Sinn im Leiden?

Predigt am 5. Fastensonntag  – 25. März 2012
Lesungen: Jer 31,31-34 / Hebr 5,7-9 / Joh 12,20-33

Alle liturgischen Texte (hier)

Die 6-Minuten-Predigt hier anhören.

Ein geistlicher Impuls aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier)
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Das heutige Evangelium ist ein Deutungsversuch des unabwendbaren Schicksals, das Jesus erlitten hat. Er selbst hatte ja seinen Jüngern gesagt, was sie nicht hören wollten und deshalb verdrängt haben: dass er verkannt und als Gotteslästerer angeklagt würde und dass dieses ungerechte Urteil über ihn nicht zu vermeiden sei. Im Bild vom Weizenkorn, das nur dann Frucht bringt, wenn es in die Erde fällt und stirbt, deutet Jesus seinen bevorstehenden Tod an. Seinen Zuhörern möchte er eine Verständnishilfe geben. So, als ob es nicht anders ginge, sieht Jesus sein Todesleiden und seine Auferstehung in Herrlichkeit als einen unvermeidbaren Durchgang zum Leben.

Wer an seinem Leben hängt, verliert es. Wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Dieses Wort muss man oft hören und im Herzen erwägen. Denn es könnte ein Schlüssel sein für das Verständnis unseres eigenen Daseins.

 

Nicht an seinem Leben hängen – wie geht das? Soll man einfach von sich absehen, sich nicht mehr um sich kümmern? Darf man denn so achtlos mit sich umgehen? Darf man sich vernachlässigen, sein eigenes Leben einfach wegwerfen wie ein altes Kleid? Im Buch Jesus Sirach lese ich das genaue Gegenteil: „Bei all deinem Tun achte auf dich selbst“ , heißt es da (Sir 32,23). Der achtsame Umgang mit dem Geschenk des Lebens ist also Pflicht und Aufgabe. Man kann Jesus gewiss nicht unterstellen, er hätte diesen Rat nicht gekannt. Er lebte ja aus den Quellen der Hl. Schrift. Sein Handeln folgte auch dem Prophetenwort: „Das geknickte Rohr wird er nicht brechen. Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen!“ (Mt 12,20)

Gott ist ein Freund des Lebens. Das war ein Glaubenssatz der Väter, den Jesus beherzigt hat. Nicht am eigenen Leben hängen kann dann aber nur bedeuten: zu wissen, dass dieses Leben in der Hand Gottes geborgen ist und deshalb nicht krampfhaft mit allen Mitteln festgehalten  werden muss. Es bedeutet, dass einer vor dem Tod keine Angst mehr zu haben braucht. Er ist frei von allen Anhaftungen an das irdische Leben und deshalb für die Liebe zu seinen Mitmenschen offen.

Wir wissen es: Liebe ist keine sentimentale Angelegenheit, sondern verlangt oft genug Verzicht und Opfer. Sigmund Freud, Arzt und Begründer der Psychoanalyse, hat zwei Ziel der Seelenheilkunde genannt: Die Wiedererlangung der Genussfähigkeit – und die Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit. Wer nicht wirklich genießen kann, wird für seine Mitmenschen ungenießbar. Und wer keine Fähigkeit entwickelt, einer sinnvollen Arbeit nachzugehen, dessen Leben verblasst. Er kann an der Sinnlosigkeit des Daseins krank werden.
Ein anderer großer Arzt, Viktor Emil Frankl, hat das erste der beiden Therapieziele leicht verändert und ein drittes Ziel hinzugefügt. Er möchte erreichen: Die Wiedererlangung der Liebesfähigkeit – anstatt der bloßen Genussfähigkeit. Auch die Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit gehört zu seinen Zielen. Und das dritte nennt er: Die Wiedererlangung der Leidensfähigkeit. Das mag überraschen und ungemütlich klingen. Aber es ist im Blick auf die Geschichte Jesu ein unvermeidbares Ziel.

Lieben kann man nur, wenn man auch Leiden gelernt hat. Vergleichbares sagt der Hebräerbrief über Jesus: „Er hat im Leiden den Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,8) – was so viel bedeutet wie: Er hat im Durchhalten und Ertragen von Leid den Gehorsam, d.h.  das Hören auf den verborgenen Sinn von allem eingeübt.

Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der nach durchlittenen schweren Tagen sagen wollte: das war alles umsonst. Gewiss wird einer sagen: das war zu viel, das war kaum auszuhalten, das möchte ich nie wieder erleben. Aber – es hat wohl auch so sein müssen. Ich bin reifer geworden. Ich habe dazugelernt: mehr Geduld, mehr Verständnis für das Leben, mehr Fähigkeit zu lieben trotz allem, was mir aufgebürdet wurde.

Die Leidensgeschichte Jesu ist kein historisches Ereignis ohne jeden Bezug zu unseren Leidensgeschichten. Denn „er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen“ (vgl. Mt 8,17). Wir sind also auch in den letzten zwei Wochen vor Ostern eingeladen, vor dem Leiden – dem eigenen und dem fremden – nicht die Augen zu verschließen, sondern hinzuschauen und nach dem verborgenen Sinn zu fragen, den Jesus seinem eigenen Geschick gegeben hat: es war ein notwendiger Durchgang zum neuen Leben: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird“, sagt er über sich selbst. (vgl. Joh 12,23).

„Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein.“ (Joh 12,26). In der Nähe zu Jesus erst begreifen wir allmählich, welchen Sinn das unerklärliche Leid in dieser Welt haben kann: dass es nur der Schatten dessen ist, was wir als Licht ersehnen und erhoffen dürfen. Beim Hören der Leidensgeschichte Jesu werden wir eingeladen, sie mit unseren eigenen Geschichten zu verknüpfen. Wer das versucht, wird einen Bedeutungswandel erfahren. Es wird ihm eines Tages aufgehen, dass alles einen Sinn gehabt hat – und das wird seinem Leben einen stillen Frieden und eine große angstfreie Gewissheit verleihen.

Einen weiterführenden Beitrag zum Thema finden Sie hier

 

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