Ausräumen, um einzuräumen …

Predigt am 3. Fastensonntag  – 11. März 2012
Lesungen: Ex 20,1-3.7-8,12-17 – Joh 2,13-27

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Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)

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Die Tempelreinigung, eine Geschichte aus dem Leben Jesu, die immer wieder zu Diskussionen Anlass gibt. Eine brauchbare Geschichte, um Kritik am religiösen Kult zu üben. Eine peinliche Geschichte für alle, die Jesus nur als sanften und liebevollen Heiland kennen wollen. Vielleicht war sie auch deshalb bis zum 2. Vatikanischen Konzil in keinem Gottesdienst zu hören; sie stand ja nicht im Lektionar für die Messe. Jesus ist wütend und zornig gegen die Verkäufer und Geldwechsler. Gewaltsam treibt er sie aus dem Tempel hinaus, obwohl sie doch ganz legal Opfertiere zum Kauf anboten und Münzen wechselten für den Gottesdienst.

Man konnte ja nur mit einer eigenen Währung, dem sog. Tempelgeld, zahlen, nicht z.B. mit römischen oder anderen Münzen. Dieses Verhalten Jesu passt nicht in das vertraute Bild eines verständnisvollen und guten Hirten. Ist den Evangelisten da ein Fehler unterlaufen? Warum haben sie diese Geschichte überhaupt erzählt? Und in welchen Zusammenhang berichten sie davon – übrigens alle vier?

 

Johannes erzählt die Tempelreinigung schon im 2. Kapitel seines Evangeliums – gleich nach dem Bericht über die Hochzeit zu Kana und vor der Schilderung des nächtlichen Gesprächs mit Nikodemus. Jesus hatte in Kana in Galiläa sein erstes Zeichen gewirkt. Dass aus Wasser Wein wird und damit das Hochzeitsfest nicht vorzeitig beendet werden muss, hat eine tiefe Bedeutung. Denn mit Jesus ist eine neue Zeit angebrochen – die Zeit und Herrschaft Gottes. Sie zeigt sich vor allem in einer neuen Freude am Leben! Gott selbst hat sich der Menschen angenommen und in seinem Gesandten, dem Propheten Jesus aus Nazareth, wird das erkannt.

Jesus ist der Befreier und Retter aus Unterdrückung von innen und von außen. Die Schuld wird dem Menschen nicht mehr angerechnet, das Joch der Knechtschaft wird von ihnen genommen. Jesu Ruf zur Umkehr beginnt ja mit der Proklamation einer neuen Zeit; es ist eine Art Amnestieankündigung. Das Reich Gottes ist nahe! Der Einflussbereich Gottes ist das – für eine neue Lebensordnung. Grund genug, zu feiern! Dem Ratsherrn Nikodemus versucht Jesus in einem nächtlichen Gespräch zu erklären, wie man dieses neue Leben nach der Umkehr verstehen kann. Wir müssen: „ …von oben geboren werden“, sagt er. Nicht aus dem Schoß der Erde und aus den Kräften dieser Welt allein soll unser Leben hervorgehen, sondern aus Gott. Bisher gültige Lebensordnungen können uns nicht retten. Sie sind oft genug nur ein Versuch einer Selbsterlösung. Auch religiöses Tun kann in die Gefahr geraten, nur menschliche Leistung zu sein – unter dem Motto: Man muss sich den Himmel verdienen;  koste es, was es wolle!

Ein besonderer Ort für solche kultische Frömmigkeit war der Tempel in Jerusalem. Hunderte von Opfertieren wurden dort jedes Jahr zum Paschafest geschlachtet, große Mengen Opfergeld entgegengenommen und von den Tempelhierarchie verwaltet – alles zur Ehre Gottes. Gewiss. Die Absicht stimmte, aber mit der Zeit wurde alles mehr und mehr ein religiöses Geschäft – ohne innere Wandlung. Das wird es gewesen sein, was Jesus beunruhigte. Er war ja selber ein eifriger Besucher des Tempels. Schon als 12jähriger war er mit seinen Eltern nach Jerusalem hinauf gepilgert und hatte sich im Tempel länger als geplant aufgehalten. Er nannte den Tempel „das Haus meines Vaters!“ Man kann ihm also nicht nachsagen, dass er den Tempelkult ablehnte. Aber er kannte auch die hl. Schriften und beim Anblick des geschäftigen Treibens im Tempel hörte er in seinem Herzen das Wort des Propheten Jeremia, der schon vor ihm das Gottesvolk ermahnt hatte. Fast wörtlich haben die drei anderen Evangelisten die Mahnrede des Jeremia Jesus in den Mund gelegt: „Ist denn dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, eine Räuberhöhle?“. (vgl. Jer 7,11). Mein Haus ist ein Gebetshaus, keine Räuberhöhle!

Jesu Anliegen also ist eine Rückbesinnung auf den Anfang. Vor allem religiösen Tun steht die Ehrfurcht vor Gott und die Anbetung Gottes, die sich in würdevollem Verhalten zeigt. Religiöser Eifer wird leicht zum religiösen Betrieb und verfängt sich in Nebensächlichkeiten. Die Linie geht vom Vielen zum Wichtigen! Eines nur ist wichtig: die Ehre Gottes und die Würde des Menschen. Dagegen sind auch prächtige Tempel- und Kirchenbauten nur vergängliches Menschenwerk. Die seltsame Antwort Jesu hat hier seinen Grund. „Wer bist Du!? Was fällt Dir ein!? Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst“, hatten sie ihn gefragt. Und er antwortete mit dem Hinweis auf die Zerstörung des Tempels, die tatsächlich wenige Jahre später geschah. Hier allerdings meinte er den Tempel seines Leibes. Denn er selbst ist Gottes Wohnstatt mitten unter den Menschen – und dieser Tempel wird nach drei Tagen in neuem Glanz wieder aufgebaut sein.

Seine Kritiker verstanden diese Rede nicht und haben ihm die Anspielung auf die Tempelzerstörung übel genommen. Da ist einer, der vergreift sich am Heiligtum! Die Pläne, diesen unbequemen Propheten auszuschalten, wurden immer heftiger geschmiedet. Nicht mehr lange dauerte es und sie klagten Jesus vor den religiösen Behörden als Gotteslästerer an.

Wir sind noch mitten in der Fastenzeit – in der Vorbereitung auf Ostern. Die Einladung zu Beginn, sich der Frohbotschaft vom Reich Gottes und seiner neuen Lebensordnung zuzuwenden, bleibt weiter in Geltung.

Manchmal ist eine Tempelreinigung unumgänglich – eine Entrümpelung im eigenen Herzen. Das Ausräumen von Unbrauchbarem, um Gott einen Platz einzuräumen.

Das kann auch bedeuten, lieb gewonnene religiöse Ausdrucksformen auf ihren inneren Gehalt hin zu überprüfen. Ist das Herz dabei – oder ist es nur äußeres Tun und religiöse Darstellung?

Wer bei Jesus in die Schule geht, wird eine Antwort finden. Erneuerung beginnt immer im Herzen und zeigt sich dann im Tun. Bitten wir den Herrn, dass er auch unseren Tempel reinigt, den Tempel unseres Herzens.

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