimmt. Das anvertraute Kapital soll nicht nur gut aufbewahrt, sondern wenigstens mit Zinsen gut angelegt werden. Besser noch die anderen Diener, die mit den Talenten wirtschaften – also scheinbar rastlos tätig sind.

Einfach ist es nicht, aus den Hl. Schriften ein Rezept für das richtige Verhalten herauszulesen. Denn die Grundmelodie der Offenbarung bleibt erhalten: Paulus hat sie in einem Satz zusammengefasst hat: „Die Gestalt dieser Welt vergeht“. Nicht wisst ihr den Tag noch die Stunde. Es gibt kein Entrinnen. Darum wollen wir nicht schlafen, sondern wach und nüchtern sein.

Wie also sollen wir unser Leben einrichten, damit es lebensfreundlich und lebenswert wird. Wie sollen wir unser Tun und Lassen gestalten, um nicht in Zeitnot zu geraten oder umgekehrt die wichtigste Stunde zu verschlafen.

Es gibt zwei Extreme, die wir vermeiden sollten: das rastlose Tätig sein – und das gleichgültige Dahinleben.

In einem Gedicht des russischen Dichters Jewtuschenko heißt es:
„In Zeitnot geraten, wie in ein Netz, ist der Mensch,
atemlos hetzt er durch sein Leben
und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Ein Fluch des Jahrhunderts ist diese Eile.

Je näher die Advents- und Weihnachtszeit kommt, umso eiliger und unruhiger werden die Menschen.  Ist es das beklemmende Gefühl, nicht fertig zu werden mit den Vorbereitungen? Die Erfahrung  zeigt doch: es ist noch jedes Mal Weihnachten geworden, obwohl ich nicht fertig war. Warum also dieses geschäftige Treiben – dieses rastlose Tun? Wir spüren doch immer wieder, dass uns die Tage und Stunden zwischen den Händen zerrinnen, die Zeit wie im Flug vergeht.

Aber auch das Gegenteil ist uns vertraut: es gibt Tage mit einer schier unendlichen Langeweile. Alles Tun erscheint sinnlos. Dann neigen wir dazu, einfach mal gar nichts mehr zu tun und abzuwarten, was da auf uns zukommt.

Rastlos tätig sein – und Dahindösen ohne Antrieb. Beides entspricht nicht einem christlichen Lebensstil, haben wir festgestellt.

Im Buch der Sprüche wird nun ein Lob auf die tüchtige Frau gesungen. Da ist jemand, der einfach tätig ist – ohne Hast und Eile, wohl aber in ruhiger  Gelassenheit – und, was besonders hervorgehoben wird: sie hat ihre Familie im Blick und die Bedürftigen und Armen in unmittelbarer Nähe, denen sie sozusagen die Hand reichen kann.

Im Brief an die Thessalonicher setzt Paulus einen anderen Schwerpunkt. Mitten im Tätig-sein solle man wach und nüchtern bleiben, solle man jederzeit damit rechnen, dass sich alles über Nacht verändern kann. Der Mensch kann herausgerissen werden – mitten aus seinen Beschäftigungen. Plötzlich und unerwartet sei er gestorben, steht dann in der Todesanzeige.

Wach und nüchtern leben hieße dann, nicht aufzugehen in den täglichen Beschäftigungen, sondern sein Tun zu unterbrechen, um dem Vergehen der Zeit ins Auge zu schauen. Die buddhistische Lebensweisheit unterscheidet scharfsinnig ein Nichtstun von einem nicht Tun! Nichtstun wäre das faule und gleichgültige Herumlungern. Das Nicht Tun meint das gelegentliche Pausieren, die Unterbrechung des Tätigseins für Muße und Ruhe – oder wie heute am Sonntag für den Gottesdienst.

Wir können den Ertrag aus den drei Texten des heutigen Sonntags wie folgt zusammenfassen:
Ich werde nicht so dumm sein, mein Leben auf die berühmte „lange Bank“ zu schieben. Jetzt und im gegenwärtigen Augenblick werde ich so gut es geht leben, meine Talente nicht vergraben, sondern damit arbeiten!

Ich werde auch damit rechnen, dass Gott jederzeit vor meiner Herzenstür stehen und anklopfen kann. Auf ihn zu warten – wie die Diener auf den zurückkehrenden Herrn – heißt, mit seiner Gegenwart jederzeit zu rechnen.

Das wäre dann das „Gehen und Wandeln im Licht“ als Söhne des Tages. Das ist die Wachsamkeit und Nüchternheit, die uns prägen sollte. Dass wir gleichzeitig leben mit Christus, der sich auch in dieser Stunde wieder unter uns gegenwärtig zeigt – in der Feier der Eucharistie.

Wir können gar nicht mehr in Zeitnot geraten, wir sind gerüstet gegen die ansteckende Hetze unserer Tage. Wir können Menschen der Gelassenheit, des Friedens und der besonnenen Ruhe bleiben. Uns läuft nichts mehr davon.  Mit dem Kommen Jesu ist die Zeit erfüllt  und das Reich Gottes nahe – mitten unter uns.

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