Stephanus und Paulus

Predigt am 2. Weihnachtsfeiertag – Hl. Stephanus

Lesungen: Apg 6,8-10; 7,54-66 / Mt 10,17-22

Alle liturgischen Texte (hier)

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Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)

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Am zweiten Weihnachtsfeiertag wird vielerorts auf eine Predigt verzichtet. Wir haben uns in Regensburg in St. Bonifaz entschieden, doch ein paar Sätze zu sagen. Denn angesichts dessen, was gestern in Nigeria geschah, kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen: 40 Menschen fanden den Tod bei einem Terroranschlag, der gezielt gegen Christen gerichtet war. Auch haben wir heute in der Apostelgeschichte von der Ermordung des ersten Glaubenszeugen Stephanus gehört. Und in einem Nebensatz war von einem jüdischen Mann die Rede, der diesen Mord billigte, später aber für die Geschichte des Christentums ein wichtige Rolle gespielt hat.

Im Vers 58 heißt es über ihn: „Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. So steinigten sie Stephanus“ – Am Ende des ganzen Abschnittes lesen wir: „Und Saulus aber war mit dem Mord einverstanden“ (Vers 61).


Saulus oder Paulus. Das ist ein aus Tarsus stammende Jude. Er war damals noch Theologiestudent in Jerusalem bei Rabbi Gamaliel, einem angesehenen Lehrer des Glauben der Väter. Die innerjüdischen Streitigkeiten um die Person Jesu hat er live miterlebt und wohl auch zugestimmt, dass dieser Stephanus keinen Platz mehr in der Gemeinde haben kann, weil er der Lehre der Jesusleute anhing. Diese behaupteten nämlich, Jesus sei der von Gott gesandte Messias und – geradezu ungeheuerlich – er sei von den Toten auferstanden. Damit wurde die Thora, die Lebensweisheit der Väter, das Gesetz und Mose, das ganze Fundament des Gottesvolkes angegriffen. Denn niemals kann ein Mensch gleichzeitig Gott sein! Die Jesusleute seien Häretiker. Sie würden den Glauben gefährden, wenn man sie weiter gewähren ließe. Saulus war sich sicher: die Schriftgelehrten und Pharisäer haben doch Jesus wegen Glaubensabfall und Gotteslästerung angeklagt und bei Pilatus seine Hinrichtung erwirkt.

Junge Menschen gehen für ihre Überzeugungen durch dick und dünn. Das war bei Saulus auch so. Deshalb war er mit der Steinigung des Stephanus einverstanden und kämpfte anschließend mit ausdrücklicher Erlaubnis und Billigung der religiösen Obrigkeit gegen die junge Sekte – bis zu dem umstürzenden Erlebnis vor Damaskus. Wir nennen dieses Erlebnis, über das die Apostelgeschichte an drei Stellen berichtet, seine Bekehrung.

Bis heute konnte niemand genau erklären, was ihm da widerfuhr. Aber eindrucksvolle Details sind uns überliefert: die Erfahrung eines übergroßen Lichtes, das ihn zeitweise sogar blendete und eine Stimme, die er vernahm: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich“? (Apg 9,4)

Wir wissen, mit welchem Eifer dieser Mann nach diesem Damaskus-Erlebnis den neuen Weg verkündete. Immer mehr Juden schlossen sich der Jesus-Gemeinde an, auch andere Sympathisanten Israels, sog. Gottesfürchtige, nahmen den Glauben an Jesus Christus an.

Paulus war nun überzeugt, dass die Beschneidung als Zeichen der Zugehörigkeit zum Gottesvolk nicht mehr so wichtig war, wenn die Gottsuchenden das Evangelium, die Frohbotschaft Jesu annehmen und sich in einem Taufritual in die Gemeinschaft der Gläubigen aufnehmen lassen.

Warum heute, am Tag des Märtyrers Stephanus, an Paulus erinnern? Weil das von Papst Benedikt vor drei Jahren ausgerufene Paulus-Jahr immer noch Anlaß ist, sich mit diesem Mann zu beschäftigen. Wir leben heute in einer ähnlichen Situation wie damals. Es gibt viele Gott suchende Menschen unter uns. Aber nicht alle gehören einer christlichen Kirche an. Ganz im Gegenteil: die Kirchenaustritte haben in den zurückliegenden drei Jahren gewaltig zugenommen.

Da aber Gott das Heil aller Menschen will, müssen wir uns fragen, wie wir die sog. „Fernstehenden“ erreichen, die Müden und Lauen in der Kirche aufrütteln und sie zu einer neuen Freude am Glauben bewegen können.

Jetzt versucht Rom es mit einem neuen programmatischen Appell.  Mit dem Rundschreiben „porta fidei“ (Das Tor zum Glauben) hat Papst Benedikt XVI. ein Jahr des Glaubens ausgerufen. Es soll am 11.Oktober 2012, dem 50. Jahrestag der Konzilseröffnung, beginnen und vor allem in den Ländern, in denen der Glaube zu verdunsten droht, das Bewußtsein für den Glauben neu schärfen.

Was wird dieses Jahr bewirken (können)?

„Nichts“, lese ich in einem Internetblog. Oder: „Genau das, was der Tag des Baumes, der Weltgesundheitstag, der Welttag des Friedens oder ähnliche von der UNO ausgerufene Gedenktage bewirken. Ein anderer Blogger schriebt: „Nur wieder ein Event mehr.“

Das klingt doch ziemlich ernüchternd. Dennoch sollten wir heute, am Gedenktag des Hl. Stephanus nach vorne schauen und uns nicht entmutigen lassen, auch wenn es Zeitgenossen gibt, denen Glaube und Kirche nichts mehr bedeuten,  die – wie Paulus damals in seiner Studentenzeit – lieber am Althergebrachten hängen bleiben wollen und Gott nicht zutrauen, daß er Wege der Rettung und Erneuerung kennt, von denen wir keine Ahnung haben, z.B. dass Gott Mensch wird.

Paulus ist ein Mann, der Hoffnung macht. Und wie sollten wir in einer kranken Welt mit den vielen nicht mehr verstummenden düsteren Prognosen getrost in das Neue Jahr gehen, wenn wir nicht alle unsere Hoffnung auf Gott setzten!

Wer sich zum Mensch gewordenen Gottessohn Jesus Christus bekennt, kann seine Sorgen niedriger halten. Er wird die unvermeidlichen Spannungen besser aushalten und trotz allem gelassen in die Zukunft gehen. Er kann sich auch auf die Erfahrung es Stephanus berufen, der – noch im Sterben – ausgerufen hat: „Ich sehe den Himmel offen!“

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