Meine Zeit und Gottes Zeit

Predigt am 2. Adventsonntag – 04. Dezember 2011

Lesungen: Jes 40,1-5.9-11 / 2 Petr 3,8-14 / Mk 1,1-8

Alle liturgischen Texte (hier)

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„Tröstet, tröstet, mein Volk, spricht euer Gott“ (Jes 40,1). Immer, wenn ich diese Worte des Propheten Jesaja höre, muss ich an Menschen denken, die gerade ein schweres Los zu tragen haben. Wie klingen solche Worte in ihren Ohren? Spenden sie wirklich Trost oder verklingen sie traurig wie eine billige Vertröstung?

Es ist ja kein Geheimnis, dass sich belastende Situationen nicht schlagartig ändern, wenn einem ein gut gemeintes Wort zugesprochen wird. Sogar das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Obwohl dieses Prophetenwort  immer wieder verkündigt wurde, halten sich Leid und Kummer in dieser Welt immer noch hartnäckig auf.

Wir befinden uns in einer vergleichbaren Lage wie die Leser des 2. Petrusbriefes. Diese hatten offenbar schon damals Zweifel an der Wirkung solcher Trostworte. Denn die nah erwartete Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit war ja nicht eingetreten. Schon waren drei Generationen gestorben. Von den ersten begeisterten Christen lebte niemand mehr, vielleicht noch der greise Apostel Johannes auf der Insel Patmos und die Neubekehrten in den von Paulus gegründeten Gemeinden in Kleinasien.

Nichts hatte sich zum Besseren gewendet – aus der Sicht der jüdischen Christen war alles sogar schlimmer gekommen: ihr religiöses Zentrum Jerusalem war von den Römern in Schutt und Asche gelegt worden.

Immer noch sprachen die Gemeindeleiter der jungen Christengemeinden vom Kommen des Herrn, ermahnten zur Wachsamkeit, erzählten ihre Erinnerungen aus der Zeit des Wirkens Jesu und danach, lasen später auch aus den schriftlichen Zeugnissen vor – z.B. die Worte Jesu: „Die Zeit ist erfüllt – das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an die Heilsbotschaft“. (Mk 1,15)

Aber – es tat sich nichts!

Und rechnet man drei Generationen für ein Jahrhundert, dann werden es bald 60 Generationen gewesen sein, die auf dieser Erde gelebt haben – und wir warten auch heute noch auf das Kommen Christi.

Unbequem sind solche Einsichten – und es fällt schwer, sie zuzulassen, ob sie uns nun von Spöttern und Gegnern des Christentums vorgehalten werden oder ob sie aus unseren eigenen Glaubenszweifeln kommen.

Der Schreiber des 2. Petrusbriefes hat uns aber einen Hinweis gegeben, warum wir uns in solchen Gedanken und Zweifeln so verfangen. Wir vergessen nämlich,  „dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind“ (2 Petr 3,8). Gottes Zeitrechnung ist offenbar anders als unsere.

Es ist wie mit einem Bergwanderer, der den höchsten Gipfel der Alpen erstiegen hat. Nun sieht er am Horizont viele andere Gipfel, kennt vielleicht auch ihre Namen. Aber er kann nur grob abschätzen, wie weit die einzelnen Gipfel voneinander entfernt sind. Manchmal, bei Fön, scheinen sie greifbar nahe, an anderen Tagen unendlich weit entfernt.

So ist es auch mit prophetischen Texten. Sie enthalten keine Zeitangaben in unserem Sinn. Sie sagen uns zwar, was kommen wird, geben aber keine Auskunft darüber, wann die einzelnen Ereignisse im Lauf der Geschichte exakt eintreten werden.

Töricht ist deshalb der Mensch, der im Blick auf die Verheißungen Gottes von Verzögerung oder von Vertröstung redet. Er nimmt sein Zeitempfinden zum Maß für Gottes Zeit. Er verwechselt den Lauf der Geschichte, den wir in Tagen, Wochen, Monaten und Jahren messen, mit der Geschichte des Heils. Die Rettung und das Heil von Gott her ist nämlich ein „immer-währendes“ Ereignis.

Jesaja hatte die Not seiner Landsleute in der babylonischen Gefangenschaft vor Augen: Leiden, Unruhe und harte Knechtschaft nennt er es (vgl. Jes 14,3). Sein Trostwort war nicht als Vertröstung gedacht, sondern als Ansage der immer währenden Treue Gottes zu seinem Volk.

Im Bild vom Hirten sammelt er alle bisherigen Erfahrung des Gottesvolkes Israel mit Jahwe. Und diese Erfahrung lässt erkennen: nie hat Gott die Menschen im Stich gelassen. Befragt doch die Vergangenheit und erkennt: Gott hat alles gut gemacht. Also können wir aufatmen – mitten in Drangsalen – und auf die immer währende Rettung hoffen.

Der Rufer in der Wüste, Johannes, gibt uns eine Vorstellung davon, wie dieser immer neue Aufbruch aussehen kann. Er empfiehlt eine Art kopernikanische Wende im Denken. Wie ist das zu verstehen? Kepler und Kopernikus konnten nachweisen, dass die Sonne und nicht die Erde im Mittelpunkt unseres Sonnensystems steht. Nicht um die Erde dreht sich alles – sondern alles dreht sich um die Sonne.

So sollen auch wir verstehen, dass nicht der Mensch im Mittelpunkt allen Geschehens steht, sondern Gott. Wir sollen umkehren und ein Leben führen, in dem sich nicht mehr alles um uns dreht, sondern um Gott. Ihm gilt es, einen Weg zu bereiten, ihm gilt es, die Pfade zu ebnen. Ihm gebührt der erste Platz.

Die Frage bleibt aktuell, warum wir Christen so wenig ausrichten, warum die Menschen unserer Tage nicht verstehen, dass die „kopernikanische Wende“ bereits im Gang ist. Es wird wohl an unserer Trägheit und Halbherzigkeit liegen, an unserem schwachen Glauben und unserer angekränkelten Hoffnung.

Der zweite Petrusbrief enthält noch einen anderen wichtigen Hinweis. Vom „Tag des Herrn“, der kommen wird wie ein Dieb in der Nacht und vom Zusammenkrachen der Elemente des Himmels und der Erde ist da die Rede. Und dann folgt die große Anfrage an die Leser: „Wie heilig und gottesfürchtig müsst ihr dann leben, den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen“ (2 Petr 3,11-12).

Den Tag des Herrn – als die Vollendung von allem – können wir nicht herbeizwingen. Aber könnte es nicht so sein, dass wir Gott mit unserm Kleinglauben gleichsam die Hände binden, dass wir seine Ankunft verzögern? Da Gott nichts ohne unser Zutun unternimmt, weil er unsere Freiheit respektiert, ereignet sich sein Kommen in einer langen Menschheitsgeschichte, in einer immer währenden Ankunft, die jedem Einzelnen auf seine Weise zuteil wird. Gottes große Geduld mit uns wird darin sichtbar und gibt uns gleichsam einen Rippenstoß zur Umkehr und zu neuem Anfang.

Jedes Jahr im Advent spüren wir sozusagen diesen Rippenstoß: „Jetzt ist Zeit“. Glaubt an die Frohbotschaft und versucht es jeden Tag neu, Gott in die Mitte eueres Lebens zu stellen. Wenn Er wieder die Hauptsache unseres Lebens wird, können wir die Prophetenworte nicht mehr als Vertröstung, sondern als wirklichen Trost hören.

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