Unerwartete Lebenswenden

Predigt am 3. Sonntag im Jahreskreis – 22. Januar 2012
Lesungen: Jona 3,1-5.10 / 1 Kor 7,29-31 / Mk 1,14-20

Alle liturgischen Texte (hier)

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Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)

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Vor einigen Tagen saß ich lange da und brütete über den Texten der hl. Schrift. Ich fand keinen vernünftigen Gedanken für eine Predigt. Was ist wichtig? Worauf kommt es an? Was heißt: das Evangelium Gottes verkünden? Worauf warten die Menschen heute? Viele Fragen. Nur zaghafte Antworten waren in meinem Kopf.

„Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“, hat Jesus damals gepredigt. Wenn er heute in Regensburg wäre, was würde er uns dann sagen? Es gibt Bibelkommentare und andere Übersetzungen der Texte. Statt Reich Gottes lesen wir dann „Königsherrschaft Gottes“ oder „Gottes neue Welt“. In der politischen Sprache würde man heute sagen können: „Regierungszeit Gottes“ – so wie wir von einer Regierungszeit Merkel, von einer Ära Busch reden. Nach einem Regierungswechsel in den USA mit dem neuen Präsidenten Obama schrieben die Zeitungen von neuen Verhältnissen. Die alte Regierung war abgewählt, eine neue hatte das Sagen. Mit dem Amtsantritt  Obamas verknüpften sie viele Hoffnungen auf eine neue Zeit. Alles sollte anders und besser werden.

Für eine Zeitenwende steht in der hl. Schrift der Satz: „Die Zeit ist erfüllt“. Wahlredner könnten sagen: „Jetzt reichts! So wie bisher kann es nicht weitergehen! Es muss anders werden. Die Zeit für einen Wechsel ist gekommen. In einer Demokratie bewirken wir eine Zeitenwende durch Wahlen. Der Bürger kann mitbestimmen, wem er zutraut, dass alles anders wird.

Wir Christen reden auch von einer Zeitenwende. Jesus hat sie angesagt.  Ab jetzt ist Gottes Regierungszeit da. Von jetzt an hat Gott das Sagen. Wer das anerkennt und sich danach richtet, wird auch tun, was Jesus noch dazu gesagt hat: Er wird auch seinen Lebensstil ändern. Er wird in sich gehen und darüber nachdenken, was ihm jetzt wichtig und was ihm weniger wichtig ist – und dann wird er sagen: Gott ist ab jetzt für mich das Wichtigste.

Was diese Botschaft von der Vorherrschaft Gottes im Leben eines Menschen mit ihm anrichten kann, erzählt der Evangelist Markus gleich im Anschluss an diese erste öffentliche Rede Jesu. Schauen wir noch einmal genauer hin.

Da waren Fischer am See. Sie hörten diese Neuigkeit: Gott hat in allem den Vorrang. Jetzt ist die Zeit erfüllt, sich darauf einzustellen. Und sie machten einen Schritt von großer Tragweite, einen ganz konkreten. Sie ließen alles liegen und stehen und gingen hinter Jesus her. Von jetzt an blieben sie in seiner Nähe, um mit ihm gemeinsam das neue Leben der neuen Wichtigkeiten einzuüben.

Nun aber steht die Frage auf: Was geht das mich an? Ich bin kein Zeitgenosse Jesu, kein Fischer am See von Galiläa. Ich kann nicht damit rechnen, dass mir eines Tages der Herr so direkt begegnet wie damals den Jüngern. Und überhaupt: alles liegen und stehen lassen – das geht ja doch gar nicht!

Und dennoch müssen wir hier einen Moment nachdenken. Denn Gott hat viele Möglichkeiten, einen jeden von uns dort, wo er gerade steht, anzusprechen und ihn einzuladen, den neuen Herrschaftsverhältnissen zu trauen und sein Leben womöglich anders zu gestalten.

Blättern Sie einmal in einer stillen Stunde in ihrem eigenen Geschichtsbuch. Schlagen sie die Seiten auf, auf denen von unerwarteten Ereignissen und einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben die Rede ist. Und lesen sie ihre eigene Geschichte mit der Brille des Evangeliums.

