Christus, ein anderer König

Predigt am Christkönigssonntag, 20. November 2011

Lesungen: Ez 34,11-12.15-17 / Mt 25,31-44

Alle liturgischen Texte (hier)

[print_link]

Arnold Stadler, ein zeitgenössischer Romanschriftsteller, beklagt sich in einem Interview darüber, dass man heute in der Öffentlichkeit zwar über alles mögliche, auch über Intimes reden könne, nicht aber über Gott. Da mache man sich lächerlich. „Ich hätte mir nichts sehnlicher gewünscht als das: mit einem Menschen über Gott reden zu können“ sagt er.

Eigentlich sollte es für Christen möglich sein, über Gott zu reden, ihn in Spuren und Zeichen des täglichen Lebens zu suchen zu finden. Sie haben doch eine gute Lesehilfe zur Hand, die hl. Schriften der Bibel. Auch in der gottesdienstlichen Versammlung reden Christen von Gott, zwar nicht in Form eines Gesprächs, aber immerhin in der Weise des gemeinsamen Hörens, des Singens und Betens.

Wie aber sieht es im Alltag aus? Kommt Gott da vor? Wir sehen ihn nicht, wie wir andere Menschen sehen – und Häuser und Bäume und die Welt um uns. So, wie wir mit Freunden und Vertrauten reden, können wir nicht mit ihm sprechen. (Don Camillo hatte da seine einmalige und nicht einfach nachzuahmende Form gefunden!) Zudem erfahren wir Gottes oft ersehntes direktes Eingreifen kaum.

Wenn wir heute Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, als den König der Welt und Zeit bekennen, wo spüren wir etwas von seinem Einfluss und seiner Macht? Sind die Wünsche an einen Herrscher und König nicht berechtigt, er möchte doch wenigstens in schlimmen Situationen das Steuer unserer Lebensfahrt zu unseren Gunsten herumreißen? Aber es geht alles so weiter wie bisher – machtlos erfahren wir uns – wie ausgeliefert den Schicksalsmächten dieser Weltzeit.

Das ist unser erster und vordergründiger Eindruck vom Lauf der Dinge: Gott kommt nicht vor in unserem Alltag. Er hat keine Macht wie ein König sie nach unseren Vorstellungen haben sollte. Und dennoch kommt Vieles vor, was mit Gott zu tun hat, was auf ihn und auf sein verborgenes Wirken schließen lässt, wenn wir uns der Mühe des Beobachtens und dem Wagnis des gläubigen Schauens unterziehen. Es braucht eine Schulung der Achtsamkeit, in den naheliegenden Erfahrungen die Spur des gegenwärtigen Gottes, seine sanfte Regierungsgewalt, zu entdecken.

In der hl. Schrift finden wir dafür das Muster. Der Prophet Ezechiel schildert den Alltag eines Hirten. Die Lebensweise des Hirten nimmt er als Bild für die Art und Weise, wie Gott sich einmischt in die Menschenwelt. Freilich ist uns nicht ganz wohl zumute bei dem Gedanken, wir seien nur unmündige Schafe. Doch das ist nicht der Vergleichspunkt der Bibel, sondern der Hirt und sein Verhältnis zur Herde ist es, in dem wir etwas vom Regierungsprogramm Gottes erfahren.

Ein Hirt kümmert sich um verirrte Schafe, bringt sie zurück zur Herde, führt sie auf gute Weide und lässt sie ruhen. Er verbindet die verletzten, sorgt sich um die Schwachen. Das ist sein tägliches Regierungsprogramm, ein Tun voll Hingabe und Wärme, voll Interesse an den Schafen, weil sie zu ihm gehören und weil ihm an den Schafen etwas liegt. Ezechiel meditiert darüber und zieht für sich den Schluss: so ähnlich muß es mit unserem Gott sein. Er ist wie ein guter Hirt. Er kümmert sich um die schwachen Menschen, er geht den verlorenen nach, sorgt sich um die verwundeten, weil ihm an den Menschen etwas liegt, weil sie sein Eigentum sind. Die ostkirchliche Ikone verbindet beides: die königliche Gestalt des Christus mit seiner Sorge um ein verlorenes Schaf, das er auf seinen Schultern heimträgt.

Um Gott zu begreifen, müssen wir auf die Spuren des Guten im Alltag achten und von diesen Spuren des Guten auf den Guten schließen. So lernen wir Gott erfahren und begreifen.

Nicht anders ist der Weg, den das Gerichtsgleichnis im Evangelium nach Matthäus geht. Ein alltäglicher Vorgang aus dem Nomadenleben dient als Bild. Gelegentlich muss der Hirt seine Herde neu ordnen. Die Herden in Israel sind Mischherden: weiße Schafe und schwarze Ziegen. Ab und zu werden die Tiere getrennt. Die Schafe werden in einen eigenen Pfersch geführt und die schwarzen Ziegen in einen anderen. Jesus hat das auf seinen Wanderungen oft gesehen. Darum vergleicht er die Ereignisse der Endzeit damit: die Menschen werden einmal erkennen, auf welcher Seite sie stehen. Eines Tages wird offenbar, wer zur Rechten und wer zur Linken des richtenden Königs steht.

Müssen wir diesem endzeitlichen Gericht tatenlos entgegenwarten? Sind wir der Willkür eines unberechenbaren Richters ausgeliefert? Oder gibt es Maßstäbe für das rechte Tun.

Das Gleichnis enthält einen einfachen Hinweis. Der tägliche Dienst am Bruder, an der Schwester, wird es sein, worauf alles ankommt. Nicht das Außergewöhnliche, sondern das Gewöhnliche außergewöhnlich gut getan, nicht das Aufsehenerregende, sondern das Unscheinbare, wird es sein: so unscheinbar und bedeutungslos, dass wir es zunächst gar nicht für wichtig erachten. Was wir dem Geringsten tun, das tun wir Gott. Im Gerichtsgeichnis wird das ganz konkret: die Nackten bekleiden, die Obdachlosen beherbergen, die Hungrigen speisen.

In unseren Tagen werden wir solche Hinweise gewiss modifizieren müssen. Denn diese direkte Armut gibt es in unseren Breiten weniger, wohl aber erschreckend häufig in der Dritten Welt. Aber eine andere, eine innere Armut ist bei uns groß geworden – die seelische Not, die Verlassenheit, der Stress, die Ruhelosigkeit und Hetze, die Sinnlosigkeit in unserer hochtechnisierten Gesellschaft, die verborgene Bosheit von Menschen, die nur mehr nach Macht und Geld jagen und dies ohne Rücksicht auf Leib und Leben anderer tun.

Wer der „Geringste“ heute ist, wird man neu beschreiben müssen.  Die Liebe, um die es da eigentlich geht und die auch Examensstoff für die endzeitliche Prüfung sein wird, fällt einem ja nicht einfach in den Schoß. Sie muss gelernt und geübt werden. Sie muss in Bewegung kommen aus der Kraft jener Liebe, die am Anfang alles bewegt hat, der Liebe Gottes zu uns. Sie spiegelt sich in allem, was an Gutem mitten unter uns schon geschieht, im täglichen Tun eines Schafhirten ebenso wie im täglichen Tun des sog. Durchschnittsmenschen.

Halten wir die Augen offen und handeln wir wie Liebende, dann sind wir Söhne des Vaters, dann zählen wir zu denen, die Gott sein Eigentum nennt und denen er als König der Herr der Herzen dienen will.

Print Friendly, PDF & Email