Ein nächtliches Gespräch mit Folgen

Predigt am 4. Fastensonntag  – 18. März 2012
Lesungen: 2 Chr 36,14-16.19-23 / Eph. 2,4-10 / Joh 3,14-21

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Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Er war Mitglied einer angesehenen Familie und Mitglied des Hohen Rates in Jerusalem – vielleicht würde man heute sagen – des Domkapitels. Er gilt  als Vertreter des schriftgelehrten Judentums – Nikodemus.  Auf Jesus war er aufmerksam geworden, weil die Leute viel Gutes über diesen Mann aus Nazareth redeten. Man sagte, er würde das Heil Gottes unmittelbar anbieten, sozusagen außerhalb der offiziellen Wege – laienhaft, ohne Amt und Würde. Im Schutz der Nacht bat Nikodemus um ein Treffen mit Jesus. Er wollte sich bei seinen Amtskollegen nicht als heimlicher Verehrer Jesu preisgeben. Denn diese hatten Vorbehalte gegenüber diesem Wanderprediger ohne theologisches Diplom. Was genau in dieser Nacht besprochen wurde, wissen wir nicht. Der Evangelist hat nur das Wichtigstes festgehalten. Jedenfalls sind sich die beiden näher gekommen – so sehr, daß sich Nikodemus fortan heimlich als Jünger Jesu verstand und ihm – trotz der tragischen Entwicklungen – über den Tod hinaus treu blieb.

Nikodemus war bei der Bestattung Jesu dabei, brachte die Salben mit, um dem Leichnam Jesu nach jüdischer Bestattungssitte die letzte Ehre zu erweisen. Vor diesem Hintergrund wird das nächtliche Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus noch wichtiger. Denn Jesus bleibt dem fragenden Schriftgelehrten keine Antwort schuldig. Er hat es nicht nötig, sich bei den „Amtlichen“ einzuschmeicheln. Offen redet er von seiner Sendung und von seinem Schicksal: daß er erhöht würde – eine Anspielung auf seinen Kreuzestod und eine Erinnerung an die von Mose aufgerichtete eherne Schlange. Die Schlange war schon damals das Symbol für Heilung und Heil, weil sie durch ständige Erneuerung ihrer Schlangenhaut augenscheinlich immer neue Lebenskraft zeigt.  Noch heute ist die aufgerichtete Schlange das Standessymbol der Ärzte.

Jesus weiß, wovon er redet. Er sei in diese Welt gekommen, um sie zu retten, nicht um sie zu richten. Weil Gott seine Schöpfung liebt, liegt es nicht in seinem Interesse, daß die Menschen und ihre Welt ins Verderben rennen.  Freilich verschweigt Jesus auch nicht, daß die Menschen das Licht scheuen, ängstlich und misstrauisch sind, die Finsternis mehr lieben als das Licht.

Ob Nikodemus das alles verstanden hat?  Es wird ihm wohl so ergangen sein, wie es auch uns heute ergeht: wir verstehen Vieles nicht von Gott, von seinem Wirken in der Welt, von seiner Kirche und von allem, was uns täglich begegnet. Der bekannte Psychologe Karl Gustav Jung, ein religiöser Mensch mit Distanz zu seiner evangelischen Kirche, sagte einmal: das Walten Gottes geschähe auf die allerabsonderlichste Weise – zu deutsch: es ist kaum zu begreifen. Wir neigen immer dazu, uns ein einfaches Bild von Gott zu machen: Gott, groß und mächtig, belohnt die Guten, bestraft die Bösen. Er möge dort eingreifen, wo ein Mensch gerade mal in Not ist, uns im übrigen aber lieber nicht allzusehr stören. Insgeheim möchten wir von ihm in Ruhe gelassen werden. Wir verhalten uns wie ängstliche Kinder, die fürchten, das Wohlgefallen ihrer Eltern zu verlieren, wenn sie nicht brav sind. Und dann leben wir doch so, als ob es Gott gar nicht gäbe.

Jesu Gottesbild hat teilweise andere Züge. Der Gott Jesu ist menschenfreundlich nahe und zugleich erschreckend fern, verborgen und offenbar zugleich, mit weltlichen Zügen und doch so unbegreiflich göttlich. Einer, der sich nicht aufdrängt, aber doch mit mahnender Stimme zur Umkehr und zum Ernst des Lebens ruft, einer, der den Menschen zumutet, alles Irdische hintanzusetzen, um in seine Gefolgschaft zu kommen – und gleichzeitig mahnt: macht Euch die Erde untertan. Hegt und pflegt Euer irdisches Zelt und laßt es nicht verderben!

Es war ein großer Schritt  im Ringen um das besseren Verständnis der Geheimnisse Gottes, den der hl. Paulus gemacht hat. Er war ja auch gut  vorgebildet in den besten Schulen seiner jüdischen Tradition. Ihm gelang es, die Überlieferung Israels mit den Ereignissen um Jesus zu verknüpfen. Und in diesem Zusammenhang entstanden dann seine eindringlichen Worte in seinen Briefen – so etwa wie die folgenden aus der heutigen Lesung.„Gott, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden (wie) tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Chrisuts wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet“.

Das ist auch ein Wort für unsere Ohren. Wir sind gemeint. Wir sind manchmal wie tot, abgeschnitten vom Lebensquell Gottes, ab-gesondert – und das ist ja der bildhafte Ausdruck von Sünde. Denn das Wort Sünde kommt vom altdeutschen Wort „sund,“ das heißt „Abstand“ – Trennung. Wer abgetrennt vom Lebensquell lebt, ist in lebensbedrohlicher Lage, ist wie tot, lebt in Sünde. Das aber ist noch lange nicht sein Schicksal. Denn er kann die Stimme des Retters hören, wenn er will. Das ist seine Chance. Darum kann Paulus an anderer Stelle auch sagen: „Laßt euch versöhnen mit Gott“. Er sagt nicht: „Versöhnt euch mit Gott – so, als ob das eine menschliche Leistung wäre, sondern „Laßt euch versöhnen“, d.h. wir sollen das Angebot des Erbarmens annehmen und nicht zurückweisen. „Gott hat seine Welt so sehr geliebt, daß er seinen Sohn gesandt hat!“ Dieser Satz aus dem nächtlichen Gespräch mit Nikodemus gehört zu den kostbarsten Sätzen im Johannesevangelium. Er ist es wert, immer wieder bedacht zu werden. Von Gott her ist uns Heil und Rettung angeboten. Wie töricht, es nicht anzunehmen.

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