Gott wohnt, wo man ihn einlässt (Martin Buber)

Predigt am 4. Adventsonntag – 18. Dezember 2011

Lesungen: 2 Sam 7,1-5.8b-12.14a-16 / Röm 16,25-27 / Lk 1,26-38

Alle liturgischen Texte (hier)

Die Predigt können sie hier anhören.

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Was in unserer Kinderzeit noch undenkbar war, ist heute selbstverständlich. Im Religionsunterricht lernten wir den Katechismus der Katholischen Kirche kennen. Ausgewählte biblische Geschichten wurden uns vorgelesen. Heute erfahren die Schüler auch etwas über andere Konfessionen und Religionen. Sie wissen jetzt, dass nicht nur wir Christen Heilige Bücher haben, sondern auch die Muslime und dass im Koran auch von Abraham, von Mose und sogar von Jesus und Maria die Rede ist. Dass Jesus und die Apostel Juden waren, haben wir alle erst später gehört.

Das religiöse Leben kennt in allen Religionen bestimmte Gebetszeiten, Rituale und Gottesdienste. Die Muslime werden durch den Muezzin fünfmal am Tag zum Gebet eingeladen. Wir können  sehen, wie sie sich gemeinsam verneigen und Gott als den einen und einzigen großen Gott Allah verehren. Dreimal am Tag werden auch die Christen durch ein Glockenzeichen zum Gebet eingeladen. Es ist ein Gebet, das uns an die Menschwerdung Christi erinnert: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft.“ Das war der Anfang unseres Heiles, ein Evangelium – eine Frohbotschaft.

Gewiss wurde dieses Gebet manchmal oberflächlich gebetet, weil es eben so Brauch war. Aber jetzt ist diese Erinnerung an die Verkündigung der Geburt des Gottessohnes fast ganz aus unserem Alltag verschwunden. Und das ist ein großer Verlust. Warum?

Weil dieses Gebet, dessen Inhalt fast wörtlich dem heutigen Evangelium entnommen ist, an den Beginn einer neuen Zeit erinnert und eine Zeitenwende markiert, nach der wir auch heute noch unsere Geschichte einteilen in eine Zeit vor und eine Zeit nach der Geburt Christi.

Worum geht es in der Verkündigungszene? Man kann es am besten mit einem Vergleich sagen. Wer einen wichtigen Besuch erwartet, trifft Vorkehrungen. Sollte der Besucher einige Tage bleiben, richtet man für ihn eine Übernachtungsmöglichkeit ein. Und sollte es sich um einen Gast handeln, der länger bleiben will, muss man u.U. eine feste Bleibe schaffen, vielleicht die ganze Wohnung umräumen oder sogar das Haus umbauen.

In diesem Vergleich vom Gast, der kommen und bleiben will, erkennen wir, was wir in diesen adventlichen Tagen feiern. Gott will zur Welt kommen und in ihr bleiben – wie ein Gast. Er ist der göttliche Besucher, der den Menschen heimsuchen will. Die Menschen ahnen es und treffen Vorkehrungen.

Schon in alten Zeiten erzählte man sich Geschichten von Göttern in Menschengestalt, die bei den Menschen einkehren und bleiben. Abraham z.B. ehrte drei vorüberziehende Fremde; er nötigte sie sogar, in sein Zelt zu kommen und bewirtete sie reichlich. Im Nachhinein erkannte er, dass Gott selbst der Leben und Hoffnung spendende Gast war, der bei ihm eingekehrt war und ihm, dem alten Mann und seiner unfruchtbaren Frau, noch einen Erben verheißen hatte.

David, so hörten wir in der Lesung, baute Gott dem Herrn ein eigenes Haus, einen Tempel. Der große König von Israel, der selbst in einem prächtigen Palast wohnte, wollte nicht, dass der Höchste Gott unbehaust bleibe. Der Tempel war für ihn das „Gottes-Haus“ auf Erden. Hier sollten die Menschen Gott antreffen, in ihren Anliegen Gebete verrichten und ihn ehren können.

Am Ende der Lesung wird die Geschichte aber genau ins Gegenteil verkehrt. Nicht der Mensch baut ein Haus für Gott, sondern Gott baut für den Menschen ein Haus, das für immer Bestand haben wird. Tempel werden zerstört, wie wir aus der Geschichte wissen, und Menschen werden geboren und sterben. Da gibt es keine Bestandsgarantie, es sei denn ein Mensch wäre mehr als bloß ein Mensch. Und für diesen ganz anderen Menschen, den wir als Sohn Gottes bekennen, hat Gott in seiner Weisheit ein Haus gebaut, damit er unter uns wohnen konnte.

Maria – so haben wir es im Evangelium gehört – wurde Gottes Geburtshaus und seine Wohnstatt. Der Engel spricht vom Sohn des Höchsten. Da ist die menschliche Unfruchtbarkeit kein Hindernis mehr, weil er aus der Kraft des Heiligen Geistes kommt und nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren ist – wie der Evangelist Johannes schreibt.

Das für Menschen Unmögliche kann geschehen, wenn sich der Mensch der Allmacht Gottes anvertraut. Maria hat es nach anfänglichem Zögern und Zweifeln mit ihrem Jawort getan: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38).

So wurde Maria die erste Wohnstatt Gottes mitten unter den Menschen. Sie bereitete dem kommenden göttlichen Gast eine erste Bleibe. In der Kraft des Hl. Geistes nahm Gott Fleisch an und wohnte jetzt als ihr Kind mit dem Retter-Namen Jesus mitten unter den Menschen.

Maria aber ist gestorben. Ihr irdisches Zelt wurde wie das eines jeden Menschen abgebrochen. Wie sollen wir dann verstehen, was Jesus am Ende des Mt-Evangeliums sagte: „Seid gewiss! Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt?“ (Mt 28,20)

Die ersten Christen haben sehr bald verstanden, dass Gott zwar in Maria unser Menschsein angenommen hat, dass er aber auch dort wohnen will, wo sich Menschen in seinem Namen versammeln, wo sie eine heilige Versammlung, eine ecclesia bilden. Ecclesia ist der alte Name für Kirche. Sie haben in der Gestalt Mariens sehr früh ein Bild für die Kirche gesehen. Mutter Gottes und Mutter der Kirche wurde Maria genannt. So sind wir als Kirche unversehens zu einer Wohnung Gottes geworden, ein Tempel aus lebendigen Steinen.

Verborgen ist und bleibt Gott dem Menschen nah. Er hat unter uns Wohnung genommen und nimmt immer noch und immer wieder sein Gastrecht wahr. In jeder heiligen Versammlung, in der Feier der Eucharistie jetzt, laden wir den Herrn ein – und er selbst ist der einladende Gastgeber und der Gast zugleich.

Am kommenden Samstag ist Hl. Abend. Wir werden im nächtlichen Gottesdienst das Geheimnis der Menschwerdung Gottes feiern, seine Ankunft in der Welt. In den Tagen, die uns noch bleiben, können wir uns Atempausen gönnen, die Seele pflegen und vielleicht beim Glockenläuten wieder einmal kurz innehalten mitten in der Hektik der Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest. Beim „Engel des Herrn“ können wir an den Anfang unseres Heils denken, das der Evangelist Johannes in die unvergleichlichen Worte gefasst hat: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“. (Joh 1,14)

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