Inclusion biblisch

Predigt am 6. Sonntag im Jahreskreis – 12. Februar 2012
Lesungen:  Lev 13,1-2.43ac.44ab.45-46 / 1 Kor 10,31-11.1 / Mk 1,40-45

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Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)

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Das heutige Evangelium gibt einem nachdenklichen Zuhörer Rätsel auf. Ein Aussätziger bittet Jesus um Heilung. Er wird gesund und soll nun aber von seiner Genesung nichts herumerzählen, sondern nur das vorgeschriebene Reinigungsopfer darbringen. Der Geheilte hält sich nicht an die Mahnung Jesu zur Geheimhaltung, sondern erzählt, wie es wörtlich heißt, „bei jeder Gelegenheit, was geschehen war…“.

Die Folge ist, dass sich Jesus wegen des Andrangs der Leute an einsamere Orte zurückziehen muss. Denn die Leute laufen ihm von überallher nach – ähnlich Heilung erhoffend.

Warum der Geheilte ein Reinigungsopfer darbringen soll, wird von Markus erklärt: die Priester sollten darin einen Beweis für die Gesetzestreue des Heilers Jesus erkennen.

War denn Jesus nicht gesetzestreu? War es nicht seine erklärte Absicht, kein Jota und kein Strichlein des Gesetzes zu ändern, sondern nur alles vollkommen zu erfüllen? Warum zweifeln die Priester an der Gesetzestreue Jesu? Und warum will Jesus ihnen beweisen, dass er dennoch gesetzestreu ist?

Wir finden eine Antwort, wenn wir kurz daran erinnern, wie es damals um die schlimme Krankheit Lepra stand. Wegen der hohen Ansteckungsgefahr sah man sich gezwungen, die Aussätzigen sozusagen in Quarantäne zu schicken. Es gab ein genau vorgeschriebenes Verfahren für Diagnose und Therapie. Im Buch Levitikus ist es nachzulesen. Einen Abschnitt davon haben wir gehört. Die Priester waren damals auch eine Art Gesundheitsbehörde. Sie hatten die Diagnose zu stellen. Dann wurde der betroffene arme Teufel für „unrein“ erklärt. Er durfte fortan nur mit eingerissenen Kleidern gehen, das Haar ungekämmt, er musste sich absondern von den Aufenthaltsorten und Wohnstätten der Menschen.

Falls ihm doch jemand begegnete, musste er von Weitem laut rufen „Unrein, Unrein“! Manche Vorschriften legten auch nahe, dass sich ein Leprakranker mit Rasseln und Schellen bemerkbar machen muß. Damit sollte die Ausbreitung der ansteckenden Krankheit Einhalt geboten werden. Es gab noch keine Isolierstationen im heutigen Sinn. Die Quarantäne war meist eine Erdhöhle in  freier Natur. Es gab keine Schutzkleidung, wie wir sie heute auf Intensivstationen kennen. Irgendwie haben wir Verständnis für die damaligen Vorschriften, obwohl wir ahnen, wie schlimm es für die Kranken gewesen sein musste, ausgestoßen zu sein und mit dem Makel der Unreinheit leben zu müssen.

So sinnvoll – aus hygienischen Gründen – eine solche Regel war, so unmenschlich war sie doch. Denn die Heilungschancen für einen so schwer erkrankten Menschen wurden durch dieses Verstoßenwerden nur noch schlechter.

Darum hat Jesus erstmals diesen Vorschriften einen anderen Sinn gegeben. Ihm ging es um den ganzen Menschen. Er wusste, dass man wegen einer Krankheit oder eines sittlichen Versagens nicht ein für alle Mal aus Zuwendung und Gemeinschaft ausgeschlossen werden darf, sondern im Gegenteil. Gerade dann ist Zuwendung und Annahme besonders wichtig.

Jesus ist zum Erstaunen Vieler gerade auf diese Menschen zugegangen, hat sie berührt und ihnen sein Mitgefühl und Verständnis gezeigt. Das passte den Priestern und Gesetzeslehrer nicht. Sie sahen darin einen Verstoss gegen geltendes Recht und – innerlich blind – nicht die entscheidene Wende im Schicksal dieser armen Menschen.

Die stille Botschaft des Verhaltens Jesu lautet: Gott verstösst keinen Menschen, mag er noch so krank oder verloren sein. Er lässt keinen fallen, sondern bietet jedem seine rettende Nähe und Heilung an.

An dieser Stelle müssen wir noch an ein anderes Problem erinnern. Man hat ja später auch Menschen für unrein erklärt, die sich durch ihr sittliches Fehlverhalten gleichsam selbst aus der Gemeinde ausgeschlossen hatten. So galt es, auch den Umgang mit Sündern zu meiden. Denn deren Fehlverhalten könnte ja ansteckend sein. Bis in unsere Tage erinnert ein warnendes Sprichwort an dieses ausschließende Denken: „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist!“

Zudem wurden die Worte „rein“ und „unrein“ fast nur mehr auf den Lebensbereich der Sexualität bezogen. Reinheit wurde gleichgesetzt mit Keuschheit, Unreinheit mit Unkeuschheit. Wir wissen heute, dass das so nicht stimmt.

Reinheit ist eine Lebenshaltung, die besagt: der ganze Mensch lebt gottzugewandt, auch wenn er seine Fehler und Schwächen hat. Der ganze Mensch ist offen für Gott. Zwar können ihm seine Begabungen und Neigungen zu Ersatzgöttern werden. Er kann Reichtum und Besitz, öffentliches Ansehen und auch Sexualität so stark in sein Streben einbeziehen, dass er aus der gesunden Mitte herausfällt, seine Verankerung in Gott verliert und damit aus dem Gleichgewicht gerät. Dann ist Umkehr und Erneuerung notwendig. Das haben wir von Jesus gelernt.

Nicht aber haben wir von ihm gelernt, einen solchen Menschen zu verstoßen und ihm die menschliche Nähe aufzukündigen.

Der hl. Paulus hat in diesem Ringen um das rechte Verständnis von Reinheit einen guten Vorschlag gemacht, den wir als Maßstab für ein sittliches Urteil anwenden können: „Alles ist mir erlaubt!“, sagt er – und fügt hinzu: „Aber nicht alles nützt mir.  Alles ist mir erlaubt – aber nichts soll Macht über mich haben.“ (1 Kor 6,12).

Darin liegt die Weisheit christlicher Lebensführung. Dass wir frei werden und nicht ängstlich abhängig von Vorschriften, dass aber diese Vorschriften einen lebensförderlichen Sinn haben, den wir entdecken müssen.

Der Kirchenvater Gregor von Nazianz hat einmal gesagt: „Was nicht angenommen ist, kann nicht geheilt werden“.  Den Aussätzigen ausstoßen, also nicht annehmen, das ist kein Rettungsweg. Sich vor dem Aussatz nicht schützen, ist anderseits aber auch leichtsinnig.

Im übertragenen Sinn gilt das Gleiche. Das Verdrängen sittlicher Schwächen und Fehler, ist ein Holzweg. Das Eingeständnis der eigenen Schwachheit und der barmherzige Blick auf den Mitmenschen, verbunden mit dem Vertrauen auf Gottes Hilfe, das macht frei und schenkt Heilung von Gott her.

Unser Gebet um die Reinheit des Herzens am Beginn der hl. Messe ist also gleichzeitig die Bitte um ein weites Herz, das angstfrei den Krankheiten des Leibes und der Seele begegnen kann. Wo der göttliche Arzt wirkt, braucht sich der Mensch nicht zu distanzieren.

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