Eine laute und eine stille Nacht

Predigt am Neujahrstag, dem Hochfest der Gottesmutter
Lesungen: Num 6,22-27 / Gal 4,4-7 7 / Lk 2,16-21

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Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)

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Gestern war es wieder so weit: mit Knallern und Feuerwerk haben wir das alte Jahr verabschiedet – eine laute Nacht war das. Nach alter Deutung soll der Lärm die Angst und die bösen Geister vertreiben.  Die Nacht vor einer Woche war da ganz anders. Ich habe sie wohltuend still erlebt: kein Lärm auf den Straßen – kein Auto unterwegs. Es war die „stille Nacht“. Da war eine andere angstbindende Botschaft zu hören: „Fürchtet euch nicht!“ die Frohbotschaft von der Menschwerdung Gottes zum Nachdenken und Staunen.

Und heute betreten wir das Neue Jahr 2012 – mit gemischten Gefühlen wohl: immer taucht ja die Frage auf: was wird es  bringen? Wir werden viel Zuversicht und Mut brauchen, um die schleichenden Ängste zu überwinden.

Ein lieber Mensch hat mir in diesen Tagen ein Wort geschenkt, das ich gern weitergebe: Mut ist Angst, die gebetet hat! Deshalb ist es gut, daß wir dieses Jahr auch mit einem Gottesdienst beginnen – mit Singen und Beten, mit Fürbitten und neuem Staunen über das, was Gott – oft ganz im Verborgenen – unter uns gewirkt hat und immer noch wirkt. Da kann man an einer Frau nicht vorbei, deren Fest ausgerechnet am Neujahrstag gefeiert wird: das Fest der Gottesmutter. Warum feiert die Kirche am ersten Tage des neuen Jahres ein Fest der Gottesmutter? Was hat das Geden­ken an Maria mit dem Jahreswechsel zu tun?

Ei­nem aufgeschlossenen Christenmenschen wird das reichlich seltsam vorkommen, es sei denn, er versteht dieses Fest als Entfaltung des Weihnachtsgeheim­nisses. Und die Lesungen scheinen dies zu bestäti­gen. Wir wurden im Evangelium noch einmal an Bethlehem erinnert. Wir haben gehört, wie sich die Hirten und Maria verhalten haben. Lukas schreibt, dass die Hirten wieder an ihre Arbeit zurückgekehrt sind, nachdem sie Maria, Josef und das Kind in der Krippe gesehen hatten. Und von Maria weiß er, dass sie  über das Geschehen nachdachte . Später folgte das übliche Ritual wie bei jedem Neugeborenen. Man brachte das Jesuskind zur Be­schneidung, so wie wir heute Kinder zur Taufe tragen.

Aber noch einmal gefragt – was haben denn diese Ereignisse, was hat die Gottesmutter Maria mit dem Anfang eines neuen Jahres zu tun? Könnten wir vielleicht von ihr etwas lernen?

Jedes neue Jahr ist ein Geschenk. Niemand von uns konnte sicher sein, ob er das zurückliegende Jahr erleben würde. Sind nicht viele von unseren Weggefährten 2011 gestorben? Jedes neue Jahr ist ein Geschenk. Deshalb ist die Dankbarkeit das erste, was wir festhalten wollen: Denn Lebensjahre sind ein unverdientes Geschenk.

Und das zweite ist die Nachdenk­lichkeit, die uns das Leben derzeit abver­langt. Wir können nicht mehr oberflächlich in den Tag hinein leben. Wir müssen ab und zu den Lärm abstellen und nachdenk­licher werden, um hinter all dem Rätselhaf­ten unse­rer Tage den verborgenen Sinn zu entdecken. Nur so werden wir den finden, der „unbewegt, den Wandel aller Zeiten trägt“, wie es in ei­nem Hymnus heißt: unseren Gott.

Vielen Christen ist inzwischen klar, daß die Gottesfrage die wich­tigste aller Fragen geworden ist: wie kann der heu­tige Mensch Gott erfahren? Wie kann er mit­ten in allem Leid, in Krieg, verfahrenen wirtschaftlichen und politischen Situatio­nen, den Glauben und das Vertrauen an den alles waltenden Gott bewahren oder wieder gewinnen?

Genau da ist Maria eine bei­spielhafte Gestalt. Sie bewahrte die Haltung der Dankbarkeit, obwohl das Leben so hart und unbarmherzig mit ihr umging. Nichts von einem Protest, nichts von Aufbegehren und Trotz während der Zeit ihrer Nieder­kunft. Sie hätte allen Grund gehabt, ge­gen Gott und die bösen Nachbarn wütend zu sein: wie kann man einer hoch­schwangeren Frau die Tür weisen! Der Evangelist erzählt nur von ihrer stau­nenden Dankbar­keit über die glückliche Geburt, für das zum Leben Notwen­dige: ein Dach über dem Kopf, ein paar gute Nachbarn, einfache Hirten, die helfend und unterstützend herbeieilen.

Und das zweite, was wir von Maria lernen könnten: die Nachdenklichkeit. Wört­lich schreibt Lukas von Maria: „sie bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“. – Wer die Rätsel des Lebens entschlüsseln will, muß sich den Luxus des Nachdenkens leisten.

Für beide Haltungen – für die Dankbarkeit und für die Nachdenklichkeit – ist Maria ein Vorbild. Und beides gehört zu­sammen. Nur wer nachdenkt, gelangt zur Dankbarkeit. Denken und Danken sind wortverwandt. Der Oberflächliche sieht keinen Grund zum Dank. Er nimmt alles wie selbst­verständlich.

So haben wir also einen guten Anfang gemacht in diesem neuen Jahr, wenn wir unseren Blick auf die Gottesmutter richten.

Und wer jetzt noch eine weitere Orientierung sucht, dem können auch die beiden Lesungen des heutigen Festes Trost und Hoffnung geben: wir hörten im Buch Numeri vom Segen, den Gott durch seinen Diener Aaron über das Volk sprechen lässt. Das zuge­wandte Angesicht Gottes ist uns verheißen; er wird seinen Blick nicht von uns wenden, auch wenn es uns anders vorkommt.

Gleichsam wie zur Bestätigung dieser Verhei­ßung schreibt Paulus an die Galater, daß wir jetzt –  in der Fülle der Zeit – ein neues Verhältnis zu Gott haben. Wir sind nicht mehr Sklaven, sondern Freie, Söhne und Töchter. Wir dürfen ihn Vater nennen. Und von guten Vätern und Müttern wissen wir ja, wie sehr sie sich um ihre Kinder sor­gen.

Das alles wird unser Vertrauen stärken. Und so können wir zuversichtlich und getrost das neue Jahr beginnen.

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