Gipfelerlebnisse und ihre Bedeutung

Predigt am 2. Fastensonntag  – 04. März 2012
Lesungen:  Gen 22,1-2.9a.10-13.15-18 / Röm 8,31b-34 /  Mk 9,2-10

Alle liturgischen Texte (hier)

7-Minuten-Predigt hier anhören

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)

[print_link]

Bekannt sind sie schon – die beiden Geschichten von Abraham auf dem Berg Morija und von Jesu auf dem Berg Tabor. Aber haben wir sie wirklich verstanden? Viele Fragen tun sich auf, wenn man sich näher damit befasst. Versuchen wir, den Sinn zu vestehen.

Abraham wird auf eine harte Probe gestellt. Wir fühlen mit ihm und denken: Was ist das für ein Gott, der so etwas Unmenschliches und Grausames verlangt? Hat Gott es nötig, den Menschen in eine so ausweglose Situation zu bringen, in die Zwickmühle zwischen Vaterliebe und göttlicher Anweisung?

Im ersten Moment sind wir verwirrt und unser Gottesbild bekommt Risse. Wenn wir aber das Geschehen auf dem Berg Morija mit dem Ereignis auf dem Berg Tabor zusammenbringen und diese beiden Bergerlebnisse noch einmal in Beziehung setzen zu einem dritten Bergerlebnis – auf dem Kalvarienberg nämlich – wird manches besser verständlich.

  • Menschen werden auf Berge geführt: Abraham auf den Berg Morija, die Jünger auf den Berg Tabor, der zum Tod verurteilte Jesus auf den Kalvarienberg.
  • Auf allen drei Anhöhen ereignen sich geheimnisvolle Gottesoffenbarungen – und zwar wie bei einem Kippbild – als Verhüllung und/oder als Enthüllung Gottes. Gleichzeitig verändert sich die Weltsicht der Anwesenden. Ein neues Sehen und Erkennen bricht sich Bahn.
  • Rätselhafte Stimmen deuten die Ereignisse und laden zum Nachsinnen ein.
  • Beim Verlassen der Berge werden die Erlebnisse unterschiedlich verarbeitet. Das geht nicht schnell, sondern braucht Zeit. Was bedeutet das alles. Abraham hört Gottes Weisung. Er soll auf dem Berg Morija seinen Sohn opfern. Kurz vor der schrecklichen Tat, zu er bereit ist, verwandelt sich die Szene: ein Bote Gottes ruft dem Abraham zu, sein unmenschliches Vorhaben einzustellen. Ein Widder soll jetzt Opfergabe sein. Der göttliche Bote anerkennt den Glaubensgehorsam des Abraham, „um Gottes willen“ sogar sein Allerliebstes, seinen sehnlichst erwarteten Sohn preiszugeben. Diese Bereitschaft verwandelt Abraham zum Segensträger für alle seine Nachkommen, „.. weil Du auf meine Stimme gehört hast“. (vgl. 1 Mos 22,1-19), heißt es am Schluss.

Auf dem Berg Tabor – auch da – : eine Stimme: „Dies ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören“ (Lk 9,35). Auch da eine Verwandlung. Die Bildersprache, dass die Kleider Jesu so weiß waren, wie sie kein Bleicher auf Erden weiß machen könnte, will sagen: das Ganze ist unvorstellbar lichtvoll und gigantisch. Nicht nur die verwandelte Erscheinung Jesu, sondern der ganze Vorgang ist dem menschlichen Begreifen entzogen. Glaubenszeugen aus der religiösen Tradition, Mose und Elija, treten auf und bestätigen dem zweifelnden Verstand, dass es sich hier um eine Gottesoffenbarung handeln muss.

Was ist mit Verhüllung und Enthüllung gemeint? Für beides ist die Wolke ein Symbol – auf Tabor, wie auch noch auf einem anderen Berg, auf den Mose hinaufgestiegen war, um die Zehn Gebote Gottes zu hören. Die Wolke steht in den hl. Schriften immer für diese doppelte Erfahrung der Nähe und der Ferne Gottes: Gott – für den Menschen – verborgen und doch ganz nah! In ein und demselben Erlebnis wird Gottes Nähe und Gottes unerreichbare Distanz im Bild der Wolke vermittelt.

