Wenn möglich, bitte wenden!

Predigt am 1. Adventsonntag – 27. November 2011

Lesungen: Jes 63,16b-17,19b; 64,3-7 / 1 Kor 1,3-9 / Mk 13,33-37

Alle liturgischen Texte (hier)

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Die Adventszeit wird nach alter Tradition auch die „stille Zeit“ genannt. Eine stille Zeit?, mitten in einer lärmenden und hektischen Konsumwelt? Wie passt das zusammen?

Wenn die Adventszeit nicht nur Nostalgie sein soll, sondern eine Chance zur  Verbesserung unserer Lebensqualität, dann sollten wir auch hier und jetzt mit Worten und Gesten sparsamer sein – leiser und langsamer  werden. Viele Autofahrer lassen sich inzwischen von einem Navigationssystem leiten, um gut an ihr Ziel zu kommen. Wer vom Weg abkommt, hört vom System den Hinweis: „Wenn möglich, bitte wenden!“ – Könnte es sein, dass sich in der Adventszeit auch mal unser inneres System zu Wort meldet und uns einlädt, eine Wende vorzunehmen, umzukehren zu einem besseren Leben?

Ich glaube, diese Einladung zum Innehalten  entspricht der Einladung Jesu, wachsam zu sein. Denn für eine wachsame Haltung sind das Lauschen in die Stille und der bedächtige Schritt unabdingbar. Der gewissenhafte Wächter darf keinen Lärm zu­lassen, weil er sonst wichtige Stimmen überhören könnte. – Wir halten es immer so: wenn wir genau hinhören wollen, bitten wir vorher um Stille!

Still stehen und Acht haben – das sind Eigenschaften eines Wachpostens. Er ist mit allen Sinnen und in voller Konzentration bei der Sache.

Was aber ist die Sache, die uns Christen angeht und deshalb Wachsamkeit fordert? Was darf ein Christ auf keinen Fall überhören?

Es ist die alte und immer wieder neue Erinnerung an die Vergänglichkeit des Daseins – verbunden mit der Erinnerung an die Zukunft! Unser Leben wird nicht so bleiben, wie es jetzt ist. Wir sind unterwegs mit einer Verheißung!

Jeden Augenblick kommt Neues auf uns zu – jeden Augenblick kommt Gott auf uns zu. Gott ist immer im Kommen. Mit jedem vergehenden Tag, mit jedem zu Ende gehenden Jahr kommen wir unserem Lebensende in dieser Weltzeit näher und kommt Gott uns mit seiner neuen Welt näher.

Dieses Ereignis bricht ein in unsere Gewohnheiten, zerbricht das Gewöhnliche und das, was man normalerweise immer voraussetzt. Mit Überraschungen muss man da rechnen, mit Neuem und noch völlig Unvertrautem.

Der Prophet Jesaja hat es erlebt und betet deshalb zu dem unberechenbaren Gott in vertrauensvollen Worten. Seine Stimmung ist eine Mischung aus Angst und Verehrung, aus Sorge um sein Volk und Erlösungshoffnung. Er hat die Geschicke seiner Heimatstadt Jerusalem vor Augen – den Untergang und die Wegführung in die Gefangenschaft – und dann den schwierigen Wiederaufbau der Heimat.

Alles, was so sicher schien, war verloren gegangen. Die Menschen erlebten den Untergang wie eine Strafe Gottes und riefen dennoch vertrauensvoll zu ihm: er möge doch den Himmel auftun und zur Rettung der verdorbenen Welt herabkommen, am besten gleich so, dass die Berge zittern.

Jesaja nimmt die einzig richtige Haltung vor dem großen Gott ein, wenn er das Bildwort vom Töpfer und dem Ton verwendet. Der Mensch ist Werk Gottes – und niemals aus eigener Macht da. Diese Einsicht ist ihm angemessen und er würde gut daran tun, sich daran immer wieder zu erinnern.

Von großen Umbrüchen redet Markus im vorletzten Kapitel seines Evangeliums. Man hat sich lange Zeit den Kopf zerbrochen, wie diese Bildrede zu verstehen sei: die Sonne wird sich verfinstern – die Sterne vom Himmel fallen. Wie ist das genau? Ist das eine Art kosmischer Infarkt? Ist das der viel besprochene Weltuntergang? Das werden wir nie erfahren. Denn die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch, sondern Gottes Wort in Menschenwort. Die Bibel ist Einrede in unsere Lebenswelt und Lebenserfahrung.

Gibt es nicht bei jedem von uns auch Zeiten, in denen es zappenduster wird, wo – bildlich gesprochen – die Sonne untergeht? Gibt es nicht Zeiten, in denen nichts mehr vom Bisherigen gilt. Zeiten, in denen man das Gefühl hat, nichts mehr zu verstehen, nicht mehr mitzukommen, die Orientierung zu verlieren?

Was so sicher schien – wie der Wechsel von Tag und Nacht, der Sonnenauf- und -untergang, der Mondauf  und -untergang, die Sterne am nächtlichen Himmel: das alles, was so sicher schien, hat plötzlich im eigenen Leben keine Bedeutung mehr. Es gibt Wichtigeres zu bedenken als den Lauf der Welt. Wichtigeres als die Tagespolitik in Kirche und Gesellschaft.

Man muss gelegentlich nach dem letzten Grund und Halt Ausschau zu halten, man muss auf dem Wachposten auszuharren.

Das ist Zeit der Erwartung, die Adventszeit. Dann ist es gut, sich an ein Wort aus dem Psalm 146 zu erinnern: „Wohl dem, dessen Halt der Gott Jakobs ist und der seine Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott setzt“ (Ps 146,5)

Zur Besinnung kommen durch Gottes Kommen. Sich ver-lassen auf Gott – allein! Denn wo Gott ist, da ist Zukunft. Das bewahrt vor Enttäuschungen und bösen Überraschungen.

Die kommenden adventlichen Wochen bieten uns wieder Gelegenheit, zur Besinnung zu kommen durch Gottes Kommen, sich zu fragen: wie lebe ich eigentlich? Was ist mir wichtig und was unwichtig?

Meine Wachsamkeit möchte ich erneuern – und mein Vertrauen auf Gott, der zu seinem Wort stehen wird.

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