Wenn es einem die Sprache verschlägt – Karfreitagsmeditation

Zur Liturgie des Karfreitag (hier)

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Das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz lesen wir in der Liturgie des Karfreitags immer aus dem Johannesevangelium. Eigentlich ist jedes deutende Wort dazu eher störend als hilfreich. Wäre nicht Stille und Schweigen besser als Reden? Sprechen wir nicht auch von einem „unsagbaren“ Leid, wenn es uns buchstäblich die Sprache verschlägt.

Und doch müssen wir reden, müssen es wenigstens versuchen, eine Brücke zu bauen zwischen den Ereignissen damals in Jerusalem und dem, was heute weltweit geschieht. Die Passion Jesu – vor fast 2000 Jahren – verstehen wir ja nicht als ein Ereignis ohne jeden Bezug zu unserem grauen und oft genug auch abgründig leidvollem Alltag. Denn der Hingerichtete war – wie der römische Hauptmann nach dem Evangelium des Markus bekannt hat – der Sohn Gottes, nicht irgendein Mensch, nicht irgendein religiöser Erneuerer.

Gott selbst also blickt vom Holz des Kreuzes herab auf seine Menschheit. Sein Blick trifft uns – stumm, fragend und einladend. Der gekreuzigte Jesus erinnert und daran, dass er beim letzten Abendmahl nach der Fußwaschung gesagt hat: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Und der auferstandene Jesus spricht ähnlich zu den beiden verzweifelten Emmausjüngern : „Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen!“ (Lk 24,25).

Um euretwillen habe ich das Kreuz angenommen, damit ihr spürt, dass ihr in euerem Leiden, in euerem Elend, in eueren Abgründen von Schuld, Sünde, Not und Tod, nicht alleingelassen seid. Ich bin hinabgestiegen in das Reich des Todes, damit ihr in euerem täglichen Leiden und Sterben nicht verzweifelt, sondern Hoffnung gewinnt. Meinen Tod bin ich in die Hände des Vaters hinein gestorben – und er hat mich bewahrt vor dem Untergang. Er hat mich auferweckt zum unauslöschlichen endgültigen Leben, das von jetzt an bereit steht – für euch und für alle.

Nach den großen Fürbitten wird das Kreuz enthüllt und verehrt. Die Gläubigen gehen nach vorne und  verneigen sich vor dem Bild des unbegreiflichen Geschehens auf Golgotha. Und in diesem Verneigen können sie Kontakt aufnehmen zum eigenen Elend wie zum Elend der ganzen Welt – zu den Leidenden in Syrien und in vielen anderen Konfliktorten, zu den Kranken und Sterbenden in dieser Stunde in Regensburg und überall auf der Welt, zu den psychisch Kranken und Verletzten, den Menschen auf der Flucht, den Hungernden, denen, die keine Hilfe erfahren, den Niedergeschlagenen und Süchtigen, den in ihren Wahnvorstellungen Gefesselten. Die Wunden des Gekreuzigten sind die Wunden, aus denen die ganze Welt blutet.

Christus am Kreuz ist der schweigende Austragungsort des Weltendramas. Zwischen Himmel und Erde eingespannt vollendet er, was wir Menschen nicht vermögen, holt er heim, was verloren ist, zieht  alle an sich, damit sie sich bergen können in seiner unbegreiflichen Liebe.

 

In der Neumünsterkirche in Würzburg hängt ein Cruzifix in ungewöhnlicher Darstellung: die Hände des Gekreuzigten sind nicht mehr am Querbalken angenagelt, sondern strecken sich in einer Geste der Umarmung dem Betrachter entgegen. Der Religionsphilosoph Bernhard Caspar  schreibt dazu: man könne sich vorstellen, dass der Gekreuzigte den Betrachter leise anspricht und sagt: „Schau her, ich stecke in Deiner Haut“. Schon Papst Leo dem Großen (+ 461) war dieser Gedanke nicht fremd. Er sagte in einer Predigt über die Passion des Herrn: „Wer das Leiden des Herrn aufrichtrig verehrt, wird mit dem Auge des Herzens auf den gekreuzigten Jesus schauen und dabei im Leib des Gekreuzigten seinen eigenen Leib erkennen“.

Wenn das so ist, dann sind die Menschen  in ihren Leiden nicht mehr allein. Dann haben sie nicht nur einen Weggefährten durch die Fährnisse des Lebens, sondern auch einen mitleidenden Lastenträger, der den guten Ausgang kennt und sie mit sich hineinträgt in das neue Leben bei Gott.

 

Der Karfreitag ist die Antwort Gottes auf die bohrenden Fragen unserer Zeit. Die ganze Welt ist seither bezeichnet mit dem Zeichen des Kreuzes – und es ist ein Zeichen des Sieges. Wenn der Karfreitag der Welt durchgestanden sein wird, wird Gott das Antlitz der Erde erneuern – Ostern wird auch Ostern der Welt sein. Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, den wir in der Osternachtsliturgie wieder feiern. Darin finden wir unseren Halt, unserer Zuversicht und Hoffnung.

In den Stunden der Stille bis zur Feier der Osternacht sollen alle unnötigen Tätigkeiten ruhen, sollte Platz sein für Besinnung und Gebet. Denn Reinhold Schneiders Gedicht – geschrieben 1936 nach der Machtergreifung des menschenverachtenden Nationalsozialismus und den Größenwahn der Herrschenden – hat auch heute noch Gültigkeit:

Allein den Betern kann es noch gelingen
das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
und diese Welt den richtenden Gewalten
durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
was sie erneuern, über Nacht veralten,
und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
indes im Dom die Beter sich verhüllen,
bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
und in den Tiefen, die kein Aug’ entschleiert,
die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.

Christen beugen vor Niemanden die Knie, allein vor Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Denn durch sein Hl. Kreuz hat er die ganze Welt erlöst.

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