Dann das Herabsteigen vom Berg. In der Abrahamgeschichte erfahren wir nichts, was – modern gesprochen – auf ein „aufarbeitendes Gespräch“ zwischen Vater und Sohn hindeuten würde. Heute gibt es so etwas: die Psychologen nennen es: „Aufarbeitung von traumatischen Belastungsstörungen“. Wir würden so etwas eigentlich erwarten. Mag sein, das Abraham und Isaak über das Erlebnis auf Moria gesprochen haben. Die Bibel jedenfalls schweigt darüber.

Und das Herabsteigen der drei Freunde Jesu vom Berg Tabor. Der Evangelist erwähnt so etwas wie ein verarbeitenden Gespräch. Den Jüngern hatte es zwar die Sprache verschlagen, als Jesus von der Auferstehung der Toten redete. Vielleicht hat er ihnen deshalb geraten, vorläufig zu schweigen. Später – nach Ostern – würden sie dann alles verstehen und Tabor als Vorwegnahme der lichtvollen Herrlichkeit der Auferstehung begreifen. Dann werden sie reden – in aller Öffentlichkeit, überall, in der ganzen Welt.

Dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist, konnten die Jünger lange nicht begreifen – wie sie auch damals auf dem Berg Tabor seinen Gestaltwandel nicht verstanden haben, obwohl sie sich danach sehnten, alles möge doch jetzt so bleiben. Deshalb sagten sie auf Tabor „Hier ist gut sein, hier wollen wir drei Hütten bauen“ (Mt 17,4). Den beiden Emmaus-Jüngern erging es ebenso: „Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt“ (Lk 24,29).

Kehren wir noch einmal zurück zum Tod Jesu, den er auf dem Weg herab vom Berg Tabor geheimnisvoll angedeutet hatte: der zum Opfertod bestimmte Isaak erscheint nun in einem anderen Licht. Gott selbst ist es, der seinen Sohn preisgibt. Dieser ist die eigentliche Opfergabe, nicht der Sohn Abrahams, nicht ein Widder, sondern Jesus Christus, der sich dem unbegreiflichen Ratschluss Gottes freiwillig fügt und für das Heil der Menschen sein Leben hingibt – wiederum auf einem Berg – nämlich dem Kalvarienberg.

Und auch auf diesem Berg erkennen wir das Gesetz der Verhüllung und der Enthüllung. Beim Sterben Jesu am Kreuz meinen manche, er sei als Verbrecher gekreuzigt worden, er könne niemals Gott sein – ganz im Gegenteil: er sei ein Gotteslästerer! Aber der heidnische römische Soldat spricht es aus: „Wahrlich, dieser Mann war Gottes Sohn“ (Mk 15,39).

Bleibt uns noch zu fragen, was denn das alles mit uns zu tun hat. Die Antwort dürfte nicht zu schwer fallen.

Jeder von uns kennt einen Berg Morija, eine Zeit innerer und äußerer Bedrängnis und heftigen Zweifels, aber jeder kennt auch Gipfelerlebnisse, einen Berg Tabor, eine Zeit großer Ahnung und erfüllter Sehnsucht. Und jeder muss auch einmal auf seinen Kalvarienberg gehen, wenn die Todesstunde schlägt.

Die vielen manchmal sinnlos erscheinenden Zumutungen des Lebens bilden in der Zusammenschau den rätselhaften Fortgang der Heilsgeschichte. Der hl. Paulus hat es unübertroffen niedergeschrieben: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,31ff.)

Gott führt seine Sache zum Ziel – seine Sache ist unsere Sache. Wir sind die Adressaten des Heils. Uns gilt die Verheißung des Segens in Fülle, wenn wir auf seine Stimme hören und nicht müde werden, nach der Bedeutung seiner Worte zu fragen.

Print Friendly, PDF & Email