Gab es da nicht auch etwas, was irgendwie mit Gott zu tun hatte? Gab es nicht Zeiten in ihrem Leben, wo etwas erfüllt und abgeschlossen war, wo etwas Neues begann und wo sie ihr Leben neu einrichten mussten; wo sie sich gesagt haben: von jetzt an mache ich das anders. Von jetzt an sind mir diese oder jene Dinge nicht mehr so wichtig. Darauf kann ich verzichten. Ich habe jetzt Wichtigeres zu tun. Da haben Sie ihr Leben neu geordnet und neu angefangen. Da haben sie sich von manchen Dingen nicht mehr festhalten lassen. Sie konnten loslassen und Abschied nehmen.

Jeder von uns hat seinen eigenen Lebensrhythmus. In der ersten Lesung hörten wir: „Das Wort erging an Jona: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive“. Und dann hieß es: Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive.“

So ähnlich erging es den Fischern Simon und Andreas. Jesus sprach sie an: Folgt mir nach! Und sie ließen ihre Netze liegen und folgten ihm.
Also da ruft einer – und der Angerufene tut unverzüglich, was ihm gesagt wird.

Wer aber die Jonageschichte ganz gelesen hat, weiß, dass Jona beim ersten Anruf Gottes gar nicht nach Ninive gegangen ist, sondern die Flucht ergriffen und sich mit einem Schiff davongemacht hat. Er wollte nicht in Ninive predigen. Gott aber hatte den längeren Atem. Jona geriet mitsamt der Schiffsmannschaft in Seenot. Man warf ihn – nach damals heidnischer Sitte – als Opfer für die Götter, die man für den Seesturm verantwortlich machte – über Bord ins Meer. Ein Untier verschlang ihn und spuckte ihn nach drei Tagen wieder ans Land, so wird erzählt. Jetzt war Jona wieder dort, wo er weggelaufen war – und jetzt war er bereit, dem Anruf Gottes zu folgen.

Uns kann diese Geschichte trösten. Wenn wir es schon nicht immer gleich fertig bringen, dem Anruf Gottes aufs Wort zu folgen – so wie es von den Jüngern erzählt wird, dann dürfen wir hoffen, dass Gott so viel Geduld mit uns hat wie mit  Jona. Er lässt uns Zeit und räumt uns auch Umwege ein.

Nur eines dürfen wir nicht versäumen. Hineinhorchen müssen wir schon in unser Leben. Denn mitten in den täglichen Beschäftigungen – damals war es das Fischen im See von Galiläa, – mitten in unseren beruflichen und persönlichen Aufgaben, kann Gott uns anrufen und uns daran erinnern, dass ER einen ersten Anspruch auf uns hat, dass  ER der Herr unseres Lebens ist. Sein Reich ist immer nahe, seine Herrschaft umgibt und umfängt uns. Wer kann sich dann abwenden und sagen: Damit will ich nichts zu tun haben! Wer kann sein Ohr verschließen?

Ein starkes Motiv für diese Neuorientierung liefert uns der Apostel Paulus. Er glaubte fest daran, dass „die Gestalt dieser Welt vergeht!“ Basta. Und nur deshalb könne man zu allen Erfahrungen und Erlebnissen, zu Freude oder Trauer, zu Armut oder Besitz, zu Ansehen oder Vergessenwerden auf Distanz gehen. Wer wird denn angesichts der neuen Herrschaftsverhältnisse noch so töricht sein und sich auf Vergängliches verlassen? Ist es nicht die bessere Wahl, sich im Einflussbereich Gottes aufzuhalten?

Der Sonntagsgottesdienst ist der Ort, an dem Gott  zur Sprache kommt. Jetzt ist die erfüllte Zeit, jetzt ist Gott nahe. Wir sind eingeladen, ihm zu glauben  und dann eine Kehrtwendung zu machen:  weg von den Verstrickungen in die Dinge dieser Welt, weg von der angestrengten Diesseitigkeit, hin zur Freiheit der Kinder Gottes.
Darauf warten wir doch eigentlich: dass wir erlöst und befreit werden und im Frieden mit Gott und untereinander leben lernen. Gott kann es bewirken, wenn wir  ihm folgen und ihm den ersten Platz in unserem Leben einräumen.

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